Zu viel Religion für gottlose Schüler?

Das neue Schulfach Religion und Kultur ist obligatorisch, dafür neutral. So lautet das Versprechen. Kritiker monieren aber, dass Kinder aus nicht religiösen Familien dort unter Druck gesetzt werden.

Unterricht vor dem Kruzifix: Nur noch in katholischen Kantonen Usus.

Unterricht vor dem Kruzifix: Nur noch in katholischen Kantonen Usus. Bild: TA

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Die am schnellsten wachsende konfessionelle Gruppe im Kanton Zürich ist nicht etwa der Islam, es sind vielmehr die Konfessionslosen. Sollte sich der Trend der letzten Volkszählungen fortgesetzt haben, dürfte sich inzwischen etwa jeder Fünfte ausdrücklich zu keiner Religion bekennen.

In der Schule jedoch kommt ausgerechnet diese gewichtige Gruppe zu kurz – so zumindest sehen es die Anhänger der Freidenker-Bewegung, die sich allein den weltlichen Idealen der Aufklärung verpflichtet fühlen. Stein des Anstosses ist für sie das neue Fach Religion und Kultur, das die Zürcher Bildungsdirektion auf das kommende Schuljahr hin im ganzen Kanton eingeführt haben will. Anders als die abgeschaffte Biblische Geschichte ist das Fach für alle Kinder obligatorisch. Der Deal dabei ist, dass kein Bekenntnisunterricht mehr betrieben werden darf, sondern dass es nur noch darum geht, sachlich Kenntnisse über die Weltreligionen zu vermitteln.

Keine Religion? – Dir fehlt etwas

Laut dem Freidenker Andreas Kyriacou geht dieser Plan aber nicht auf. «Kinder, die in einem Elternhaus ohne Religion aufgewachsen sind, bekommen im neuen Schulfach zwangsläufig den Eindruck vermittelt, dass ihnen etwas fehlt», moniert der Neuropsychologe. So entstehe ein Druck, sich für eines der zur Auswahl stehenden religiösen Angebote zu entscheiden. Deshalb gerate das Zürcher Unterrichtsmodell in Konflikt mit der Bundesverfassung, die es verbietet, jemanden zur Teilnahme an religiösem Unterricht zu zwingen.

Kyriacou, der im Vorstand der Grünen Partei Schweiz sitzt, ist Mitglied einer Kontrollgruppe, welche die Entwicklung des neuen Schulfachs kritisch begleitet. In dieser Funktion glaubt er zwei entscheidende Fehler im Zürcher Modell ausgemacht zu haben. Der erste betrifft den Inhalt des Lehrplans: Dieser komme zu einseitig daher. Obwohl der Regierungsrat ursprünglich einverstanden gewesen sei, dass im Unterricht auch allgemeine Fragen ethischen Handelns abgedeckt werden sollen, gehe es jetzt nur um religiöse Sichtweisen. Weltliche Werte würden links liegen gelassen. Und dies, obwohl zum Beispiel die Menschenrechte zur Zeit der Aufklärung gegen das religiöse Establishment erkämpft werden mussten.

Bündner setzen mehr auf Ethik

Zürich steht laut Kyriacou mit seinem Ansatz in auffälligem Gegensatz zum Kanton Graubünden, der für sein neues Schulfach eine Ethikerin der Uni Zürich beigezogen habe. Konsequenterweise heisst dieses dort auch «Religionskunde und Ethik».

Nimmt man den Zürcher Lehrplan zur Hand, fällt tatsächlich auf, dass er in erster Linie um die Frage kreist, welche Kenntnisse über Religionen Kinder brauchen, um sich in der Welt zurechtzufinden. Beim Zürcher Volksschulamt macht man denn auch keinen Hehl daraus, dass die Weltreligionen im Zentrum des neuen Faches stehen. «Dieses ist nicht primär als ethische Erziehung konzipiert», sagt die zuständige Abteilungsleiterin Brigitte Mühlemann. Werthaltungen zu entwickeln, sei eine fachübergreifende Aufgabe – nicht eine für ein einzelnes Fach.

