Zürcher Skilager boomen

Vor wenigen Jahren drohten freiwillige Skilager in der Schule auszusterben. Nun gibt es aber eine Trendwende. Eine Ortschaft ist besonders beliebt.

Ausgezeichnete Schneeverhältnisse wie in Meiringen-Hasliberg, darauf hoffen die Skilager-Organisatoren. Foto: Sigi Tischler (Keystone)

Ausgezeichnete Schneeverhältnisse wie in Meiringen-Hasliberg, darauf hoffen die Skilager-Organisatoren. Foto: Sigi Tischler (Keystone)

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Christian Kobi steht mit seiner Skigruppe am Stätzerhorn und reibt sich die Ohren. Langsam zieht der Wintersturm Sabine auf, der am Morgen über Zürich gefegt ist. Die ersten Skilifte haben ihren Betrieb bereits eingestellt, und es ist Zeit, hinunter nach Parpan zu fahren. So erzählt er es am Telefon.

Kobi ist seit acht Jahren Präsident von Schneezüri – jener Organisation, die in der Stadt Zürich die freiwilligen Skilager während der Sportferien organisiert. Zwei Wochen wird er nun mit Zürcher Jugendlichen in der Lenzerheide Ski fahren und snowboarden. Es sei ein gutes Jahr für Schneezüri, sagt Kobi. Denn in sämtlichen 13 Schneesportlagern waren schon im Dezember alle Plätze vergeben. Das ist aussergewöhnlich: «So früh waren wir noch nie ausgebucht.» Erstaunlich ist dies auch, weil in Zürich die Platzzahl diesen Winter erhöht und das Angebot um eine Lagerwoche erweitert wurde. Vor wenigen Jahren waren lediglich 700 Zürcher Kinder in den Schneezüri-Lagern – dieses Jahr sind es über 1000.

Christian Kobi von Schneezüri (rote Jacke) organisiert die freiwilligen Skilager während der Sportferien. Foto: PD

Der «Tages-Anzeiger» wollte deshalb wissen, ob diese Entwicklung auch ausserhalb der Stadt zutrifft und verschickte in alle öffentlichen Schulen einen Fragebogen. 84 Schulgemeinden haben ihn mindestens teilweise ausgefüllt zurückgeschickt – und der Trend bestätigt sich auch in der Agglomeration und auf dem Land.

Nur gerade drei Schulen gaben an, die freiwilligen Skilager gestrichen zu haben. Hauptgrund: sinkende Teilnehmer­zahlen und Probleme, geeignete Leiterinnen und Leiter zu finden. Acht Schulen verzeichnen zudem sinkende Teilnehmerzahlen, führen das Skilager aber noch durch – sechs von ihnen befinden sich am Zürichsee. Doch im Grossen und Ganzen zeigt die Kurve in die andere Richtung. 41 Schulen berichten von teils stark steigender Nachfrage – über 70 Lager haben mindestens stabile Anmeldezahlen, volle Lagerhäuser und Wartelisten.

Unterhaltsames Lagerleben

Einer, der grosse Erfahrung mit Skilagern hat, ist Jörg Berger, Schulleiter in Knonau. Er führt seit 18 Jahren das Skilager durch. Dieses Jahr ist das Lagerhaus auf der Mörlialp mit 44 Kindern wieder voll besetzt, nächste Woche gehts los.

«Das Skilager mit den besten Freunden
wird für immer mehr Kinder zum Highlight des Jahres.»
Jörg Berger, Schulleiter in Knonau

Berger führt die grosse Nachfrage neben dem Schneesport auch auf das Lagerleben grundsätzlich zurück: «Das Skilager mit den besten Freunden wird für immer mehr Kinder zum Highlight des Jahres.» Darum legt er mit einem speziellen Motto grossen Wert auf das Rahmenprogramm im Skilager. Diesmal ist es «Sportify» also Skifahren und Musik. Jeden Abend wird nächste Woche eine andere Musikrichtung im Zentrum stehen. Hip-Hop, Rock ‘n’ Roll, aber auch Ländler und in der närrischen Innerschweiz natürlich Guggenmusig.

