Hintergrund

Zürich plant freiwillige Alternative zur obligatorischen Tagesschule

Das obligatorische Mittagessen in der Schule kommt nicht überall gut an. Die Bürgerlichen zweifeln zudem am Spareffekt. Stadtrat Gerold Lauber (CVP) treibt deshalb parallel eine Alternative voran.

Mittagstisch: Nicht alle Eltern möchten, dass ihre Kinder in der Schule essen müssen.

Mittagstisch: Nicht alle Eltern möchten, dass ihre Kinder in der Schule essen müssen. Bild: Georgios Kefalas/Keystone

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Unterricht von 8 bis 14 Uhr, unterbrochen nur von einer kurzen Mittagspause mit Suppe oder Sandwich. Stadtrat Gerold Lauber (CVP) will den Versuch der «Tagesschule light» in Zürich baldmöglichst wagen. Und damit die obligatorische Verpflegung in der Schule einführen. Die Freisinnigen, die den Versuch mit einer Motion gefordert hatten, versprechen sich Kosteneinsparungen. Denn statt Hortbetreuung am Morgen, über Mittag und am Abend, müsste diese nur noch am späten Nachmittag angeboten werden. Und dies nur für Kinder, bei denen die Eltern nicht einspringen.

Auch wenn es dem Volksschulgesetz widerspricht: Im Rahmen eines Versuchs würde der Regierungsrat den Zwang zum Mittagessen in der Schule akzeptieren. Schliesslich gilt es zu prüfen, ob das Modell tatsächlich günstiger ist. Auf dem Prüfstand steht auch die Akzeptanz in der Bevölkerung. Erste Reaktionen verheissen nichts Gutes: «Ich möchte mit meinen Kindern essen und ihnen die kurze Auszeit ermöglichen», sagt TA-Leserin Salome Müller. Sie habe die Mittagszeit als Kind zu Hause sehr genossen. Was für Berufstätige in Ordnung sei, dürfe anderen nicht aufgezwungen werden, so die Hausfrau und Mutter. Auch berufstätige Eltern sind nicht ausnahmslos begeistert: «Wieso sollen meine Kinder über Mittag nicht zu Hause essen dürfen, wenn ich daheim bin?», fragt Lia Schneider.

Die Zahl jener, die im obligatorischen Mittagessen in der Schule den Anfang von Gleichschaltung und Zwang sehen, eine Bevormundung des Staates, ist ebenfalls gross: «Es ist nicht dessen Aufgabe, den Leuten vorzuschreiben, wann und wo sie zu Mittag essen. Willkommen im Sozialismus», schreibt TA-Leser Christoph Steiger. Das Terrain für eine Kampagne der SVP scheint vorbereitet. Deren Bildungspolitikerin Anita Borer hat schon erfolgreich gegen das Projekt Grundstufe mobilgemacht. Für das Tagesschulobligatorium hat sie ebenso wenig übrig. Borer befürchtet gar, dass damit die Qualität der Schule sinkt: «Eine verkürzte Mittagspause führt zu weniger Erholungszeit für die Kinder, was sich auf das Lernen auswirkt.» Sie zweifelt, ob damit wirklich Geld gespart werden kann. «Tatsache ist, dass man der Schule damit noch mehr Aufgaben aufbürdet.»

Stadtrat beschwichtigt

«Wir wollen keine Eltern dazu zwingen, ihre Kinder in eine Tagesschule mit Mittagsverpflegung zu schicken. Es wird möglich sein, die Kinder zu dispensie-ren», sagt Schulvorstand Gerold Lauber. Es handle sich um einen Versuch in zwei bis drei Schulen. Lauber ist der Ansicht, dass diese Bereitschaft in Zürich vorhanden sei. Anspruchsvoll sei die Auswahl der Schulen. Dabei sei die Lage entscheidend. «Denn dispensierte Kinder müssen trotzdem die Möglichkeit haben, in der Nähe ihres Wohnorts zur Schule zu gehen.» Der Schulversuch soll drei bis vier Jahre dauern. Dann erfolgt die Auswertung. «Sollte sich zeigen, dass bei den Eltern Widerstand besteht, muss der Versuch aufgegeben werden», sagt Lauber. Aber auch bei einer positiven Auswertung bleiben Hürden bestehen. Um die Tagesschule flächendeckend einzuführen, wird eine Änderung des Volksschulgesetzes auf kantonaler Ebene nötig.

Doch ungeachtet der politischen Prozesse: Die Nachfrage nach Betreuung steigt. Jedes Jahr schafft die Stadt Zürich 1000 neue Hortplätze. 45 Prozent der Stadtzürcher Schüler werden an einem oder mehreren Tagen in einem Hort betreut. Bis 2025 rechnet Lauber mit 70 Prozent. Der grösste Teil von ihnen nutzt das Angebot an drei oder mehr Tagen. Die fünf klassischen Tagesschulen der Stadt führen Wartelisten, deshalb soll die Zahl der Schulen auf 14 erhöht werden. Zwei in jedem Schulkreis, wünscht sich die SP und ist mit ihrem Anliegen im Parlament durchgedrungen.

Aufs Alter abgestufte Alternative

Als Alternative zur «Tagesschule light» arbeitet das Schuldepartement deshalb unter anderem an einem Modell, das abgestuft nach Alter des Kindes mehr oder weniger Tage mit obligatorischer Betreuung über Mittag vorsieht. «Während Sechstklässler an drei Tagen der Woche von 8 bis 16 Uhr zur Schule gehen und gemeinsam zu Mittag essen, sind es bei einem Kindergartenkind nur zwei Tage», sagt Adrian Scheidegger, bei der Stadt für die Erweiterung der Tagesstrukturen verantwortlich. An den übrigen Tagen sei um 12 Uhr Schluss, und Eltern könnten wählen, ob sie ein freiwilliges Hortangebot in Anspruch nehmen wollen. Das Mittagessen könnte gestaffelt ablaufen; damit liessen sich wie bei der «Tagesschule light» Kosten sparen.

Die Hortangebote könnten laut Scheidegger vereinfacht werden, und die Eltern hätten es leichter, die Betreuung zu organisieren, als heute, da die Stundenpläne der einzelnen Kinder einer Familie aufeinander abgestimmt und langfristig planbar wären. Profitieren würden auch jüngere Kinder, die weniger Wechsel bei den Betreuungspersonen zu verkraften hätten als heute. Dossier und Umfrage auf www.tagesschule.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 30.09.2013, 21:11 Uhr

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