Wofür «Tagi»-Leser die ZKB-Millionen ausgeben würden

Den Politikern fehlt es bei der Verwendung der Jubiläumsdividende an Ideen. Wir haben bei unseren Lesern nachgefragt.

Zahlreiche Leser würden mit dem Geld der ZKB in Zürich mehr Velowege bauen. Foto: Urs Jaudas

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Da erhält der Kanton Zürich eine «Jubiläumsdividende» von 150 Millionen Franken von seiner Kantonalbank – aber Politikerinnen und Politiker tun sich schwer mit Ideen, was man mit dem Geld anstellen könnte. Anders die Leserinnen und Leser des «Tages-Anzeigers»: Mehr als 120 Zuschriften gingen auf den Aufruf ein, Ideen einzusenden.

Die Fantasie der Leserschaft kennt keine Grenzen. So regt eine Leserin den Bau eines Gemeinschaftszentrums im Kreis 4 an, eine andere würde die 36-Stunden-Woche einführen und ein Jahr Elternzeit für alle. Auch ein Druckereimuseum findet sich unter den Vorschlägen, ein rollstuhlgängiger Weg an der Westflanke des Uetlibergs oder ein neuartiges Kino, das Touristen die Schönheit der Schweiz zeigen würde. Immerhin drei Personen finden, das Geld solle in die Kaserne investiert werden. «Ein Bijou» könne man aus dem Areal machen, schreibt ein Leser, «welches für alle höchsten nationalen und internationalen Preise» würdig wäre.

Ein Leser reichte ein mehrseitiges Konzept für eine Neubeschilderung von Wanderwegen ein. Als Erstes sollten die aus seiner Sicht unschönen Stahlpfosten, an denen die Schilder angebracht sind, grün oder braun gestrichen werden, damit sie weniger auffallen. QR-Codes an jedem Pfosten sollten zu einer Website führen, die «Interessantes zur wahrnehmbaren Umgebung» zeigt. Langfristig schwebt dem Leser gar eine interaktive Karte vor, auf der jeder Wegpfosten eingetragen ist: Der Nutzer könne diese dann anklicken, und das System würde ihm eine individuelle Wanderung samt Distanz, Marschzeit und Art des Untergrunds ausspucken.

Geht es nach der Mehrzahl der Zuschriften, würden die 150 Millionen allerdings in den Umweltschutz fliessen: Fast jeder vierte Leser möchte das Geld in erneuerbare Energien, Stadtbegrünung oder Velowege stecken. Zahlreiche Leserinnen und Leser wünschen sich ein autoarmes Zürich. «Wie schön wären die Strassen ohne parkierte Autos?», fragt ein Leser. Er regt den Bau von Parkhäusern an, und weiter schreibt er: «Aus dem Platz, der frei wird, machen wir Velostreifen und Velowege.» Ein anderer Leser fände den Bau eines Velotunnels von Fällanden nach Witikon sinnvoll, um auch Pendler aus dem Zürcher Oberland auf das Velo zu locken: «Dank einem Tunnel würden auch bei Regen mehr Pendler auf das Velo umsteigen.»

Eine Leserin findet, das Geld müsse in nachhaltige Energien gesteckt werden: «Eine unsichere Zukunft steht vor der Tür, und die Kantons­räte zerbrechen sich den Kopf über Sachgeschenke, Hunderternötli, ein Seerestaurant oder gar ein Ozeanium. Es ist unglaublich!» Ähnlich sieht es ein weiterer Leser, der mit dem Geld eine Zukunfsstiftung gründen würde «für unsere Jungen und alle, die für unser Klima auf die Strasse gegangen sind».

