Zürich buhlt um die Gunst seiner Schwester

Die Limmatstadt wäre gerne so kreativ wie Berlin oder so hip wie London. Frappant ist die Ähnlichkeit aber mit einer Metropole im Süden – wo Zürich den grossen Auftritt sucht.

Soll die Besucher in den Schweizer Pavillon locken: Das eidgenössische Maskottchen an der Weltausstellung in Mailand.

Soll die Besucher in den Schweizer Pavillon locken: Das eidgenössische Maskottchen an der Weltausstellung in Mailand. Bild: Keystone

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Die Regierungschefs von Stadt und Kanton Zürich sind morgen Mittwoch gemeinsam auf Mission im Ausland. Man könnte von einer Familienzusammenführung sprechen, auch wenn es auf dem Papier prosaischer klingt: Ziel von Corine Mauch (SP) und Ernst Stocker (SVP) ist die Expo 2015, die Weltausstellung, wo sie im Schweizer Pavillon eine Zürcher Ausstellung eröffnen wollen (siehe Infobox). Ziel ist Mailand – jene Stadt also, die Zürich in vielem so sehr ähnelt, als seien es zwei Geschwister, bei der Geburt getrennt.

Diese Verwandtschaft wird gerne übersehen, wohl eher wegen der Sprachbarriere als wegen des hinreichend perforierten Alpenkamms. Das urbane Zürich orientiert sich in seinem Streben nach Weltläufigkeit lieber an der abgelebten Boheme von Berlin oder der verschrobenen Hipness Londons. Dabei liegt ihm die Metropole der Lombardei in vielem näher, nicht nur geografisch.

Beide Städte sind aufgrund ihrer ökonomischen Potenz die heimlichen Hauptstädte, Wirtschaftsfilz inklusive. Beide haben ihrem Land zuletzt auch politisch den Stempel aufgedrückt durch populistische Ausnahmefiguren: hier der Wahlzürcher Blocher, dort Berlusconi. Beide Städte sind geprägt von einem disziplinierten Bürgertum, dessen Wohlstand sich in üppigen Opernhäusern manifestiert. In beiden gibt es gleichzeitig ein hedonistisches Trendvolk, das sich abends an einem Kanal drängt: hier der Letten, dort der Naviglio Grande. Beide gelten nicht als die hübschesten, aber als die dynamischsten.

Bleibt die Frage, ob es auch echte Berührungspunkte gibt.

Geschichte

Historisch gesehen besteht kein Zweifel: Im Zürcher Staatsarchiv schlummern zahllose Dokumente, die eine eigentümliche Beziehung beschreiben, die aus einer Abfolge von Tauschgeschäften und Totschlag bestand. 1426 etwa versprachen sich der Zürcher Bürgermeister und der Herzog von Mailand, dass sich ihre Leute in der Leventina fortan nicht mehr die Köpfe einschlagen sollten. Und dass Zürcher Händler die Strassen bis Mailand benützen dürfen, ohne Zoll zu zahlen. Ein Deal, der später verlängert wurde – «nachdem kürzlich eine Gesandtschaft Zürichs mit Vögeln als Geschenken» beim Herzog zu Besuch war. Trotzdem wurden weiter munter Waren beschlagnahmt und Händler «auf die Galeere geschmiedet».

Zum Höhepunkt dieser «Beziehungen» kam es vor gut 500 Jahren, als die Zürcher zusammen mit ihren Eidgenossen die Herrschaft über Mailand erlangten – und bald darauf einsehen mussten, dass sie nicht fähig waren, einen derart komplexen Staat zu regieren. Die Grossmachtambitionen endeten auf dem Schlachtfeld von Marignano. Mittendrin im Chaos war auch ein Glarner Feldprediger mit Namen Huldrych Zwingli. Weil er damals die falsche Partei wählte und später zum Kritiker des Söldnerwesens wurde, spülte es ihn schliesslich nach Zürich. Ein Grundstein zur Zürcher Reformation wurde also in Mailand gelegt.

Darstellung der Schlacht von Marignano.

