Zähne weg, Kiefer zerstört

Teddy A. ist von mehreren Zahnärzten fehlbehandelt worden. Er kann nicht mehr richtig essen, ist depressiv und arbeitslos. Die Zahnärzte weigern sich, Schadenersatz zu zahlen.

Ihm wurden unnötigerweise alle oberen Zähne entfernt: Teddy A. in der Praxis von Zahnärztin Monika Laass. Foto: Giorgia Müller

Ihm wurden unnötigerweise alle oberen Zähne entfernt: Teddy A. in der Praxis von Zahnärztin Monika Laass. Foto: Giorgia Müller

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Das Urteil der Zürcher Kantonszahnärztin zum Fall von Teddy A. ist unmissverständlich: «Herr A. wurde während knapp vier Jahren von drei verschiedenen Zahnärzten ohne exakte Befundaufnahme, Diagnose, Indikationsstellung und auf äusserst invasive Weise behandelt. Insbesondere wurden Herrn A. im Oberkiefer sämtliche Zähne gezogen, ohne dass genaue Befunde und Erwägungen zur Prognose vorlagen.»

Noch deutlicher wird Monika Laass, eine erfahrene Zahnärztin auf dem Gebiet der Implantologie und rekonstruktiven Zahnmedizin, die Teddy A. nun seit bald vier Jahren betreut und versucht zu retten, wo es eigentlich nichts mehr zu retten gibt. «Ich habe wirklich schon viele schlechte Zahnbehandlungen gesehen, aber so etwas Schlechtes noch nie», sagte Laass der Staatsanwaltschaft, die nach einer Anzeige des Opfers wegen schwerer Körperverletzung ermittelt.

«Alles, was man falsch machen kann, wurde falsch gemacht.»Monika Laass, Zahnärztin.

«Alles, was man falsch machen kann, wurde bei ihm falsch gemacht.» Die Entfernung aller Oberkieferzähne sei ein «nicht nachvollziehbarer aggressiv­chirurgischer Eingriff», der belegbar «in keiner Art und Weise notwendig und berechtigt» war, sagte Laass in der Zeugeneinvernahme, deren Protokoll dem TA vorliegt. Die Entfernung der Zähne sei die Ursache für alle nachfolgenden «furchtbaren Behandlungen» gewesen. «Er hätte seine Zähne behalten können, und all diese Folgen wie Vereiterungen, Entzündungen, Implantatverluste wären nicht geschehen.»

Teddy A. ist heute ein gebrochener Mann. Arbeitslos und depressiv. Die IV hat ihm kürzlich eine Vollrente zugesprochen. Der 62-Jährige hat Schmerzen, kann kaum essen und hat Mühe beim Reden, weil die Zahnprothese nicht hält. Er hat Tränen in den Augen, als er dem TA seine Geschichte erzählt.

Früher war Teddy A. ein erfolgreicher Geschäftsmann, er betrieb in Glattbrugg die erste Schweizer Videothek mit englischsprachigen Filmen. Ursprünglich aus Nigeria stammend, hatte er einige Jahre in London gelebt und war 1981 nach Zürich gekommen, wo er seither wohnhaft und eingebürgert ist. Ein guter Kunde der Videothek war Peter R. (Name geändert), Zahntechniker mit eigener Firma. Eines Tages bot er einen Tauschhandel an: Er würde eine alte Zahnprothese von Teddy A. «schöner machen», wenn er dafür gratis Videos beziehen könne. A. stimmte zu, worauf R. ihn eines Abends in die Zahnarztpraxis eines Bekannten kommen liess und ihm dort anstelle der Prothese eine Brücke setzte, wobei er die nebenstehenden oberen Schneidezähne abschliff.

