Zürcher exportieren ihre Wohnungsnot

Fehlende Wohnungen und hohe Mietzinse bewegen die Zürcher, in die Nachbarkantone zu ziehen – obschon sie dort als Mieter im Nachteil sind.

In drei Jahren sank die Leerwohnungsziffer hier von 1,34 auf 0,52 ab: Die Stadt Frauenfeld.

In drei Jahren sank die Leerwohnungsziffer hier von 1,34 auf 0,52 ab: Die Stadt Frauenfeld. Bild: zvg

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2013 zogen mehr Personen vom Kanton Zürich in den Rest der Schweiz als umgekehrt: Der Binnenwanderungssaldo des Kantons Zürich ist also negativ (wir berichteten). Meist sind es die hohen Mieten und der Wohnungsmangel, die Zürcher dazu bewegen sich ennet der Kantonsgrenze niederzulassen. Während die Preise im Aargau moderat steigen, wirkt sich die Zürcher Wohnungsnot auf die Thurgauer Mietzinse aus.

Laut Hugo Wehrli, Geschäftsleiter des Mieterverbandes Ostschweiz, wird der Zürcher Wohnungsmangel in Teilen der Ostschweiz immer stärker spürbar. Besonders betroffen seien Orte, die rund 30 S-Bahn-Minuten von Zürich entfernt lägen. «Rückmeldungen der hiesigen Mieter zeigen, dass die Preise beispielsweise in Frauenfeld, Wil und besonders in Rapperswil-Jona deutlich steigen.»

Fehlende Formularpflicht in der Ostschweiz

Im Kanton Zürich hat die Bevölkerung im November 2012 die Volksinitiative «Transparente Mieten» angenommen. Diese verlangte, dass Mietern in Zeiten des Wohnungsmangels mitgeteilt werden muss, welchen Mietzins die Vormieter bezahlt haben. Damit wurde die 2003 abgeschaffte Formularpflicht wieder eingeführt. Ob die Wohnungsbesitzer die Vormietzinsen in einem Formular offenlegen müssen, wird seither alljährlich neu entschieden und hängt mit dem Leerwohnungsbestand im Kanton zusammen. Dieser muss sich auf 1,5 Prozent oder weniger belaufen. Stichtag ist jeweils der 1. Juni. Die Formularpflicht gilt dann ab darauffolgendem 1. November.

Neben Zürich praktizieren Waadt, Genf, Neuenburg, Freiburg, Zug und Nidwalden diese Offenlegung des Vormietzinses – nicht aber die Ostschweizer Kantone. «Das kriegen die Mieter hier zu spüren», sagt Wehrli. Es sei ihnen kaum möglich, auf den Anfangsmietzins zu pochen. «Einerseits sind sie es nicht gewohnt, dies tun zu müssen, weil der Wohnungsmangel lange Zeit nicht akut war.» Andererseits liege es auch an der Praxis der Schlichtungsbehörden: «Anders als in Zürich befassen sie sich hier erst seit kurzem mit einer derart angespannten Situation auf dem Wohnungsmarkt und den damit verbundenen Missbräuchen.» Zudem würden Statistiken die Zahlen des ganzen Kantons ausweisen. «Dies hat ein verzerrtes Bild zur Folge, denn während im Oberthurgau die Situation noch unbedenklich ist, spitzt sie sich in den erwähnten Regionen zusehends zu.»

Trend in Frauenfeld gegenläufig

Das belegt ein Blick in die Statistik: Im Jahr 2012 wurden im Kanton Thurgau 2012 neue Wohnungen erstellt. Trotz dieser regen Bautätigkeit hat sich der Leerwohnungsbestand aber kaum nach oben verändert: Die Leerwohnungsziffer stieg von 1,43 (2012) auf 1,47 Prozent im Jahr 2013 an. Sogar gegenläufig ist der Trend in Frauenfeld: Während die Leerwohnungsziffer im Jahr 2011 noch 1,34 betrug, sank sie bis heute auf 0,52 ab – und dies, obschon 2012 in der Stadt 36 neue Wohngebäude erstellt wurden und sich Ende jenes Jahres noch 182 Wohnungen in Bau befanden.

Die durchschnittlichen Mietpreise zeigen deutlich, weshalb die Zürcher trotz des immer kargeren Wohnungsangebotes in die umliegenden Kantone abwandern: Für eine Vierzimmerwohnung zahlte ein Mieter 2012 in der Schweiz durchschnittlich 1514 Franken. Im Kanton Zürich lag der Mietzins bei 1760 Franken, im Kanton Thurgau bei 1316 Franken. Damit liegt Zürichs Nachbarkanton zwar unter dem schweizerischen Mittel, der durchschnittliche Zins für eine Vierzimmerwohnung hat sich aber zwischen 2000 und 2010 um rund 23 Prozent erhöht. Das zeigen die Zahlen des eben erschienenen Statistischen Jahrbuchs des Kantons Thurgau.

Jährlich 600 neue Einfamilienhäuser

Auch kleinere Gemeinden, die in der Nähe von Zürich liegen, profitieren von den hohen Miet- und Baulandpreisen des Nachbarkantons: Im Bezirk Münchwilen nahe der Zürcher Grenze verzeichnet etwa Wängi in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich viele Zuzüger. Die Gemeinde zählt 4425 Einwohner (2013) und verzeichnete zwischen 2012 und 2013 ein Bevölkerungswachstum von 3,3 Prozent und zwischen 2008 und 2013 gar von 7,9 Prozent. Wängi habe zwar keinen eigenen Autobahnanschluss, laut Gemeindeammann Benno Storchenegger (CVP) dafür aber auch den damit verbundenen Verkehr nicht. «Wir spüren, dass viele Leute aus den urbanen Regionen in den ländlichen Gebieten Bauland suchen, weil es hier günstiger und trotzdem gut erschlossen ist.»

Dieser Trend gilt für den ganzen Kanton, wie das druckfrische Statistische Jahrbuch des Kantons Thurgau zeigt: Zwei von drei Gebäuden mit Wohnnutzung sind im Thurgau Einfamilienhäuser. Deren Anteil am Gesamtgebäudebestand hat sich seit 1970 verdoppelt und stieg von 33 auf 62 Prozent im Jahr 2012 und liegt über dem gesamtschweizerischen Anteil von 58 Prozent. Seit dem Jahr 2000 sind im Schnitt jährlich rund 600 neue Einfamilienhäuser dazugekommen.

Erstellt: 07.10.2014, 11:09 Uhr

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