Zürich Tourismus kämpft mit zahlreichen Kündigungen

Marlis Ackermann, Direktorin von Zürich Tourismus, steht wegen vieler Abgänge und ihres Führungsstils in der Kritik. Jetzt nehmen sie und Tourismus-Präsident Elmar Ledergerber Stellung.

Sie passt ihren Führungsstil dem «Reifegrad» ihrer Mitarbeiter an: Marlis Ackermann, Direktorin von Zürich Tourismus.

Sie passt ihren Führungsstil dem «Reifegrad» ihrer Mitarbeiter an: Marlis Ackermann, Direktorin von Zürich Tourismus. Bild: Cedric Christopher Merkli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bei der Direktorin von Zürich Tourismus liegen die Nerven blank. In einem E-Mail warnte Marlis Ackermann am Dienstag Partnerorganisationen und Mitarbeiter in einem fehlerhaft geschriebenen Mail vor diesem Artikel im «Tages-Anzeiger». Dies, nachdem sich der TA gleichentags mit ihr und dem Tourismus-Präsidenten Elmar Ledergerber zu einem Gespräch getroffen hatte. Der Stil werde erneut «sehr einseitig gefärbt sein», die Zeitung werde «Fakten misrepräsentieren». Man solle sich nicht von diesem «Kindergarten-Journalismus» ablenken lassen, schreibt Ackermann.

Schon im Sommer berichtete der TA über den Exodus von Kadermitarbeitern. Mittlerweile hat mit der Leiterin der Infostelle beim Hauptbahnhof ein weiteres Kadermitglied das Unternehmen verlassen. In den unteren Chargen haben seit dem Artikel im Juli vier weitere Mitarbeiter der Organisation den Rücken gekehrt. Die Fluktuationsrate liege irgendwo zwischen 30 bis 40 Prozent, sagt Ledergerber. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das: Im laufenden Jahr sind von 57 Angestellten bei Zürich Tourismus maximal 23 Mitarbeiter gegangen. Die meisten haben von sich aus gekündigt, bei ein paar wenigen erfolgte der Abgang unfreiwillig. Aktuell sind rund 12 Prozent der Stellen bei Zürich Tourismus nicht besetzt. Personen aus dem Umfeld von Zürich Tourismus, die Repressalien befürchten und deshalb anonym bleiben wollen, sagen, dass die seit Januar tätige Chefin ein Hauptgrund für die gehäuften Abgänge sei. Ackermann schenke Mitarbeitern kein Vertrauen, Kaderleute erhielten zu wenig Kompetenzen. Entsprechend ist das Arbeitsklima: Die Luft sei zum Schneiden, die Stimmung miserabel, sagt ein Insider.

Aderlass sorgt für Unruhe

Ackermann und Ledergerber wehren sich gegen die Vorwürfe. Die Kaderfrau von der Infostelle im Hauptbahnhof habe ihre Stelle aus persönlichen Gründen gekündigt, sagt Ledergerber. Weitere Abgänge von Kadermitarbeitern haben es keine gegeben. Die Fluktuationsrate lag laut dem Tourismus-Präsidenten auch in der Vergangenheit bei 25 bis 30 Prozent, doch jetzt sei sie zu hoch. «Wir wollen die Rate unter ein Viertel drücken.» Bei solch einem Aderlass, der für Unruhe sorge, gehe auch viel Wissen verloren, sagt Ledergerber.

Die Kritik an ihrem Führungsstil weist Ackermann zurück. Sie sagt, dass sie «situativ» führe. Sie passe ihren Stil dem «Reifegrad» und den «Fähigkeiten» der Mitarbeiter an. Bevor sie das Amt übernahm, dominierte laut Ackermann «ein Laissez-faire-Führungsstil», «eine blinde Delegation aufs tiefste Niveau». Gewisse Leute hätten sich früher «in ihrem Silo verbunkern» können. Der neue Führungsstil werde deshalb für den einen oder anderen zur Herausforderung. Laut Ackermann waren bei ihrem Vorgänger, Frank Bumann, Mitarbeiter auf Geschäftsreisen, ohne danach Rechenschaft abzulegen. Das habe sie geändert. In welchem Zustand sie den Betrieb von ihrem Vorgänger übernommen hatte, wollte Ackermann nicht kommentieren.

Für Ledergerber ist Ackermann die ideale Besetzung, sie habe eine «aussergewöhnliche analytische Brillanz». In weniger als einem Jahr habe sie eine neue Strategie aufgegleist, die Organisation verschlankt, Hierarchiestufen abgebaut und bestehende Baustellen aufgeräumt. Die Zahl der Logiernächte nahm bis Ende Oktober gegenüber dem Vorjahr um 3,2 Prozent zu, während Bergdestinationen in dieser Periode bis zu 10 Prozent verloren. «Der Vorstand muss sie manchmal bremsen, damit ihre Mannschaft noch mithalten kann», sagt Ledergerber. Der Vorstand nimmt gemäss Ledergerber in Kauf, dass so die hohe Fluktuation anhält. Eine sehr wichtige Aufgabe im kommenden Jahr werde sein, zu erreichen, dass die Mitarbeiter die neue Strategie mittragen und sich bei ihrer Arbeit entwickeln können.