Verhängnisvolle Abhängigkeit

Wenig später musste Teddy A. sein Geschäft aufgeben, die Konkurrenz durchs Internet war zu gross geworden. Und dann begannen seine Zähne zu schmerzen – offensichtlich eine Folge des Eingriffs von Peter R., der als Zahntechniker gar keine zahnärztliche Behandlung durchführen dürfte. R. hatte deswegen schon in der Vergangenheit mit den Gesundheitsbehörden zu tun gehabt. Teddy A. beklagte sich, worauf R. sagte, er solle bei ihm als Kurier arbeiten, dann helfe er ihm weiter. So begab sich Teddy A. in eine verhängnisvolle Abhängigkeit. In der Folge behandelten ihn mehrere, mit Peter R. bekannte Zahnärzte. Sein Arbeitgeber habe gesagt, er verrechne die Zahnarztkosten mit dem Lohn, erzählt Teddy A., der allerdings nie eine Lohnabrechnung erhalten hat.

Viel schlimmer als die fehlenden Abrechnungen war aber die fehlerhafte Arbeit der Zahnärzte (alle Namen geändert). Der erste, Laszlo B., zog dem Patienten im Frühling 2009 sämtliche Zähne im Oberkiefer und setzte eine totale Sofortprothese ein. Zuvor hatte er weder ein Röntgenbild gemacht noch eine Diagnose gestellt, geschweige denn, den Patienten aufgeklärt, wie die spätere Untersuchung des Falls durch die Schiedskommission der Zürcher Zahnärztegesellschaft ergab. Inzwischen ist Laszlo B. im Ausland verschwunden.

Implantate perforierten Nasenhöhle

Einige Monate nach der Zahnentfernung setzte Zahnarzt Alfred F. acht Implantate in den Oberkiefer des Patienten. F. war angestellt bei Zahnarzt Daniel S., dessen Praxis sich im selben Haus befindet wie das Dentallabor von Peter R. Es war schlechte Arbeit: Ein Implantat ragte in die Kieferhöhle, der Oberkiefer entzündete sich – später mussten alle Implantate wieder entfernt werden. Der gleiche Zahnarzt setzte sechs neue Implantate ein. Diesmal perforierten zwei in die Kieferhöhlen und eines in die Nasenhöhle. So der Befund der Kantonszahnärztin, den sie auf einem Röntgenbild aus dem Jahr 2011 fand.

In jenem Jahr übernahm Zahnarzt Attila G. den Fall, ebenfalls ein Bekannter von Peter R., bei dem der misshandelte Patient in seiner Misere erneut Rat gesucht hatte. Rückblickend ist kaum verständlich, weshalb Teddy A. sich nicht spätestens da an einen aussenstehenden Fachmann wandte. Doch er war gefangen in der Abhängigkeit von seinem Arbeitgeber. «Ich war ein Sklave von ihm», sagt er. Zahnarzt Attila G. explantierte mehrmals Implantate und setzte neue ein, auch im Unterkiefer. Zudem baute er einen Steg, der nicht hielt und immer wieder geflickt werden musste. Ende 2012 gab er auf. Attila G. sagt heute, er sei nur der Letzte in der Behandlungskette gewesen und nicht verantwortlich für den Schaden. «Ich habe keinen Fehler gemacht.»

«Schwere Körperverletzung»

Dem steht der Befund gegenüber, der im Protokoll der Staatsanwaltschaft festgehalten ist: Es gibt einen gravierenden Knochenabbau durch Entzündungen im Kieferknochen bzw. durch entzündete Implantate. Das führte letztlich zum Verlust aller Implantate und wiederum zum Knochenabbau. «Wenn bei einem vormals stark entzündeten Kiefer zum dritten Mal ein invasiver Eingriff gemacht wird, ist das höchst gefährlich, komplikationsgefährdend und höchst risikobehaftet», sagte die Expertin Monika Laass gegenüber der Staatsanwaltschaft. Und: «Dies entspricht meines Erachtens einer schweren Körperverletzung.»

