Zürcher Politprominenz freundete sich mit Fremdenhasser an

Ein Ex-FPÖ-Politiker schockierte mehrfach mit fremdenfeindlichen Aussagen. Auf Facebook bandelte er mit Mauch, Gutzwiller und Co an.

Ein problematischer Freund: Ex-FPÖ-Politiker Werner Königshofer. Foto: Mike Ranz

Ein problematischer Freund: Ex-FPÖ-Politiker Werner Königshofer. Foto: Mike Ranz

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«Mitglied des österreichischen Nationalrats» steht zuoberst auf dem Facebook-Profil von Werner Königshofer. Das ist er tatsächlich – nur steht er dort ziemlich isoliert da. Vor kurzem flog er aus Partei und Fraktion, weil der langjährige FPÖ-Mann das Massaker von Oslo relativiert hatte. Der 58-jährige Tiroler tat im Internet kund, dass die islamische Gefahr «in Europa schon tausendmal öfter zugeschlagen habe» als Attentäter Breivik.

Am 21. September hob das Parlament Königshofers Immunität auf, damit die Justiz gegen ihn wegen «übler Nachrede» und «Verhetzung» ermitteln kann. Ins Visier geriet der Politiker wegen eines Textes mit dem Titel «Tirol oder Türol» und Beziehungen zur Neonazi-Website Alpen-Donau.Info, die er allerdings bestritt. Mühe, sich von braunem Gedankengut abzugrenzen, hat der Tiroler aber alleweil. Er sang ein Loblied auf die Wehrmacht und drückte bei einer Facebook-Freundin den «Gefällt mir»-Button, die Sätze schrieb wie: «Ich wäre für eine Wiedereinführung der Nürnberger Rassengesetze.» Königshofer selber hat Ausländer schon öffentlich als «Kanaken» beschimpft – und einen Abgeordneten als «Landtagsschwuchtel».

«Keine verdächtigen Hinweise»

Spätestens nach seinem Parteiausschluss sorgte der Rechtsaussen auch in der Schweiz für Schlagzeilen. Trotzdem ist er mit dem hiesigen politischen Establishment bestens vernetzt – zumindest an der Zahl seiner Facebook-Freundschaften gemessen. Noch am Montag nahm Nationalrätin Marlies Bänziger (Grüne) eine Freundschaftsanfrage von Königshofer an. Genauso wie Dutzende Parlamentsmitglieder quer durch alle Parteien vor ihr. Bis gestern umfasste Königshofers Freundesliste – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – die Namen Häberli, Giezendanner, Kleiner, Riklin, Markwalder, Fiala, Müri, Theiler, Moret, Stahl, Noser, Schmid-Federer, Brunschwig Graf, Weibel, Gutzwiller, Fuchs, Estermann, Wobmann, Kaufmann, Füglistaller oder Rime. Auch mit lokaler Politprominenz hat der Ex-FPÖ-Mann angebandelt – und zählt Berns Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) ebenso zu seinen Freunden wie die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP).

Viele Zürcher Politiker haben sich ziemlich arglos auf ihn eingelassen.

Diese hat ihre Freundschaft mit Königshofer umgehend aufgelöst, als sie der «Tages-Anzeiger» mit dessen Eskapaden konfrontierte. Genauer gesagt: Sie liess ihn sperren, denn den Facebook-Auftritt der Stadtpräsidentin mit 2400 «Friends» verwaltet ihr Stab. Dieser bearbeitet summarisch auch alle Freundschaftsanfragen. Als es um Königshofer gegangen sei, hätten die Informationen auf seinem Profil «keine verdächtigen Hinweise» enthalten, sagt Mauchs Sprecher Nat Bächtold: «Sonst wäre die Anfrage selbstverständlich abgelehnt worden.»

Das Departement weist 10 bis 20 Prozent der Freundschaftsanfragen ab. Etwa, weil ein Profilbild anstössig ist oder es sich um offensichtliche Kunstfiguren handelt. Auch Organisationen bekommen einen Korb. «Im Zweifelsfall werden anfragende Personen schnell gegoogelt», sagt Bächtold. Background-Checks seien aber kaum machbar.

Werner Königshofer hat auch ein paar weitere Freunde verloren. Ständerat Felix Gutzwiller (FDP) und die Nationalratsmitglieder Hans Kaufmann (SVP), Marlies Bänziger (Grüne), Kathy Riklin und Barbara Schmid-Federer (beide CVP) sagten ihm auf Nimmerwiedersehen. Zuvor hatten sie sich alle ziemlich arglos auf ihn eingelassen. Riklin akzeptierte Königshofers Anfrage, «weil 91 meiner Freunde auch seine Freunde sind». Aus Sicht von Gutzwiller erschien er unverdächtig, weil er Abgeordneter ist: «So habe ich die Anfrage bestätigt.»

Wie Politiker mit «Freunden» umgehen

Gleichzeitig betonen fast alle Politiker, dass sie bei der Wahl ihrer Facebook-Freunde durchaus wählerisch sind. Schmid-Federer lehnt nach kurzem Check mehr als die Hälfte der Anfragen ab. Gutzwiller wirft «Freunde» rasch wieder raus, wenn ihm deren Äusserungen missfallen. Bänziger ist offen für «Freundschaften» über fast alle Partei- und Denkgrenzen hinweg – solange sie sich benehmen. Nur Fake-Profile wie etwa «Simona Keller», die gezielt rechtsradikale Parolen verbreiten, hat sie genauso verbannt wie Kathy Riklin.

Hans Kaufmann ist da weit toleranter. Dessen Social-Media-Profil betreut Sohn Ben. Und dieser findet: «Wer mit meinem Vater auf Facebook befreundet sein möchte, den akzeptiere ich.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.10.2011, 07:34 Uhr

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