Zürcher Luftraum: Unfallexperten schalten sich ein

Immer häufiger kommt es zu illegalen Einflügen in den Luftraum des Flughafens. Ein besonders schwerer Vorfall beschäftigt jetzt die Unfalluntersuchungsstelle.

Wegen ihrer tiefen Geschwindigkeit erfasst sie der Skyguide-Radar nicht als bewegliche Objekte: Heissluftballone lösen deshalb keinen Alarm aus. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am 3. Juni fand ein Ballonflug in der Nähe des Flughafens Zürich beinahe ein tragisches Ende. Drei Heissluftballone kamen einem vierstrahligen Jumbolino der Swiss gefährlich nahe. Das Passagierflugzeug war im Landeanflug auf die Piste 28, als ­einer der Ballone ohne Erlaubnis der Flugsicherung Skyguide in den von ihr kontrollierten Luftraum eindrang. Vertikal trennten das Linienflugzeug und den Ballon lediglich 80 Meter, der horizontale Abstand betrug an die 700 Meter. Das Kollisionswarnsystem des Jumbolino warnte die Piloten, die daraufhin der Ballongruppe auswichen.

Im Fachjargon werden solche Fälle als «gefährliche ­Annäherung» bezeichnet. Trotzdem hiess es beim Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl): Die Unfalluntersuchungsstelle (Sust) habe entschieden, den Vorfall nicht weiter zu untersuchen. Wie sich nun herausstellt, haben die Unfallexperten ihre Meinung geändert.

Schwerer Vorfall wegen Gefährdung

«Die Sust hat in einer ersten Phase den Fall nicht zutreffend beurteilt», sagt Daniel Knecht, Leiter des Untersuchungsdienstes. Durch interne Kontrollmechanismen hätten die Unfallexperten den Irrtum aber erkannt und den Fall nochmals geprüft. «Das Ereignis musste aufgrund der Gefährdung als schwerer Vorfall eingestuft werden», sagt Knecht. Dieser werde nun untersucht.

Ein juristisches Nachspiel hat die Verletzung des Zürcher Luftraums durch ein Kleinflugzeug aus Deutschland. Wegen des einmotorigen Fliegers musste vor einer Woche eine Passagiermaschine durchstarten. Während rund zehn Minuten musste Skyguide die anfliegenden Flugzeuge umleiten. Das kleine Motorflugzeug befand sich unerlaubt und ohne Funkkontakt mit den Lotsen im Nahverkehrsbereich des Zürcher Flughafens. Die deutsche Maschine flog Richtung Birrfeld weiter, bevor sie wieder Richtung Flughafen Zürich zurückkehrte und erneut unerlaubterweise in den Zürcher Luftraum einflog.

Bazl bittet deutsche Behörden um Hilfe

Der Fall vom vergangenen Wochenende befindet sich beim Bazl noch in Abklärung. «Nach allem, was bisher bekannt ist, scheint der Fall gravierend», sagt Sprecherin Nicole Räz. Der fehlbare Pilot werde entweder vom Bundesamt selbst bestraft. «Oder wir überweisen das Dossier an die Bundesanwaltschaft.»

Erst gelte es, die Identität des Piloten zu klären. «Durch den in der Maschine eingebauten Transponder wurde die Immatrikulation des Flugzeuges übermittelt. Diese liegt uns vor.» Wie bei einem Personenwagen gibt diese aber nur Auskunft über das Flugzeug und dessen Besitzer – nicht aber über den Piloten. «Wir prüfen nun, wer das Flugzeug zum besagten Zeitpunkt geflogen hat.» Das Bazl brauche dazu die Unterstützung der deutschen Behörden, weil der Flieger in Deutschland gemeldet ist. «Die deutschen Behörden zeigen sich kooperativ.»

Deutscher Pilot verheimlicht Vorfall

Es ist nicht das erste Mal, dass die Schweizer Behörden mit den Kollegen aus Deutschland kooperieren. In einem ebenfalls gravierenden Vorfall suchte das Bazl mehrere Wochen nach einem fehlbaren Segelfliegerpiloten: Im August 2012 flog ein Airbus A340 die Zürcher Pisten an. Er befand sich über Waldshut (D) als die Piloten ein Segelflugzeug entdeckten, das sich in gleicher Höhe auf Kollisionskurs mit dem Jet befand. Sie drehten ihre Maschine in die maximale Querlage ab und verhinderten so eine Kollision. Die beiden Flugzeuge kreuzten sich auf gleicher Höhe mit einem Abstand von 260 Metern. Der Segelflieger setzte seinen Flug fort und landete später auf dem Segelfluggelände Bohlhof (D).