Für Christian Kobi gibt es mehrere Gründe für den Skilager-Boom in Zürich. Einer davon ist die Schneesportinitiative von Bund, Kantonen und Bergbahnen. Der von Snowboard-Olympiasiegerin Tanja Frieden präsidierte Verein propagiert seit 2014 den Skisport in den Schulen und vermittelt ihnen Lagerhäuser: «Davon profitieren wir auch in der Stadt Zürich.» Das Wachstum könnte auch 2021 weitergehen. Schneezüri ist daran, weitere Lager ins Leben zu rufen.

Höhere Entschädigungen

Für die steigende Nachfrage hat Schneezüri in den vergangenen Jahren auch selber gesorgt. So kontaktierten Lagerleiterinnen und -leiter Ehemalige und motivierten sie zum Wiederkommen. Im Unterschied zu den Land­gemeinden, sind die 13 Schnee-­züri-Lager nämlich frei für alle Kinder aus der Stadt Zürich. Daneben unterstützt die Organisation aber auch städtische Schulen, die Skilager nur für die eigenen Schüler planen. Dieses Jahr sind dies acht Lager über die ganze Stadt gesehen.

Auch die guten Leistungen der Schweizer Skifahrer seien mitverantwortlich für die steigende Nachfrage: «Es ist wieder populärer, Skirennen am Fernsehen zu schauen.»

Fürs Leitungspersonal sind Skilager in den vergangenen Jahren attraktiver geworden. Alle Gemeinden, die sich beim TA gemeldet haben, entschädigen heute ihre Lagerleiterinnen meist mit Tagespauschalen von 80 bis 100 Franken, auch die Stadt Zürich zahlt 80 Franken. 100 Franken bekommen Skileiter mit einem gültigen J+S-Brevet. Für Hauptleiterinnen und -leiter kann die Entschädigung bis zu 220 Franken pro Tag betragen. Einige Gemeinden rechnen ihren Lehrerinnen und Lehrern die Lagerzeit an die Jahresarbeitszeit an. Noch vor wenigen Jahren gab es oft nur Kost,­ Logis und Skibillett.

Lenzerheide am beliebtesten

Die beliebteste Destination unter den Zürcher Schulen ist gemäss der Umfrage das Skigebiet Lenzerheide. Demnach führen die 84 Zürcher Schulgemeinden 16 von ihren Lagern in Parpan, Valbella oder Lenzerheide durch. Ebenfalls beliebt sind Sedrun und Melchsee-Frutt mit je neun Lagern in diesem Jahr.

Häufig führen die Zürcher Schulen ihre Skilager in kleinen Gebieten durch – etwa auf dem Heinzenberg, in den Fideriser Heubergen, in Grüsch oder wie Knonau auf der Mörlialp bei Giswil. Noch immer sind die häufigsten Unterkünfte traditionelle Lagerhäuser, wo selber gekocht wird. Doch beliebt sind unterdessen auch Hotels mit eigener Küche. Gemäss Kobi sind diese Angebote immer zuerst ausgebucht. «Die Ansprüche steigen eben», sagt er.

Immer mehr Skifahrer

Noch etwas ändert sich in den Zürcher Skilagern. Bei den Jugendlichen werden die Ski wieder populärer. Nur noch in drei Lagern dominieren die Snowboarder. In den übrigen Lagern sind sie in der Minderheit, und ihr Anteil geht von Jahr zu Jahr zurück, wie Jörg Berger aus Knonau bestätigt. Über alle Lager gesehen, kommt noch etwa ein Sechstel der Kinder mit dem Brett.

Unterdessen hofft Berger, dass die Schlechtwetterfronten, welche diese Woche über die Schweiz ziehen, auf der Mörlialp noch etwas Neuschnee abladen. Denn gegenwärtig sind die Schneeverhältnisse, milde gesagt, noch etwas durchzogen – wie derzeit die Primarschüler aus Rifferswil in ihrem Skilager auf der Mörlialp erleben.

Erstellt: 11.02.2020, 22:41 Uhr

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