«Zigeuner» feiern auf der Hardturmbrache

Fahrende stoppen in Zürich. Sie ringen bis heute mit alten Vorurteilen. Ein Besuch bei einer unsichtbaren Minderheit.

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Eine jenische Frau mittleren Alters sitzt auf einem Campingstuhl und schlürft Kaffee. «Seht her, eine typische Zigeunerin; den ganzen Tag nur faul rumsitzen und käfelen», ruft ihr Alfred Werro zu. Der 58-Jährige lässt seinen Worten ein dreckiges Lachen folgen. «Wir nehmen uns gerne selbst auf die Schippe», sagt er. «Zigeuner ist für uns kein Schimpfwort. Es wurde von der Gesellschaft zu einem gemacht.»

Die Gesellschaft. Sie reiht sich beim Winterthurer Durchgangsplatz wie eine Mauer um das kleine Wohnwagendorf. Die Wohnblöcke der Sesshaften stehen dicht bei den Waggons der Fahrenden. Dennoch bleiben sie sich fremd: «Ein Austausch findet kaum statt», sagt Werro. «Ich bedaure das.» Noch bedauerlicher findet er, wenn der Kontakt über die Behörden erfolgt, etwa zur Übermittlung einer Lärmklage. «Die Leute sollen mit uns sprechen, damit sie unsere Lebensweise verstehen.»

Eine Gelegenheit dazu bietet sich an den Zigeunerkulturtagen, die heute beginnen. Ein Festival, das in diesem Jahr beinahe begraben werden musste. Erst vor zwei Wochen einigten sich die Fahrenden mit der Stadt auf den neuen Standort auf der Stadionbrache Hardturm. «Es wird immer schwieriger, in Zürich noch ungenutzte Flächen zu finden», sagt Werro. Zuvor fand das Festival während 30 Jahren auf dem Schützenareal beim Escher-Wyss-Platz statt – dort wo jetzt ein Primarschulhaus entsteht.

Bloss nicht auffallen

Werro organisiert das Festival mit seiner Patentante Maria Mehr. Die 74-Jährige sitzt in ihrem Wohnwagen und zieht eine Tarotkarte aus dem Stapel. Das Blatt zeigt eine Witwe. In der Zigeunerkultur steht die Karte für eine ältere Frau mit viel Lebenserfahrung. Oder für Einsamkeit. «Auf mich trifft beides zu», sagt Mehr. Ihr gesamtes Leben verbrachte sie als Nomadin. Die Eltern und Grosseltern waren mit Pferd und Kutsche unterwegs. Als Kind habe sie teilweise im Wald gewohnt – auf der Flucht vor den Behörden. Ihre beiden älteren Brüder wurden der Familie entrissen. Nach ein paar Jahren holte sich die Mutter ihre Kinder heimlich zurück. Die Folge: noch mehr Isolation.

Die Devise der Fahrenden habe gelautet: Bloss nicht auffallen. «Unser Leben war ein einziges Versteckspiel», sagt Mehr. Ihre ständige Angst war die Folge der offiziellen Politik: Während Jahrzehnten wurden Fahrende-Familien von Vormundschaftsbehörden systematisch auseinandergerissen. Die Kinder sollten sesshaft gemacht werden. «Kinder der Landstrasse» hiess das Eingliederungsprojekt, das 1972 für beendet erklärt wurde. «Viele Vorurteile über Jenische, Sinti und Roma sind geblieben», sagt Mehr. Deshalb hätten sich die Fahrenden weitere Jahre im Untergrund gehalten. 1986 ging Mehr in die Offensive. Mit ihrem Mann gründete sie die Zigeunerkulturtage. Die Idee: eine kostenlose Einladung der Fahrenden an die Sesshaften. «Wir reichten ihnen die Hand, damit sie uns besser kennen lernen.» Die Flucht aus der Sackgasse geriet zum Erfolg. Mittlerweile finden regelmässig Zigeunerkulturtage in verschiedenen Landesteilen statt.