Der Pilot verschwieg den Zwischenfall, obschon derartige Vorkommnisse meldepflichtig sind. Erst als die zuständigen Behörden einige Tage später die Flugdaten aller Maschinen untersuchten, die am Tag des Zwischenfalls in Bohlhof gestartet oder gelandet waren, informierte der fehlbare Pilot die Vereinsleitung seiner Fluggruppe. Gemeinsam entschieden sie, mit einer Meldung zuzuwarten.

Diesen Entscheid revidierten sie weder wegen eines Zeugenaufrufs des Schweizer Bundesamtes für Zivilluftfahrt noch wegen einer Order der Deutschen Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen, die Aufzeichnungen sämtlicher Flugzeuge auszuhändigen. Erst nach aufwendigen Recherchen in beiden Ländern konnte der Segelflieger ausfindig gemacht werden. Laut Sust-Bericht zeigte er sich dann aber kooperativ. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.07.2015, 12:31 Uhr

Unerlaubt im Luftraum

Beispiele aus den vergangenen Jahren zeigen das Konfliktpotenzial, wenn über dem Flughafen Zürich gleichzeitig Flieger nach Sicht- und nach Instrumentenflugregeln unterwegs sind:

Im März 2014 flog ein Schüler in einer kleinen Maschine im Sichtflug die falsche Landebahn an. In der Gegenrichtung befand sich zeitgleich ein Businessjet im Anflug. Dessen Pilot war im Instrumentenflug unterwegs.

Eine Maschine der Swiss begegnete im Anflug auf Zürich 2013 auf einer Höhe von 2000 Metern einem Gleitschirm. Dessen Pilot war im Jura gestartet und hatte auf den Schwarzwald Kurs genommen.

Am 11. August 2012 befand sich ein Airbus A340 von San Francisco herkommend auf dem Anflug auf die Zürcher Pisten. Über Waldshut (D) entdeckte einer der drei Piloten ein Segelflugzeug, das sich in gleicher Höhe auf Kollisionsflug mit dem Langstreckenjet befand. Die Airbuspiloten konnten den Zusammenstoss dank eines «markanten Ausweichmanövers» verhindern. Sie mussten dafür ihre Maschine in die maximale Querlage nach links abdrehen. Die beiden Flugzeuge kreuzten sich auf gleicher Höhe mit einem Abstand von 260 Metern. Die Unfalluntersucher stellen fest, dass der Segelflieger ohne Transponder unterwegs war und keine Erlaubnis hatte, sich in dem Luftraum aufzuhalten, in dem er unterwegs war.

Wer ohne Erlaubnis in einem von Lotsen kontrollierten Luftraum unterwegs ist, muss mit einer Busse oder einem Entzug der Fluglizenz rechnen. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt prüft jeweils die entsprechenden Meldungen. In schwerwiegenden Fällen werden einerseits die Schweizerische Unfalluntersuchungsstelle andererseits die Bundesanwaltschaft oder die lokalen Gerichtsinstanzen eingeschaltet. (pia)

Ausserordentliches Flugregime

Am Abend des 1. Augusts fliegen die Maschinen den Flughafen Zürich ausnahmsweise von Norden her an. Sie landen dabei auf den Pisten 16 oder 14. Die Starts erfolgen bis um 22 Uhr nach Westen und Süden, danach heben die Flieger nach Norden ab. Das teilt der Flughafen Zürich mit. Grund für das ausserordentliche An- und Abflugregime sind Feuerwerke, die in den Anflugschneisen Ost und Süd den Flugbetrieb beeinträchtigen könnten.

Weil hochfliegende Feuerwerkskörper die Piloten irritieren könnten und die Sicherheit dadurch gefährdet ist, hat Deutschland – wie bereits in den Vorjahren – am Nationalfeiertag der Schweiz die abendlichen Beschränkungen für An- und Abflüge in seinen Luftraum ausnahmsweise aufgehoben.

Nach der deutschen Verordnung müssten die Flugzeuge am Samstagabend ab 20 Uhr jeweils von Osten her auf der Piste 28 landen. (pia)

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Treffen Sie die Tech-Unternehmerin Roya Mahboob

Die afghanische Unternehmerin zählt zu den einflussreichsten Menschen und hilft Mädchen und Frauen in ihrem Heimatland.

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Erinnerungen eines Hippiemädchens

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Fakelträger: Junge Ungaren ziehen in Erinnerung an die Studentenproteste von 1956 durch die Strassen von Budapest. (22. Oktober 2018)
(Bild: Szilard Koszticsak) Mehr...