Zürcher bauen Europas grösste Urban Farm

Ein Zürcher Start-up hat auf einem Hochhaus in Holland seine erste grosse Fisch- und Gemüsezucht gebaut. Jetzt plant es Anlagen auf Zürcher Dächern.

Jetzt noch in Den Haag, bald in Zürich: Urban-Farmers-Tomaten. Bild: Rosalie Ruardy

Jetzt noch in Den Haag, bald in Zürich: Urban-Farmers-Tomaten. Bild: Rosalie Ruardy

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Lange war die Idee von Roman Gaus und Andreas Graber nur ein Hirngespinst: Fisch und Gemüse in einem geschlossenen Kreislauf auf Dachfarmen mitten in der Stadt zu produzieren. Das Zürcher Start-up stellte seinen Demonstrationscontainer mit aufgesetztem Treibhaus am Zürichsee und auf Plätzen im ganzen Kanton zur Schau und weckte die Neugier der Passanten.

Doch nun wird das Hirngespinst sehr konkret: Seit vier Jahren betreiben Urban Farmers, so der Name des Startups, eine Pilotanlage in Basel und seit wenigen Tagen eine zehnmal grössere Dachfarm im obersten Stock und auf dem Dach der alten Philips-Fabrik in der niederländischen Stadt Den Haag. Es ist die grösste Dachfarm Europas.

«Ab Mai produzieren wir hier 55 Tonnen Gemüse und 20 Tonnen Fisch jährlich, hauptsächlich für die lokale Gastronomie», sagt Initiant Roman Gaus. Im Herbst steigen Urban Farmers auch in die Direktvermarktung ein. Es wird einen saisonalen Gemüsekorb vom Dach im Abo zu kaufen geben. «Zusammen können wir damit 6000 Menschen in Den Haag voll versorgen», sagt Gaus.

Das Philips-Hochhaus, einst ein Prestigeprojekt des niederländischen Elektronikriesen, hatte mehr als 10 Jahre lang leer gestanden. In einem Wettbewerb suchte die Stadt eine Möglichkeit, das Gebäude für die Lebensmittelproduktion umzunutzen. Urban Farmers gewann und hat das Projekt in den vergangenen zwei Jahren weitergeplant und realisiert. Bezahlt haben die 2,7 Millionen Euro teure Anlage ein lokaler Nachhaltigkeitsfonds und zum grösseren Teil ein Urban Farmers nahestehender Schweizer Investor.

Gemüse vom Sihlcity-Dach

Nun ist die Schweiz an der Reihe. Es seien mehrere Anlagen in Planung, zwei davon auf Zürcher Dächern, sagt Gaus. Details will er den Investoren zuliebe nicht verraten. Geht es nach den Urban-Farmers-Projektskizzen und Visualisierungen, die vergangenen Herbst im Wahlkampfvideo des grünen Ständeratskandidaten Bastien Girod auftauchten, ist eine Fisch- und Gemüsezucht auf dem Dach des Einkaufszentrums Sihlcity eine mögliche Option.

Für die weitere Expansion setzen Urban Farmers auf ein neues Finanzierungsmodell: Statt die Anlage auf eigene Kosten zu erstellen, sollen Immobilienunternehmen die Dachfarmen finanzieren. «Wir kümmern uns um die Ausführung und den Vertrieb der Produkte und zahlen in den Folgejahren einen guten Mietzins», sagt Gaus. Dies sei für die Unternehmen interessant, weil sie für ihre Gebäude bereits Mieter vorweisen könnten.

Bio oder nicht?

Urban Farmers, als Spin-off der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) gegründet, kombinieren Fischzucht und Pflanzenproduktion in sogenannten Aquaponics. Die Nährstoffe aus der Fischfarm werden dabei als Düngemittel für die Aufzucht der Pflanzen verwendet. Das Fischwasser, das die Pflanzen aufnehmen, ist besonders nährstoffreich, weil Fische nur rund ein Drittel der Nahrung verwerten. Besonders gut geeignet für diese Art der Zucht ist die Speisefischart Tilapia. Im Treibhaus wachsen Kräuter, Salat und Gemüse wie Tomate. Wobei die genaue Zusammensetzung der Gemüsekulturen in der Pilotanlage noch Probleme macht. Salat und Tomaten etwa reagieren in der Hydrokultur mit gegenseitiger Unverträglichkeit. Und die Reinigungsarbeiten sorgen immer wieder für Produktionsunterbrüche.

Rentieren kann das Modell von Urban Farmers nur, wenn die Konsumenten gewillt sind, ähnlich hohe Preise wie für Bioprodukte zu bezahlen. Der geschlossene Kreislauf ihrer Farmen ist gemäss Roman Gaus denn auch besonders nachhaltig: Das System arbeitet frei von Pestiziden und Düngemitteln und erzeugt fast keine Schadstoffe. Eine Biozertifizierung für das hors-sol gezüchtete Gemüse wird es in der Schweiz aber vermutlich nie geben, weshalb Urban Farmers eigene Vermarktungsstrategien finden muss. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.04.2016, 12:15 Uhr

Artikel zum Thema

Wo Businessfrauen gärtnern

Drei Initiativen in Zürich-Nord nehmen den Boom des «Urban Gardening» auf. Mehr...

Gemüse aus Urban-Gardening-Beeten geklaut

Frust bei Stadtberner Hobby-Gärtnern: Passanten lassen deren Grünzeug mitgehen. Nun reagiert die Stadt. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Sponsored

Baumkronen und Melkcomputer

Der Bauernalltag ist nicht nur ein Knochenjob, sondern auch eine Wissenschaft. Für eine Städterin gibt es viel zu lernen. (Teil 4/4)

Kommentare

Blogs

Sweet Home Die Farbe, die allen gefällt

Geldblog Sparer: Tiefe Zinsen führen zur Enteignung

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Kühe soweit das Auge reicht: An der traditionellen Viehschau in Schwellbrunn. (25. September 2017)
(Bild: EPA/GIAN EHRENZELLER) Mehr...