Alfred Werro, der «Göttibub» von Maria Mehr.

«Wir sind wie alle anderen», sagt Werro. Die jenischen Schweizer, das sind heute Staatsbürger mit denselben Rechten und Pflichten wie Sesshafte. Sie bezahlen Steuern, eine Standmiete und leisten Beiträge an die Krankenkasse. Das Leben auf Achse verlangt allerdings maximale Flexibilität. «Wir sind Allrounder», sagt Werro. Das zeigt sich im Berufsleben. Die meisten Fahrenden arbeiten selbstständig. Sie ziehen noch heute von Tür zu Tür und bieten der Bevölkerung ihre Dienste an: Mal-, Schreiner- oder Maurerarbeiten stehen im Angebot, aber auch der Messer- und Scherenschleifer hat nicht ausgedient.

Protest gegen Stillstand

Das drängendste Problem der Fahrenden ist heute der Kampf um mehr Durchgangs- und Standplätze. Wobei sich die jüngere Generation selbstbewusster darum kümmert als ihre Vorfahren. «Sie schreitet auch mal zum Protest, wenn es sein muss», sagt Werro. So wie derzeit in Wetzikon. Eine Gruppe jenischer Schweizer besetzte Anfang Mai den Chilbi-Parkplatz. Zuerst sah es nach einer Konfrontation mit der Polizei aus. Doch den vorwiegend jungen Fahrenden gelang es, mit der Stadt ein Bleiberecht für drei Wochen auszuhandeln. Danach müssen sie wieder weiterziehen. Wohin ist unklar.

Melodie Bichler, die Enkeltochter von Alfred Werro.

Die neue jenische Generation betreibe einen Kampf, der auf einem aufrichtigen Glauben an die eigene Kultur basiere, sagt Werro. Die nachrückende Generation erhalte etwas zurück, das den Schweizer Fahrenden während Jahrzehnten genommen wurde: eine familiäre Verwurzelung. «Das macht sie zu einer Generation, die ihre Zukunft auf der Strasse plant», sagt Werro. Es sei wichtig, dass die Politik dies nicht länger ignoriere.

Maria Mehr möchte sich dem Kampf für mehr Rechte anschliessen. Jedoch ohne Mann – ihren langjährigen Mitstreiter. Sie tippt auf die Witwenkarte. «Er ist vor sieben Jahren gestorben.» Mehr legt eine zweite Karte auf den Tisch: das Rad des Schicksals. Darauf ist eine Sphinx abgebildet sowie eine Schlange und ein Schakal, die sich an ein Rad klammern. «Das ist die Karte der Veränderung. Wir stehen vor einem Wechsel», sagt Mehr. Nichts erscheint passender – hier auf dem Parkplatz in Winterthur, wo es nach Aufbruch riecht.

www.zigeunerkultur.ch (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.05.2017, 20:41 Uhr)

Weniger Plätze für Fahrende

Zürich ist der Kanton mit den meisten Stand- und Durchgangsplätzen in der Schweiz. Doch die Anzahl ist rückläufig. Gemäss dem Standbericht 2015 der Stiftung «Zukunft für Schweizer Fahrende» sind in den letzten Jahren die Durchgangsplätze in Hittnau, Horgen und Hausen am Albis geschlossen worden. Demgegenüber wurden in Winterthur und Zürich zwei Durchgangsplätze eröffnet – Letzterer allerdings nur temporär. Der Kantonsrat verankerte 2014 die Einrichtung neuer Plätze in seinem Richtplan. Das Beispiel Winterthur zeigt jedoch, wie lange die Einrichtung eines Durchgangsplatzes dauern kann. Die Abklärungen begannen 1999, die Odyssee endete mit der Eröffnung 2013. In der Schweiz leben rund 30 000 Personen jenischer Herkunft, dazu einige Hundert Sinti. Davon pflegen knapp 3000 eine nomadische Lebensweise. Hinzu kommt eine unbekannte Zahl ausländischer Fahrender – vorwiegend Roma, die durch die Schweiz reisen. (mrs)

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