Wo Zürich wachsen soll

Der Regierungsrat zeigt auf, wo und wie der Kanton in den nächsten Jahrzehnten wachsen soll. Mit sieben Strategien will er verhindern, dass der Kanton Zürich zu einem Siedlungsbrei verkommt.

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Wenn drei Regierungsräte gleichzeitig vor die Medien treten, ist Wahlkampf – oder sie haben etwas wirklich Wichtiges zu sagen. Gestern galt ­beides. Baudirektor Markus Kägi (SVP), Volkswirtschaftsdirektor Ernst Stocker (SVP) und Martin Graf (Grüne), der Direktor der Justiz und des Inneren, stellten «LaRES» vor, die Langfristige Raumentwicklungsstrategie für den Kanton Zürich. Kägi stellte anfangs die «Schlüsselfrage»:

«Wie können wir das Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum nutzen, um die hohe Standort- und Lebensqualität weiterzuent­wickeln, die den Kanton Zürich heute auszeichnet?»

Gleich wurde klar: Wir erhalten eine Lektion in positivem Denken. So sprach Martin Graf nicht über Dichtestress, sondern über Dichtetoleranz. Probleme gibt es nicht, nur Herausforderungen.

280'000 Einwohner mehr

Die grösste Herausforderung ist das Bevölkerungswachstum. In den letzten fünf Jahren ist der Kanton um 100'000 Einwohner gewachsen, also um etwa die Stadt Winterthur. Prognostiziert wird bis 2040 ein Plus von 278'000 Einwohner, ein Anstieg um zwanzig Prozent. Es gehe nicht darum, dieses Wachstum zu ermöglichen, erklärte Markus Kägi, sondern es zu bewältigen, wenn es tatsächlich eintreffe. Bereits im kantonalen Richtplan wird festgehalten, dass achtzig Prozent des künftigen Bevölkerungswachstums in den Städten und urbanen Wohnlandschaften konzentriert werden sollen. Es geht um ein «Wachsen nach innen». «Diese Dynamik bietet Gestaltungsmöglichkeiten», hält Kägi fest. Dazu hat der Regierungsrat sieben Strategien ent­wickelt, die er als Kompass für das kantonale Handeln versteht: Räumliche Entwicklungsmöglichkeiten für den Wirtschaftsstandort schaffen: Laut Ernst Stocker sollte der Wirtschaftsstandort Zürich diversifiziert werde. Er sprach die Konzentration auf die Banken und Versicherungen an – und die Verdrängung von Gewerbe und Logistikfirmen. Hier seien vor allem die regionalen Richtpläne gefordert, damit Brachen nicht einfach mit Wohnungen überbaut würden, die hohe Renditen abwerfen und damit für Gewerbetreibende zu teuer werden. Die regionale Versorgung ist wichtig.

Die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten: Natur- und Kulturlandschaften werden vom Siedlungsdruck entlastet.

Zentren stärken und Mobilität abstimmen: Die Verdichtung muss mit der Erschliessung einhergehen. Dabei sind laut Stocker der öffentliche Verkehr und der Autoverkehr zu berücksichtigen. Mit dem Fokus auf 2050 sprach er von «den intelligenten Google-Wägeli», die den Chauffeur ablösen. Und davon, dass mehr Verkehr unter den Boden müsse.

Baukultur und Landschaftsbild als Grundlage für lokale Identität weiterentwickeln: «Wir wollen keinen Einheitsbrei», sagte Kägi. Bedeutende Landschaftsbilder und identitätsstiftende Orte sollen erhalten und verstärkt werden. Geschichte soll erkennbar sein. Dazu gehöre, dass auf zeitgenössische Baukultur und kluge Städteplanung geachtet werde.

Vielseitige Freiräume für Erholung bieten: Speziell im bebauten Raum gilt es, Freiräume zu schaffen und zu stärken. Denn, so sagte Martin Graf: «Verdichtung im eigenen Umfeld wird nur dann akzeptiert wird, wenn im Gegenzug auch ein Mehrwert geboten wird.» Er stützte sich dabei auf eine repräsentative Bevölkerungsumfrage, die zeigte, dass eine klare Mehrheit (78  Prozent) findet, dass das Bevölkerungswachstum im Siedlungsgebiet stattfinden soll. Doch nur ein Fünftel würde Verdichtung im eigenen Umfeld ohne weitere Massnahmen tolerieren. «Da müssen wir viel Überzeugungsarbeit leisten, um Ängste abzubauen», sagte Graf.

Ortsspezifische Dichten entwickeln: Die Verdichtung muss differenziert werden. So hält der Regierungsrat auf einer Karte fest, wo wie stark verdichtet werden soll. Dabei gibt es Hotspots, bei denen ein besonderes Augenmerk darauf gerichtet werden müsse, dass die Lebensqualität hoch bleibe.

Wohnraum mit Qualität für unterschiedliche Lebensstile schaffen: Die Bevölkerung im Kanton Zürich wird älter und heterogener. Danach müsse sich auch das Wohnungsangebot richten. Kägi sagte: «Es braucht geeignete Wohnungen für jedes Alter, für jedes Einkommen und jede Haushaltsform.»

«Wohlfühl-Geschwurbel»

Diese langfristige Raumentwicklungsstrategie des Kantons führt nicht direkt zu neuen Verordnungen und löst auch keine neuen Beitragsgelder oder andere Ressourcen aus. So bemängeln denn auch die Grünen in einer Medienmitteilung: «Wenn man keine griffigen Instrumente will, dann läuft die Strategie Gefahr, als Hochglanz-Wohlfühl-Geschwurbel zu enden.»

Der Regierungsrat seinerseits spricht von einem «informellen Instrument», das der kantonalen Verwaltung über die Direktionen hinweg als Orientierungs- rahmen diene. Zudem soll es bei künftigen Revisionen der kantonalen und regionalen Richtpläne seine Wirkung entfalten und den Gemeinden aufzeigen, wo und wie der Kanton wachsen soll.

«Wir müssen über Dichte reden», sagte Regierungsrat Kägi zum Abschluss. «Und sicherstellen, dass wir darunter dasselbe verstehen.» Der Zürcher Kantonsplaner Wilhelm Natrup führte aus: «Es geht nicht um ein Hongkong oder um ein London, nicht einmal um ein Frankfurt.» Denn selbst wenn der Kanton bis 2050 tatsächlich um die prognostizierten 280'000 Einwohner wachsen würde, bedeute das keinen Quantensprung. Der Kanton Zürich werde deswegen nicht zugebaut.

Erstellt: 10.02.2015, 11:43 Uhr

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