ZVV hält nichts von Tarifplänen der SBB

Eine Studie des Zürcher Verkehrsverbunds zum 9-Uhr-Pass zeigt: Pendler lassen sich auch mit tieferen Preisen nicht auf spätere Züge verdrängen.

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Nicht nur die Kundinnen und Kunden der SBB reagieren ablehnend bis empört auf die Pläne der SBB für tageszeitabhängige Billettpreise. Auch der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) hat starke Bedenken: «Wenn man den Pendlerverkehr verteuert, setzt das keine zusätzlichen Kapazitäten in den Stosszeiten frei», ist ZVV-Direktor Franz Kagerbauer überzeugt. Mit anderen Worten: Die Pendler lassen sich gemäss den Erfahrungen des ZVV nicht beliebig über den Tarif umerziehen – weil die meisten ihre Arbeitszeit nicht frei wählen können oder wollen.

9-Uhr-Pass: Zwiespältige Bilanz

Der ZVV fühlt sich in seinem Urteil sicher, weil er im Gegensatz zu den SBB über eine langjährige Erfahrung mit zeitlich abgestuften Ticketpreisen hat – seit 1997 mit dem 9-Uhr-Pass. Wer am Morgen erst nach dieser Zeit die Bahn, den Bus oder das Tram beansprucht und den Stossverkehr entlastet, erhält für das ganze Verbundgebiet oder für die Agglomerationen Zürich und Winterthur eine Tageskarte oder ein Abonnement zu einem günstigeren Preis. Ziel des ZVV war es, damit die Morgenspitze zu brechen und die wachsende Gruppe der mobilen Senioren zu einem späteren Aufbruch zu motivieren.

Gemäss einer bisher nicht publizierten Auswertung des ZVV wurde dieses Ziel «nur zum Teil erreicht». Während die 9-Uhr-Tageskarten bis zur Tariferhöhung von 2004 Jahr für Jahr mehr Gelegenheitsreisende auf den öffentlichen Verkehr brachten, fällt die Bilanz bei den 9-Uhr-Pass- Abonnementen schlechter aus. Den Senioren ist die Flexibilität eines vollwertigen Netzpasses offensichtlich wichtiger als ein günstigerer Preis – Neukunden hat der ZVV bei ihnen jedenfalls kaum gewonnen. Dafür aber haben gemäss der Auswertung sehr viele Pendler, die schon immer einen späten Arbeitsbeginn hatten, das neue Angebot dankend angenommen und das günstigere 9-Uhr-Abo gekauft. Dem ZVV verursacht diese Kannibalisierung «erhebliche Einnahmenverluste» von drei bis fünf Millionen Franken pro Jahr.

ZVV: «Kommt für uns nicht in Frage»

Auf Grund dieser Erfahrung ist der ZVV laut seiner Mediensprecherin Beatrice Henes überzeugt, dass eine zeitliche Differenzierung der Ticketpreise «keine Lösung ist, die für den ZVV in Frage kommt». Zumindest in der Region Zürich besteht somit kein Grund für eine allzu grosse Aufregung über die SBB-Pläne: «Wir haben wegen der 9-Uhr-Pass-Abonnemente nicht weniger Leute auf den Morgenzügen und fassen Preisdifferenzierungen daher nicht ins Auge», bekräftigte Henes.

Der ZVV ist bei den Tarifen in seinem Verbundgebiet als Besteller der SBB-Leistungen autonom; er muss einen allfälligen Entscheid der SBB für eine neue Tarifstruktur nicht nachvollziehen. Im luftleeren Raum operiert der Verbund gleichwohl nicht: Etwa jeden dritten Franken aus den Ticketeinnahmen muss der ZVV den SBB für deren Leistungen abgeben. Erhöhen die SBB ihre Tarife, wird der ZVV ebenfalls stärker zur Kasse gebeten. Umgekehrt profitiert er von Ausscheidungen der SBB für Reisende mit Generalabos (GA), Halbtax und Fernverkehrstickets.

Heikel kann es für den ZVV werden, wenn die SBB zum Beispiel ein günstigeres 9-Uhr-GA einführen würden. Dessen Preis käme nahe an den verbundübergreifenden Z-Pass heran – was zu einem Einnahmenausfall führen könnte, wenn als Folge davon viele Pendler auf das SBB-Abo umsteigen würden. Möglich ist aber auch, dass die SBB das ertragsschwache GA verteuern: Dann fiele die Ausscheidung an den ZVV ebenfalls höher aus. Klar ist bei diesem Auf oder Ab nur eines: Es geht schnell um zweistellige Millionenbeträge. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2008, 06:44 Uhr

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