Mode

Marignano ist lange her. Wer in der Gegenwart lebt, denkt bei Mailand eher an Mode – diese zwingend klingende Kombination weckt in unseren Breitengraden leisen Neid auf die Selbstverständlichkeit, sich elegant zu kleiden. Ob umgekehrt auch der Name Zurigo modische Assoziationen weckt? Einer, der es wissen muss, ist der 31-jährige Zürcher Modedesigner Julian Zigerli. Der Sohn einer Italienerin und eines Schweizers hat letztes Jahr Aufsehen erregt, als ihn Altmeister Giorgio Armani an die Mailänder Modewoche einlud. Dort durfte er als erster Schweizer Mann überhaupt seine Kollektion in einer eigenen Show präsentieren. Inzwischen hat sich Zigerli wieder zurückgezogen aus dem Mailänder Trubel – Kosten von 20'000 Franken waren ihm zu viel für einen Platz im Schatten der Grossen.

Als Modemetropole sei Mailand vor allem fürs Business der arrivierten Marken interessant, sagt er. Unter dem Gesichtspunkt des Designs hingegen sei es für ihn weniger interessant. Die dortige Mode sei sehr klassisch. «Das ist zwar auch schön, aber in Sachen ‹Freshness› haben ihr andere den Rang abgelaufen.» Wer sich Zigerlis extrovertierte Entwürfe ansieht, könnte auch sagen: Mailand wirkt daneben wohl etwas angestaubt. Was aber nicht heisst, dass die Mailänder neidisch über den Gotthard schielen würden. Zürcher Modedesign sei dort «weniger ein Thema», sagt Zigerli. Vielleicht ändert sich das ja, wenn am 30. Juni sieben Zürcher Modelabels an der Expo ihre Kreationen präsentieren.

Wirtschaft

Wenn bis in gut drei Jahren die beiden Basistunnel der Neat in Betrieb sind, dauert die Bahnfahrt von Zürich nach Mailand nur noch drei statt vier Stunden. «Die zwei Kernstädte rücken damit auf Ein-Tages-Geschäfts-Distanz zusammen» – so steht es im Rahmen eines EU-Programms, das sich mit der Vernetzung über die Alpen hinweg befasst. Hier wird die Gotthardachse mit ihren beiden Enden bereits als eine zusammenhängende Metropolitanregion betrachtet. Damit sollen auch die Grenzen in den Köpfen fallen.

Wie wenig selbstverständlich diese Entwicklung ist, wird am 1. Juli an der Expo ein Zürcher Zunftmeister erläutern: der frühere Botschafter Philippe Welti, Vater der Sängerin Sophie Hunger, der sich im Neujahrsblatt der Zunft zur Waag mit den Beziehungen Zürichs zu Italien befasst hat. «Der Gotthard ist nur vermeintlich eine ewige Grösse», sagt er. Tatsächlich habe er seine fundamentale Bedeutung erst mit Eröffnung des ersten Bahntunnels erlangt, der auf Betreiben von Zürichs ungekröntem König Alfred Escher gebaut wurde. Mit anderen Worten: vor gerade mal 133 Jahren.

Sport

Beide Städte leisten sich den Luxus, zwei Fussballclubs in der obersten Spielklasse zu halten. Hier wie dort unterscheiden die Fans ehern zwischen jenem der Arbeiter (FC Zürich/AC Milan) und jenem des Bürgertums (Grasshoppers/Inter), obwohl das mit der Realität kaum noch etwas zu tun hat. Und hier wie dort herrscht nach Jahrzehnten der teuer erkauften Titel derzeit die grosse Tristesse.

Trotz dieser Parallelen hat die Achse Zürich–Mailand im Fussball kaum Bedeutung. Klar, da waren Ciriaco Sforza und Johann Vogel, zwei ehemalige GC-Platzhirsche, die sich bei Inter respektive Milan versuchten. Aber das waren unglückliche Episoden. Die Ausnahme, die die Regel bestätigt: Am 30. September 2009 erzielte Hannu Tihinen, ein schlaksiger Innenverteidiger, ein Tor mit der Hacke, als wäre er Ronaldinho. Aber besagter Ronaldinho spielte auf der Gegenseite, und Tihinens FC Zürich besiegte das grosse Milan mit 1:0 – in der Champions League. Die Schockwellen in Italien waren beträchtlich, das Spiel wurde zum Fanal für den Abstieg von Silvio Berlusconis einstigem Lieblingsspielzeug stilisiert. Zürich besser als Milan – wer wissen will, wie unglaublich das klang, sollte sich auf Youtube den Livekommentar von Sportreporter Tiziano Crudeli ansehen.