Wanderwegweise mit QR-Codes? Auch das eine Leseridee. Foto: Urs Jaudas

Vielen Leserinnen und Lesern liegt das Soziale am Herzen. Eine ehemalige Flüchtlingsbetreuerin würde mit den Millionen Arbeitsintegrationszentren für Flüchtlinge aufbauen. Damit könnten «brachliegende Ressourcen von arbeitswilligen Menschen sinnvoll und langfristig genutzt werden». Andere wollen mit dem Geld das gescheiterte Experiment für ein Grundeinkommen doch noch realisieren oder Sozialhilfebezügern einen Zustupf geben. «Jedem eine einmalige Zuwendung für mehr Taschengeld!», verlangt ein Leser. Eine andere Leserin würde jedem von Armut betroffenen Kind 10'000 Franken zukommen lassen, dazu schreibt sie: «Dieses Geld würde aber nicht bei der Sozialhilfe abgezogen!» Ein halbes Dutzend Menschen schlagen vor, die 150 Millionen in der einen oder anderen Form ins Gesundheitswesen oder die Betreuung alter und behinderter Menschen zu stecken, etwa in eine Tagesbetreuung für Demenzkranke.

Der wohl originellste Vorschlag ist eine Art «Rüebli-RS» für angehende Rentner. Der Ideengeber arbeitet als 73-Jähriger selbst im Begleitdienst in seiner Wohngemeinde. «Mein Anliegen ist es, die Vereinsamung der Alten zu vermindern», schreibt er. Aus eigener Erfahrung wisse er, wie schwierig das sei: «Ohne sanften Zwang zur Societät geht es kaum.»

Schiff statt Seilbahn

Die Fantasie regt auch die Kombination Jubiläumsdividende und ZKB-Seilbahn an. So halten einige Leserinnen und Leser eine Fährverbindung – möglichst elektrisch betrieben – für sinnvoller als eine Seilbahn, wobei eine Leserin freimütig einräumt: «Wie teuer so ein Schiff ist, entzieht sich meiner Kenntnis.» Andere hätten lieber freien Seezugang. Einer schlägt vor, eine Seilbahn zum Zoo statt über den See zu bauen und das Geld «als Schweigegeld für die Einsprachler» zu verwenden. Ein Zweiter möchte die Seilbahngondeln an einer Art Schienensystem in die Stadt hinein führen, quasi als Tram in der Luft.

Eine Dritte würde jedem ZKB-Kontoinhaber eine Gondelfahrt schenken, dann wären die Gondeln, wie sie schreibt, wenigstens zuverlässig ausgelastet. Womit wir bei einem weiteren Anliegen wären, das ebenfalls viel Zuspruch findet: Gratistickets. Für den ZVV, in den Zoo, in Museen, für die Limmattalbahn (als Wiedergutmachung für die vom Bau geplagten Anwohner).

Den Bündnern schenken?

Natürlich finden sich unter den Zuschriften auch solche, die nicht ganz ernst gemeint sind. Ein Leser aus Landquart schreibt, falls Zürich keine Idee habe, könne man das Geld ja «zwecks Zuschüttung des Stadt-Land-Grabens einfach nach Graubünden schicken». Als Gegenleistung würden sich Einheimischen-Tarife am Skilift anbieten. Eine Leserin würde Politiker und solche, die es werden wollen, in einen obligatorischen Kurs über respektvollen Umgang mit anderen schicken. Eher zynisch als witzig dürfte jene Zuschrift zu verstehen sein, die «eine milde Gabe an die armen Banken» anregt.

Und dann ist da noch ein halbes Dutzend Leserinnen und Lesern, die das Geldgeschenk der ZKB ebenso wie die Seilbahn ganz grundsätzlich ablehnen. Das Geld gehöre den Sparern, finden sie, die ZKB solle besser Zinsen zahlen und Gebühren senken. Sie aber sind eine verschwindende Minderheit. Die grosse Mehrheit würde wohl den zwei Schreibenden zustimmen, die unabhängig voneinander Zwingli zitieren: «So tut um Gottes willen etwas Tapferes!»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2019, 11:55 Uhr

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