Zweimal ein ähnlicher Slogan

Nicht nur wegen ihrer Personalpolitik steht die frühere Feldschlösschen-Marketingleiterin in der Kritik. Der im Juni vorgestellte Zürich-Tourismus-Slogan «World Class. Swiss Made» stiess auf Ablehnung. Er sei bieder, billig und flach. Er ist Teil eines neuen gemeinsamen Auftritts von Stadt und Kanton Zürich.

Als seltsamer Zufall mutet an, dass Ackermann bei ihrem früheren Arbeitgeber Feldschlösschen einen Slogan lancierte, der dem neuen Zürich-Tourismus-Slogan sehr ähnlich ist. «Premium Taste. Swiss Made» lautet der Bier-Slogan, «World Class. Swiss Made» jener von Zürich. Der Auswahlprozess sei «stringent» gewesen, sagt Ackermann. «World Class. Swiss Made» sei aus zehn Konzepten ausgewählt worden. Drei verschiedene Agenturen reichten Vorschläge ein. Im Gremium sassen neben Ackermann Vertreter von Kanton und Stadt Zürich. Ledergerber ist begeistert von der neuen Strategie. «Das ist ein Quantensprung. Vor einigen Jahren wäre ein solcher gemeinsamer Auftritt unmöglich gewesen.»

Jahresbudget von rund 13,3 Millionen Franken

Zürich Tourismus verfügt über ein Jahresbudget von rund 13,3 Millionen Franken. Rund 60 Prozent steuern die Hoteliers bei. Ackermann will dieses Geld effizienter einsetzen. Das heisst, sie will damit mehr Hotelübernachtungen generieren. Das zeigt sich etwa auf der Website von Zürich Tourismus, wo die Fluggesellschaft Swiss prominent platziert ist und Flüge nach Zürich gebucht werden können. Ackermann bearbeitet auch nicht mehr alle Märkte. Warb die Tourismus-Organisation zuvor in 17 Ländern um Gäste, sind es jetzt noch 9. Zu den Hauptmärkten zählen die Schweiz, Deutschland, Grossbritannien und die USA. China, Indien, Russland, die Golfstaaten und Brasilien sind Wachstumsmärkte. Von diesen verspricht sich Ackermann sehr viel, weil sie bereits 85 Prozent des Wachstums ausmachen. Auch Journalisten sollen nicht mehr im gleichen Mass von Zürich Tourismus eingeladen werden. Jetzt wird stärker gesiebt, weil sich herausgestellt hatte, dass ein Drittel der Schreibenden danach gar nicht über Zürich berichtete.

Die Infostelle im HB, die jährlich von 600'000 Leuten aufgesucht wird, soll neu gestaltet und mit interaktiven Terminals ausgestattet werden. Angestellte in der Infostelle befürchten, dass sie künftig mehr verkaufen und weniger informieren sollen. Ledergerber will aber die bisherige Strategie nicht verändern, weil sich im HB nicht nur Touristen, sondern auch viele Einheimische informieren. Dafür wird der erst kürzlich eingeführte Concierge-Service wahrscheinlich aus dem Angebot gestrichen: Bei Zürich Tourismus ist eine Person damit beschäftigt, individuelle Pakete für Gäste zu schnüren. Die Nachfrage ist laut Ackermann unter den Erwartungen geblieben. Wie viel Geld die Organisation damit verloren hat, will sie nicht sagen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.12.2011, 07:08 Uhr

Artikel zum Thema

Donnerwetter bei Zürich Tourismus

Hintergrund Neues Logo, neue Geschäftsleitung, fast alle Kaderleute weg: Seit die neue Direktorin Marlis Ackermann Zürich touristisch vermarktet, hagelt es Vorwürfe. Mehr...

«1000 Schweizer Hotels sind gefährdet»

Der Tourismus leidet unter dem starken Franken. Guglielmo Brentel, Präsident der Schweizer Hoteliers, warnt vor dem Aus vieler renommierter Betriebe. Investoren aus Qatar glauben derweil an den Standort Schweiz. Mehr...

«Eigenlob mit Minderwertigkeitskomplex»

«Zürich – World Class. Swiss Made.» Der neue Slogan und vor allem das Logo von Zürich Tourismus, Stadt und Kanton sorgen für Kopfschütteln. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

«Kaffee ist wie ein Gewürz»

Zum Abschluss eines guten Essens gehört ein Kaffee. Dieser kann aber auch eine raffinierte Zutat in schmackhaften Gerichten sein.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Hier hängt keine Werbung an den Wänden: Eine Frau schaut auf ihr Handy, während sie in einer U-Bahn in Pjöngjang eine Rolltreppe hinauf fährt. (19. Juni 2019)
(Bild: Ed Jones) Mehr...