Den involvierten Zahnärzten fahrlässige schwere Körperverletzung nachzuweisen, ist allerdings schwierig und langwierig. Die Aussagen von Laass können im Strafprozess nicht verwendet werden, weil sie die behandelnde Zahnärztin von Teddy A. und damit befangen ist. Ebenfalls unverwertbar sind die Feststellungen der Zahnärzte-Schiedskommission und das Urteil der Kantonszahnärztin, die zwei Schlichtungsverfahren durchgeführt hat. Der zuständige Staatsanwalt, Alex de Capitani, muss einen neuen Gutachter beauftragen – beziehungsweise erst mal einen finden, der dem Fall überhaupt gewachsen ist. Dieser ist überaus komplex, weil die meisten Behandlungen nicht dokumentiert wurden und fünf Personen daran beteiligt waren. Wer zu welchem Anteil für das desaströse Ergebnis verantwortlich ist, muss noch ermittelt werden. Für die Kantonszahnärztin war es jedenfalls «unmöglich, die Geschehnisse eindeutig wiederzugeben», wie sie im Schiedsurteil schrieb. «Eine Dokumentation über den Behandlungsverlauf ist nicht vorhanden oder völlig ungenügend, Röntgenbilder wurden nicht oder nicht in genügendem Umfang beschriftet, die mehr oder weniger rudimentär geführten Krankengeschichten stimmen nicht überein mit den Pro-forma-Rechnungen, die Herrn A. als Nachweis für die erbrachten Leistungen nachträglich unterbreitet wurden.» Laut Teddy A. sind alle Beteiligten miteinander verbandelt, drei sind ungarischer Herkunft. Er hegt einen schlimmen Verdacht: «Laszlo B. hat mir alle Zähne ausgerissen, um den Pfusch von Peter R. zu vertuschen, der ja gar kein Zahnarzt ist.»

«Laszlo B. hat mir alle Zähne ausgerissen, um den Pfusch von Peter R. zu vertuschen, der ja gar kein Zahnarzt ist.»

Erschwerend für die Ermittlungen kommt hinzu, dass Laszlo B. abgetaucht ist und ein zweiter Involvierter, Zahnarzt Alfred F., tödlich verunfallt ist. Staatsanwalt de Capitani gibt keine Prognose, wann und ob es überhaupt zur Anklage kommen wird. Er sagt nur: «Der Fall wird Gegenstand von umfangreichen Abklärungen sein.»

Für Teddy A. ist das zermürbend. Er ist verzweifelt. «Mein Leben ist kaputt.» Seit Jahren versucht er, zu seinem Recht zu kommen. Doch bis heute hat weder Zahntechniker Peter R. noch einer der Zahnärzte Fehler eingestanden und Schadenersatz bezahlt. Sie negierten die Aufforderung der Kantonszahnärztin, den Fall ihren Haftpflichtversicherungen anzumelden. Attila G. sieht keinen Grund dazu, weil er überzeugt ist, nichts falsch gemacht zu haben. Peter R. will persönlich nichts zum Fall sagen. Sein Anwalt weist sämtliche von Teddy A. erhobenen Vorwürfe als unglaubwürdig zurück. Daniel S. liess die Fragen des TA unbeantwortet.

Christian Christen, seit Frühling Anwalt von Teddy A., hat gegen die drei verbliebenen Beschuldigten Betreibungen in der Höhe von einer halben Million Franken eingeleitet. So hoch beziffert der Anwalt die Schadenersatzansprüche seines Klienten, vor allem infolge jahrelanger Erwerbsunfähigkeit und teurer Behandlungen und Operationen. Aktuell steht eine Behandlung an, deren Kosten auf rund 150'000 Franken veranschlagt sind: Mit Knochen aus der Hüfte soll der zerstörte Kiefer wieder aufgebaut werden – eine Operation, die ein erfahrener Kieferchirurg durchführen muss. Gelingt sie, kann die Zahnärztin neue Implantate setzen und daran eine Prothese befestigen. Es ist die letzte Hoffnung für Teddy A., jemals wieder ein normales Leben führen zu können.

Erstellt: 25.11.2016, 19:26 Uhr

Klarstellung

Die Redaktion stellt klar, dass die Namen der im Text erwähnten Zahnärzte alle geändert worden sind (so wie das im Text deklariert ist). Das heisst: Mit dem Pseudonym «Daniel S.» war nicht Dr. med. dent. Daniel Schaefer, Tödistrasse 15, 8002 Zürich, gemeint. (TA)

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