Zürcher stehen im Internet am Pranger

Missliebige Nachbarn lassen sich auf einer US-Website anonym diffamieren. Auch Zürcher zählen zu den Rufmordopfern - nicht zufällig. Das Phänomen aus den USA hat die Schweiz erreicht.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

An der Aemtlerstrasse* im Zürcher Kreis 3 soll ein gewalttätiger Serieneinbrecher wohnen, an der Stauffacherstrasse im Kreis 4 ein Mann aus dem ehemaligen Jugoslawien, der angeblich wegen Nötigung und Körperverletzung mehrfach vorbestraft ist. Beide Männer werden mit Vor- und Nachnamen genannt. Zu lesen sind die Behauptungen auf der amerikanischen Onlineplattform Rottenneighbor.com. Wer die Einträge verfasst hat, ist nicht ersichtlich. Ob sie stimmen, lässt sich auf die Schnelle weder beweisen noch widerlegen. Der eine Mann ist telefonisch nicht erreichbar, der andere verweigert jede Auskunft.

Entstanden ist die Website aus der Idee, umzugswilligen Personen Informationen über verschiedene Wohngegenden zu liefern - aus erster Hand. Jeder Nutzer kann auf einer Karte - verwendet wird die Satellitenansicht von Google Maps - Orte markieren und angeben, ob das Wohnen dort angenehm ist. Empfehlenswerte Wohngegenden respektive einzelne Häuser sind in grüner Farbe gehalten, schlechte in roter.

Irre, Alkoholiker, Nutten, Chefs

Ein Blick auf die Karte der Stadt Zürich und den Rest des Kantons zeigt, dass die roten Einträge - schätzungsweise 200 - deutlich überwiegen. Am Pranger stehen, zum Teil mit Porträtbild, angeblich gemeingefährliche Psycho-Frauen, spielsüchtige Chefs, rechthaberische Aufwiegler, tobende Alkoholiker, koksende Nutten, rachsüchtige Morphiumabhängige. Ihr Fett bekommen auch Betriebe ab. Etwa eine Firma am Flughafen, welche «der letzte Dreck» sein soll, oder eine Kanzlei am Zürichberg, in der laut Eintrag ein geldgieriger, gewissenloser Anwalt arbeitet.

Die Beispiele belegen: Was in Ländern wie den USA bereits Tatsache ist, beginnt nun auch die Schweiz zu erfassen; Auseinandersetzungen unter Nachbarn finden nicht nur im Treppenhaus statt, sondern auch im Internet - und erhalten so eine markant grössere Publizität. «Dieser Trend schwappt in die Schweiz über. Wir stehen am Anfang einer neuen Entwicklung», sagt Eliane Schmid, Mitarbeiterin des eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten Hanspeter Thür. Mehrere Male pro Woche erhalte ihr Team Anrufe von Bürgerinnen und Bürgern, die sich über Diffamierungen im Internet beklagen würden.

Wer sich auf Rottenneighbor.com verunglimpft sieht, kann den Betreiber der Seite per Mail auffordern, den Eintrag zu löschen; ein Versuch des TA zeigt, dass Anträge bewilligt werden. Der Betreiber behält sich gemäss Geschäftsbedingungen allerdings das Recht vor, einer Aufforderung zur Tilgung eines Eintrags nicht nachkommen zu müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Anschwärzer sein Pamphlet jederzeit wieder ins Netz stellen kann. Wer sicher sein will, kein zweites Mal Opfer eines Rufmordes zu werden, muss regelmässig die Internetseite konsultieren.

Einheitliche Gesetzgebung fehlt

Als weitere Möglichkeit steht der Rechtsweg offen. Wer diffamiert wird, kann an ein Schweizer Gericht gelangen und wegen Persönlichkeitsverletzung klagen. Problematisch ist laut Eliane Schmid, dass es sich bei Rottenneighbor.com um ein Unternehmen handelt, für welches die amerikanische, nicht die Schweizer Rechtsprechung gilt. Ein hiesiges Gericht könne zwar zum Schluss gelangen, ein Eintrag sei persönlichkeitsverletzend und somit aus dem Netz zu entfernen. Das Urteil habe aber keinen verbindlichen Charakter für den ausländischen Betreiber der Website. «Die Gesetzgebung müsste globalisiert werden», sagt Schmid. Entsprechende Bemühungen stünden aber erst am Anfang.

Auch Schweizer Website heikel

Anders verhält es sich bei einem Schweizer Provider. Die Lausanner Firma Bonus.ch zum Beispiel hat mit Okdoc.ch eine Seite zur Ärztebewertung aufgeschaltet. Ziel der Datensammlung sei es, das Publikum bei der Arztwahl mit sachlichen Kriterien zu informieren. Wie bei Rottenneighbor.com kann nun aber jedermann nicht überprüfbare Behauptungen aufstellen. Vor diesem Hintergrund hat der eidgenössische Datenschützer im Juli der Firma Bonus.ch empfohlen, alle vorhandenen Bewertungen von der Webseite zu entfernen. Die Firma muss nun aufzeigen, wie sich die Missbräuche einschränken lassen. Falls ihre Vorschläge nichts taugen und weitere Verhandlungen keine Lösung bringen, kann der Datenschützer den Fall vors Bundesverwaltungsgericht bringen. Je nach Entscheid müsste Bonus.ch das Internetrating vom Netz nehmen.

* Strassennamen geändert (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.08.2008, 08:58 Uhr

Sponsored

Baumkronen und Melkcomputer

Der Bauernalltag ist nicht nur ein Knochenjob, sondern auch eine Wissenschaft. Für eine Städterin gibt es viel zu lernen. (Teil 4/4)

Blogs

Mamablog Beisshemmung vor der Zahnspange

Geldblog Softwarefirma profitiert von Banken unter Druck

TA Marktplatz

Die Welt in Bildern

Nichts für schwache Arme: Chinesische Arbeiter formen ein Tonfass in einer Porzellanfabrik in Jingdezhen (23. September 2017).
Mehr...