Das Volksschulamt wehrt sich

Mit der Kritik der Freidenker ist sie nicht einverstanden. «Das neue Schulfach vermittelt in keiner Weise, dass Nichtreligion minderwertig ist», sagt sie. Ziel sei es, allen Kindern beizubringen, respektvoll mit religiösen Fragen und Traditionen umzugehen. Das müsse aber so geschehen, dass niemand vereinnahmt wird. So seien die Schattenseiten von Religionen durchaus ein Thema, und auch weltliche Werte kämen zur Sprache.

Sukkurs bekommt Mühlemann von einer vermeintlichen Gewährsfrau Kyriacous, der früheren Kantonsrätin Andrea Widmer Graf. Die stellvertretende Prorektorin der Pädagogischen Hochschule gab vor gut fünf Jahren den Impuls für das neue Fach und forderte dabei ausdrücklich, dass sich dieses auch ethischen Fragen widmen müsse. Sie habe aber nichts anderes erwartet als das, was jetzt im Lehrplan stehe, sagt sie. Sie sei «sehr zufrieden» damit.

Andreas Kyriacou kritisiert allerdings nicht nur die Lernziele. Ihm zufolge hapert es – dies der zweite Fehler – auch bei deren Umsetzung. Trotz der Absage an den Bekenntnisunterricht seien im Kanton Zürich nämlich nach wie vor missionierende Lehrer am Werk.

Kürzlich erst ist ein Fall aus der ländlichen Gemeinde Hombrechtikon publik geworden, wo eine Lehrerin den Kindern beibrachte, weshalb gläubige Menschen den Skeptikern überlegen seien. Der Vater eines Schülers, selbst ein streitbarer Freidenker, schlug daraus öffentlichkeitswirksam Kapital, indem er bei Bildungsdirektorin Regine Aeppli reklamierte – und prompt recht bekam. Eine derartige Lektion entspreche nicht dem Lehrplan für das Fach Religion und Kultur, hiess es in ihrer Antwort.

Laut Kyriacou ist dies kein Einzelfall. Die Hälfte der Lehrer betreibe zum Teil nach wie vor Bekenntnisunterricht – das habe die Zwischenbilanz einer Evaluation der Bildungsdirektion gezeigt. Oft würden die gleichen Lehrer, die früher für Biblische Geschichte zuständig waren, jetzt Religion und Kultur unterrichten. «Die haben nicht begriffen, dass das ein anderes Fach ist.»

Der Kanton reagiert auf Mängel

Brigitte Mühlemann vom Volksschulamt sagt es etwas weniger pointiert. Die Zwischenergebnisse der Evaluation hätten gezeigt, dass das Fach «sehr anspruchsvoll» sei und dass die Einführung Zeit brauche. «Wir nehmen diesen Befund ernst», betont sie. Deshalb verstärke der Kanton nun die Information der Schulgemeinden.

Welchen religiösen Hintergrund die Lehrerinnen und Lehrer haben, weiss das Volksschulamt nicht. Laut Mühlemann ist es zwar naheliegend, dass vor allem jene Leute Religion und Kultur unterrichten wollen, die ein Grundinteresse am Thema haben. Das könne aber auch ein rein sachliches sein. So oder so seien alle im Unterricht zu weltanschaulicher Neutralität verpflichtet.

Erstellt: 28.02.2011, 14:04 Uhr

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«Ausgangspunkt und Horizont des Faches Religion und Kultur ist das Zusammenleben von Menschen mit verschiedenen Überzeugungen und religiösen Traditionen (...). Religion ist (...) in der säkularen Gesellschaft weitgehend privat und darum gleichsam ungreifbar geworden. Anderseits begegnen Kinder und Erwachsene Religionen als prägenden kulturellen Realitäten. (...) Religiöse Traditionen sind ein wertvolles Kulturgut. Religionen werden in unserer Gesellschaft ambivalent, als lebensfördernde Ressourcen oder als Konfliktpotenzial, wahrgenommen. In der Schule sollen die Schülerinnen und Schüler die religiösen Traditionen kennen lernen, die für das Verständnis der Gesellschaft und der heutigen Welt wichtig sind. Dazu gehören Elemente aus der christlichen Überlieferung und aus anderen Religionen.» (hub)

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