Wohnungsnot: Zürcher versteigern Besichtigungstermine

Vier Ökonomen wollen die Wohnungssuche revolutionieren: Vermieter erhalten Geld für ihr Inserat. Wie viel, bestimmen interessierte Mieter in einer Auktion. Das sei Abzocke, findet der Mieterverband.

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Stressfrei eine Wohnung finden, das soll eine neue Internetplattform möglich machen. Die vier Ökonomen Bernhard Mäder, Fabian Stutz, Mattia Regi und Philipp Jann versteigern darauf Besichtigungstermine. Nur die sieben Höchstbietenden werden dem Vermieter weitergeleitet. So würden Mieter und Vermieter Zeit und Nerven sparen, sagen die jungen Zürcher.

Alle vier leben seit durchschnittlich 7 Jahren in der Stadt Zürich, und jeder hat zwischen zwei und fünf Wohnungswechsel hinter sich. Sie alle rannten von Besichtigung zu Besichtigung und bekamen doch in den allermeisten Fällen nur Absagen.

Eines hat die vier jungen Männer dabei besonders gestört: 44'000 Wohnungswechsel werden in der Stadt Zürich pro Jahr vollzogen, und über die Hälfte dieser Wohnungen – oft jene mit einem attraktiven Mietzins – wird dabei unter der Hand weitergegeben, vermittelt oder untervermietet. Diesen «Schattenmarkt», zu dem besonders Neuzuzüger kaum Zugang haben, wollen sie nun erschliessen – mithilfe einer Prämie.

Zahlen statt Schlange stehen

Damit Vermieter ihre Wohnungen auf Flatfox.ch öffentlich ausschreiben, bekommen sie Geld für ihr Inserat. Diese Prämie bezahlt der Mieter, der den Zuschlag für die Wohnung erhält. Die Höhe bestimmen die interessierten Mieter in einer Auktion. Sie darf maximal 75 Prozent einer Monatsmiete betragen und zeigt dem Vermieter an, wie ernst es einem potenziellen Mieter ist. Wer mehr bietet, landet also weiter oben im virtuellen Stapel der Bewerbungsdossier. Der Vermieter ist jedoch frei in der Wahl des Mieters. Die sieben Höchstbietenden werden ihm angezeigt, ob er denjenigen mit dem höchsten Prämiengebot oder jenen mit dem sympathischsten Bewerbungsprofil auswählt, ist seine Sache.

Die Mieter profitieren durch den Zeitgewinn: Statt an viele aussichtslose Wohnungsbesichtigungen zu gehen, solle ein Mieter erst dann seine Zeit opfern, wenn tatsächlich auch die Chance auf den Erhalt einer Wohnung bestehe, so die Idee der Flatfox-Gründer. Auch diese profitieren: Sie nehmen ein Viertel der Vermittlungsgebühr. Bei Verwaltungen, die vom System bereits durch das Zusammenstellen der Dossiers stark profitieren, nimmt Flatfox die ganze Prämie.

«Aus der Wohnungsnot Profit gemacht»

Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz in Bern, will die Idee nicht partout verurteilen. «Solange die Konditionen für alle gleich und transparent sind und eine Information ermöglichen, kann das durchaus etwas Gutes sein.» Ob Flatfox allerdings nötig ist, stellt sie infrage.

Walter Angst, Sprecher des Zürcher Mieterverbandes, findet deutlichere Worte: Flatfox.ch sei total überflüssig, sagt er. «Da machen ein paar Leute ein Geschäft mit der Wohnungsnot.» Es gebe bereits einen gut funktionierenden, transparenten Prozess bei der Suche nach einem Mieter. Diese sei Sache des Vermieters und der Verwaltung und werde über die Miete bereits bezahlt. «Einen Maklerdienst braucht es nicht, er bringt nichts und kostet nur.»

«Der Vermieter muss die ganze Arbeit trotzdem machen»

Dass Flatfox die Prämie auf 75 Prozent einer Monatsmiete beschränkt, wertet Angst nicht als positiv: «Im Kanton Zürich ist das der gesetzlich vorgeschriebene Maximalbetrag, den Makler verrechnen dürfen.» Für den Service, den Flatfox biete, sei dieser Preis allerdings eine Frechheit. Denn die grösste Arbeit, das Sichten der Bewerbungsdossiers, müsse der Vermieter trotzdem noch machen. Die Solvenz abchecken etwa oder Referenzen einholen. Für den Mieter ergäben sich auch keine Vorteile. Er müsse nur eine zusätzliche Gebühr bezahlen. «Diese Geschäftsidee gehört in die Kategorie ‹Besser nicht erfunden›», sagt Angst.

Den Vorwurf der Abzocke will Mattia Regi nicht so auf sich sitzen lassen. «Das, was wir verdienen können, hält sich sehr in Grenzen.» Bei einer Auktion könne man auch null Franken bieten. Die Erfahrung zeige, dass man trotzdem grosse Chancen habe, dass das Dossier weitergereicht werde.

In Deutschland sei das «Makler-Unwesen» bereits weitverbreitet, so Angst. In der Schweiz zum Glück noch nicht. Wenn die Flatfox-Macher ihr Angebot als Demokratisierung des Wohnungsmarktes verkaufen würden, sei das ein Hohn. «Die Transparenz, die sie schaffen wollen, macht das Wohnen noch teurer.»

Beziehungsmarkt stark in der Schweiz

Der starke Beziehungsmarkt in der Schweiz, wo Mieter einen oder mehrere Nachmieter stellen, die ins Quartier passen, eine Beziehung dazu haben, sei ein Segen, so Angst. Und auch bei Neuausschreibungen würden viele Verwaltungen ihren Job gut machen und für einen dem Quartier angemessenen Mietermix sorgen.

Erstellt: 22.05.2013, 12:41 Uhr

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