Zürcher Anarchist muss dreieinhalb Jahre ins Gefängnis

Er verübte zwei Brandanschläge in Zürich und Hinwil. Nun wurde der 31-Jährige verurteilt – und in einem Punkt freigesprochen.

Schuldig: Das Hinwiler Gericht erachtete die DNA des Mannes an den Tatorten als Beweis.

Schuldig: Das Hinwiler Gericht erachtete die DNA des Mannes an den Tatorten als Beweis. Bild: Keystone

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Seine Zeit hinter Gittern geht weiter. Das Bezirksgericht Hinwil hat einen 31-jährigen Zürcher zu einer dreieinhalbjährigen Freiheitsstrafe verurteilt – wegen mehrfacher Brandstiftung, mehrfachen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung. Zudem verpflichtet ihn das Gericht, Schadenersatz von knapp 230'000 Franken zu leisten.

Der Mann verübte in Hinwil und in Zürich Brandanschläge. In Hinwil hat er sich mit einem Seitenschneider Zugang auf das abgesperrte Militärgelände verschafft und mithilfe von Benzin dicht an dicht stehende Militärfahrzeuge in Brand gesetzt. Ein Sachschaden von rund 150'000 Franken entstand, 23 Militärfahrzeuge wurden beschädigt.

Ganz ähnlich ging der Mann in Zürich vor. Auch dort verschaffte er sich Zugang zum Funkturm, setzte diesen in Brand und verursachte damit einen Sachschaden von rund 55'000 Franken.

DNA an beiden Orten

Das Gericht entschied entgegen der Forderung des Staatsanwalts, der die Brandanschläge auch als schwere Sachbeschädigung zur Anklage brachte. Dieses Vorgehen der Staatsanwaltschaft bezeichnete der Verteidiger bereits am Prozess als fragwürdig, weil Brandstiftung die schwere Sachbeschädigung impliziere, sagte er.

Zum Verhängnis wurden dem 31-Jährigen seine DNA-Spuren, die er an beiden Tatorten hinterliess. In Hinwil fanden die Ermittler Spuren am Maschendrahtzaun, in Zürich an Handschuhen, Schutzbekleidung und anderen Gegenständen, die er dort zurückgelassen hatte. Zurückgelassen wurden diese, weil er und sein Komplize den Tatort laut Staatsanwaltschaft fluchtartig verlassen mussten.

Freispruch gefordert

An der Gerichtsverhandlung Mitte Dezember beschrieb der Staatsanwalt den 31-Jährigen als einen gewaltbereiten und professionell agierenden Anarchisten. Der Mann selbst beantwortete vor Gericht keine Fragen. Sein Verteidiger plädierte auf Freispruch. Die DNA-Spuren seien einzig Indizien, keine Beweise. Alles sei möglich, sagte er. Wie die DNA des Zürchers auch an den Tatort hätte gelangen können, schilderte der Mann in einer schriftlichen Stellungnahme an das Gericht selbst. Kurz vor dem Prozess widerrief er diese allerdings.

Was war passiert? Weil er die Stellungnahme an das Gericht verfasst hatte, beendeten politisch Gleichgesinnte alle Solidaritätsaktionen. Die vermeintliche Kooperation mit den Behörden kam bei den Autonomen schlecht an. Er lenke damit den Verdacht auf andere und verrate die politischen Ziele, wie sie auf einer einschlägigen Website bekannt gaben. Zuvor protestierten Anarchisten sogar in Griechenland für den Zürcher. An den Prozess nach Hinwil kam schliesslich nur eine Handvoll Unterstützer, dafür wimmelte es von Polizisten, die wohl mehr autonome Besucherinnen und Besucher befürchteten.

Fluchtgefahr bestätigt

Dass die Ermittler den 31-Jährigen überhaupt mit den Brandanschlägen in Verbindung bringen konnten, verdanken sie seinen DNA-Spuren in einem ganz anderen Zusammenhang. Der Mann war in einer anarchistischen Bibliothek tätig. Dort soll er Plakate, die zu Gewalt aufriefen, aufgehängt oder zumindest geduldet haben. Die Behörden stellten dabei seine DNA sicher, die mit jener bei den Brandanschlägen übereinstimmte. Allerdings fanden sie keine DNA auf den fragwürdigen Plakaten. Der mehrfachen öffentlichen Aufforderung zu Verbrechen oder Gewalttätigkeit wurde der 31-Jährige nun vom Gericht freigesprochen.

Das Gericht verfügte aber, dass der Mann wegen Fluchtgefahr weiterhin in Sicherheitshaft bleiben wird. Dort sitzt er bereits seit knapp einem Jahr.

Erstellt: 14.01.2020, 15:18 Uhr

Anzeige gegen Staatsanwaltschaft

Verteidiger Viktor Györffy hat gegen den Staatsanwalt Strafanzeige wegen Amtsmissbrauch und allfälliger weiterer Delikte eingereicht. Er wirft ihm vor, in der Schlussbefragung seines Mandanten Informationen verwendet zu haben, die er nicht hätte verwenden dürfen. Diese gingen einzig aus Dokumenten hervor, die zwar bei der Hausdurchsuchung des Beschuldigten sichergestellt wurden, aber zum Zeitpunkt der Befragung noch versiegelt waren, lautet seine Begründung. (sip)

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