Zürcher Tramkauf droht zu entgleisen

Ein Untersuchungsbericht deckt Unregelmässigkeiten bei der Trambeschaffung auf. Ein Anbieter würde bevorteilt, sagen Experten.

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Der Entscheid ist überfällig – seit mehr als einem Jahr müssten die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) den Auftrag für die 70 neuen Niederflurtrams vergeben haben. Gegenüber der «Rundschau» behaupten nun Insider, dass der 280 bis 350 Millionen schwere Auftrag an den kanadischen Hersteller Bombardier Transportation geht. Neben dem kanadischen Konzern buhlen Stadler Rail, Siemens und CAF um die Gunst des neunköpfigen Verkehrsrats, des politischen Führungsorgans des kantonalen Verkehrsverbundes (ZVV). Er wird von Volkswirtschaftsdirektor Ernst Stocker (SVP) präsidiert.

Die VBZ hatten sich bereits im Januar 2014 für das Fahrzeug der Kanadier entschieden. In der Meinung, es sei das wirtschaftlichste Angebot (wir berichteten). Allerdings weigerte sich der Verkehrsrat, das Geld für den Auftrag freizugeben. Grund dafür war eine fehlende Zweitmeinung. Der Verkehrsrat hatte eine externe Beratungsfirma beauftragt, die Offerten der Tramhersteller unter die Lupe zu nehmen. Als diese Einsicht in die Unterlagen forderten, verweigerten ihr dies die Produzenten ganz oder teilweise. Sie hielten an der Geheimhaltung der technischen Details und Preise fest. Die externe Expertise platzte.

Schlechte Noten für die VBZ

Nun liegt der «Rundschau» aber ein Untersuchungsbericht mit dem Titel «Trambeschaffung VBZ, Zweitmeinung» vor. Das Dokument ist auf den 22. Januar 2015 datiert, stammt aus dem Winterthurer Ingenieurbüro Molinari Rail und wurde vom ZVV in Auftrag gegeben. Das Büro hatte Einsicht in die Ausschreibungspapiere der VBZ. Es stellt den Verkehrsbetrieben Zürich eine schlechte Note aus: Nicht einheitlich und teilweise nicht nachvollziehbar sei die Vorgehensweise der VBZ in der Beurteilung und Bewertung der verschiedenen Anbieter. Das Fazit der Experten: «Alle Anbieter müssten wegen Nichterfüllung der Muss-Kriterien ausgeschlossen werden.»

Ebenfalls Einsicht in den Bericht hatte ein unabhängiger Ingenieur, der in Deutschland Ausschreibungen für Tramkäufe durchführte und heute Verkehrsbetriebe berät. Gegenüber der «Rundschau» sagt Martin Weiss: Der Bericht zeige auf, dass der kanadische Anbieter bei gleicher Bewertung eine höhere Punktzahl als die anderen Bewerber erhalten habe. Weiss geht deshalb davon aus, dass die Konkurrenz Schadenersatzklagen einreichen werde. «Die Klagen an Zürich können pro Anbieter zwischen 300'000 und 500'000 Euro liegen», sagt der Ingenieur.

Die verweigerte Kostengutsprache des Verkehrsrats haben die VBZ nicht auf sich sitzen lassen, Ende 2014 haben sie den negativen Entscheid beim Regierungsrat angefochten. Sie stellten zudem in Aussicht, ans Verwaltungsgericht zu gelangen, sollte der Regierungsrat den Entscheid des Verkehrsrats stützen.

Die VBZ hat von den Herstellern zwei Offerten verlangt, was den Entscheidungsprozess noch schwieriger macht. Eine über 30 Trams, die bis 2019 ausgeliefert werden müssen, mit der Option für 40 weitere bis 2023. Das zweite Angebot basiert auf 70 Trams, die auf einmal erwartet werden. In Mitteleuropa kosteten Trams zwischen 3,6 und 4,3 Millionen Franken pro Fahrzeug. 70 neue Kompositionen würden sich also auf 250 bis 300 Millionen Franken belaufen.

Für die «Rundschau» waren weder Regierungsrat Ernst Stocker, die VBZ noch der zuständige Zürcher Stadtrat Andres Türler erreichbar.

Der Bericht der «Rundschau» wird heute Mittwochabend um 20.55 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.02.2015, 15:24 Uhr

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Die Vorgaben der VBZ

Die VBZ kündigten bereits im Februar 2011 die neue Trambeschaffung an und suchten in einer Präqualifikation Hersteller mit Erfahrung im Bau von Trams. Sämtliche Fahrzeuge sollen gemäss Vorgaben der VBZ Niederflurtrams sein, die Platz für 250 Fahrgäste bieten und 43 Meter lang sind. Damit übertreffen sie die heutigen Cobra-Trams um sieben Meter Länge. Die VBZ gaben bei den Herstellern zwei Offerten in Auftrag: eine für 30 Trams, die bis 2019 geliefert werden sollten, mit der Option für 40 weitere bis 2023. Eine weitere für 70 Fahrzeuge auf einmal.

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