Emigration

Wie viele Zürcher in Mailand leben, wird statistisch leider nicht erhoben. Der Konsularbezirk Mailand ist aber eine der grössten Schweizer Kolonien im Ausland. Laut Historischem Lexikon zog der Mailänder Textil- und Bankensektor ab dem 19. Jahrhundert viele Schweizer Unternehmer an. Um 1900 lebten fast 5000 Auswanderer dort, davon zwei Drittel aus der Deutschschweiz. Sie gründeten eine reformierte Gemeinde mit eigener Schule, die sich trotz Schwierigkeiten bis heute hält. Bestand hat auch das Schweizer Zentrum, dessen Vorgänger im Zweiten Weltkrieg einer Bombe zum Opfer fiel. Der Architekt des Ersatzbaus: Armin Meili, Direktor der legendären «Landi» von 1939 – viel zürcherischer geht es kaum.

Das Centro Svizzero von Armin Meili in Mailand.

Kultur

Beide Städte hatten zur Zeit des Ersten Weltkriegs eine eigene Avantgardebewegung von Künstlern, die später Weltrang erlangten: Mailand die Futuristen, Zürich die Dadaisten. Die Gedichte der Dadaisten gingen so:

gadji beri bimba glandridi laula lonni cadori

Die Gedichte der Futuristen gingen so:

zang-tumb-tumb-zang-zang-tuuumb tatatatatatatata

Dass sie nicht voneinander beeinflusst waren, ist schwer vorstellbar. Die Dadaisten grenzten sich aber bewusst von den Futuristen ab. Jene hatten ein Programm, sie wollten keins haben. Jene feierten das Zeitalter der Maschinen und glorifizierten den Krieg, sie waren nach Zürich geflohene Kriegsgegner. Gadji beri bimba – das ist rebellischer Nonsens. Zang-tumb-tumb-zang – das ist das Geräusch einschlagender Artilleriegeschosse in der Schlacht von Adrianopel. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.06.2015, 21:00 Uhr

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Expo Milano 2015

Das Zürcher Programm

Noch bis am 31. Oktober findet in Mailand die Weltausstellung statt. Im Schweizer Pavillon wird sich vom 17. Juni bis am 12. September die Stadt Zürich mit einer eigenen Ausstellung präsentieren, sekundiert vom Kanton und von Zürich Tourismus. Thema: die Auswirkung von sauberem Wasser auf die Innovationskraft und die Lebensqualität einer Stadt.

Höhepunkt soll die Zürich-Woche vom 29. Juni bis 4. Juli sein. Öffentliche Programmpunkte:

30. Juni 2015:
Sechs Zürcher Labels, darunter auch Julian Zigerli, zeigen ihre Kreationen in einer exklusiven Open-Air-Modeschau im Schweizer Pavillon.

1. Juli 2015: Zürcher Computerspielentwickler stellen ihre Arbeiten vor.

1. Juli 2015: 2016 wird der Gotthard-Basistunnel die Distanz zwischen Zürich und Mailand verkürzen und die Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Metropolen und den ländlichen Gebieten verändern. Referate zum Thema von Philippe Oswald Welti, ehemaliger Schweizer Botschafter, und Tatiana Crivelli Speciale, Romanistin.

3. Juli 2015: Zürcher Akteure aus dem Bereich Ernährung stellen ihre Ideen zum nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln vor.

Musikprogramm:

29. Juni 2015: Chamber Soul, präsentiert vom Zürcher Jazzclub Moods.

1. bis 4. Juli: Die Miteinander GmbH bringt das Zürcher Nachtleben nach Mailand und präsentiert Dragon Suplex, High Heels Breaker, Pacifica, Wolfman, Dario D‘Attis, Ethimm, Jimi Jules, None of Them und Ginger Boss & Asian Eyez.

Die Expo 2015 unter dem Motto «Den Pla­neten ernähren. Energie für das Leben» findet vom 1. Mai bis zum 31. Oktober statt, auf dem Messegelände Milano Rho, 15 Kilometer ausserhalb der Innenstadt. Es nehmen insgesamt 145 Länder teil, darunter auch die Schweiz. www.expo2015.org

Billette gibt es unter anderem bei den SBB, die direkte Zugfahrten zum Ausstellungsgelände und Mehrtagespakete anbieten. (TA)

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