Jacqueline FehrCarmen Walker SpähSilvia Steiner

Zürichs Regierung wird wieder weiblicher

Drei Frauen kandidierten neu, alle schafften die Wahl. Damit erhöht sich der Frauenanteil im Regierungsrat von zwei auf drei. Von 2003 bis 2007 gab es in Zürich sogar einmal eine Frauenmehrheit.

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Silvia Steiner
Minelli als unfreiwilliger Wahlhelfer

Die CVP-Kantonsrätin und Staatsanwältin galt als Wackelkandidatin und hat es am Ende allen gezeigt. Jetzt steht sie vor dem Kaspar-Escher-Haus und lächelt in die Fernsehkameras. Sie könne ihren Erfolg noch gar nicht richtig fassen, sagt sie.

Aus der Sicht der 57-jährigen Politikerin machte die unsichere Ausgangslage einen Teil des Erfolgs aus: «Es ist nicht schlecht, wenn man das Feld von hinten aufrollen kann.» In einer solchen Position sei der Druck kleiner. Ob ihr das umstrittene Flugblatt, mutmasslich von Dignitas-Gründer Ludwig A. Minelli verfasst, geholfen hat, will sie nicht beurteilen. Politbeobachter sind sich einig, dass das aggressive Flugblatt hilfreich war für Steiner. CVP-Fraktionspräsident Philipp Kutter sagt: «Die Wähler lehnen solche Angriffe ab.» Die Aktion habe ihr sicher nicht geschadet. Im Gegenteil habe sie Steiners Bekanntheitsgrad gesteigert. Auch mit ihrem Ruf als «furchtlose Staatsanwältin» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet), die gegen Roma-Zuhälter kämpft, holte sie Stimmen. «Mit meiner Arbeit als Staatsanwältin konnte ich sicher bei den Wählern punkten.»

Gratulation von Graf

Unweit vom Kaspar-Escher-Haus lächelt Steiner gemeinsam mit den SVP- und FDP-Kandidaten von einem Wahlplakat – das «Top 5»-Team. Politikexperte ­Michael Hermann sagt, dass die CVP mit «Top 5» strategisch sehr geschickt gehandelt habe. Am Ende des Wahlkampfs leistete die SVP noch zusätzliche Schützenhilfe mit Plakaten. Setzt sich Steiner als Regierungsrätin nicht unter Druck, wenn sie sich so stark von der SVP hofieren lässt? Sie schüttelt den Kopf. «Ich stehe hinter dem 9-Punkte-Programm der bürgerlichen Parteien und Wirtschaftsverbände, werde aber als Regierungsrätin eine ­eigenständige Politik betreiben.» In welcher Direktion sie am liebsten aktiv werden möchte, lässt sie offen.

Als Staatsanwältin wäre sie eine ideale Kandidatin für die Justizdirektion, die nach der Abwahl von Martin Graf frei wird. Jetzt könnte sie den Sitz ihres ehemaligen Vorgesetzten übernehmen. Auf den Abgewählten angesprochen, meint Steiner, Graf habe «auch Pech gehabt» und «seine Arbeit jetzt nicht wahnsinnig schlecht gemacht». Als Graf ihr später im Kaspar-Escher-Haus zur Wahl gratuliert und alles Gute wünscht, ist Steiner für einen Moment gerührt.

Vielleicht ein Glas Wein

Kurze Zeit später setzt Wahlverlierer Graf vor seinen Parteifreunden zu einer Rede an und bricht in Tränen aus. Steiner hingegen bleibt als Wahlsiegerin sehr kontrolliert. Als sie sich während des Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Interviews mit der Hand über die Augen wischt, entfernt sie keine Tränen, sondern Schweissperlen. Unter den Scheinwerfern des mobilen TV-Studios hat sie mehr geschwitzt als während des gesamten Wahlkampfs. Nicht von ihrer Seite weichen Steiners 82-jährige Mutter und die 26-jährige Tochter. Die angehende Berufsoffizierin, die während des Wahlkampfs für die Logistik zuständig war, dirigiert die Medienleute herum. Die 82-jährige Mutter beklebte während des Wahlkampfs 3000 Orangensaftpackungen mit dem Bild ihrer Tochter, die diese kleinen Geschenke Passanten in die Hand drückte.

Nur einmal – vor rund drei Wochen – zweifelte Steiner an ­ihrem Wahlerfolg. Doch nur für kurze Zeit. «Ich sagte mir, dass ich es bisher so weit geschafft habe und dies unabhängig vom Wahlausgang bereits ein Sieg ist.» Wahlumfragen sorgten für Nervosität. Doch sie wusste, dass diese Zahlen mit Unsicherheiten behaftet sind. Lässt sie noch die Champagnerkorken knallen? Sie trinke nur Wasser, am Ende des Tages vielleicht ein Glas Wein. «Am Montag muss ich schliesslich wieder in den Kantonsrat.»
Benno Gasser


Jacqueline Fehr
Die Kämpferin auf dem letzten Platz

Jacqueline Fehr hatte schlecht geschlafen. Und noch bis weit in den Sonntagnachmittag hinein traute sie den Hochrechnungen des Statistischen Amtes nicht. Dieses prophezeite schon ab dem Mittag ihre Wahl in den Zürcher Regierungsrat. Doch Fehr ist kein Mensch, der sich zu früh freut. Vielleicht weil die Nationalrätin bereits herbe Niederlagen erlitten hatte und wusste, dass man siegessicher in einen Wettkampf gehen und dennoch verlieren kann. Zum letzten Mal erlebte sie das 2012, als die SP-Nationalräte sie nicht zur Fraktionschefin wählten.

Gestern blieb sie deshalb lange skeptisch – zu Recht. Die 51-Jährige wurde mit 115 618 Stimmen zwar souverän gewählt, schaffte das absolute Mehr ­locker, landete aber doch auf dem siebten, dem letzten Platz. 440 Stimmen hinter der Zürcher FDP-Kantonsrätin Carmen Walker Späh, für die es laut Hochrechnungen zwischenzeitlich viel schwieriger aussah als für die Winterthurerin Fehr.

Unsicheres Zürich

Fehr sah man gestern die Anspannung noch lange an. Als sich das neu gewählte Gremium zum ersten Mal den Medien zeigte, ­lächelte sie etwas steif. Herzlich und gelöst zeigte sie sich erst, als ihr Politgefährten gratulierten.

Dass sie bis zum Schluss ­zittern musste, lag an der Stadt Zürich. Hier waren die Wahlzettel zuletzt ausgezählt – und Fehr schnitt schlechter ab als vom Statistischen Amt vorausgesagt. Dieses schätzte die Stadt linker ein, als sie in Wirklichkeit ist. Dem kantonalen SP-Parteipräsidenten Daniel Frei war die Erleichterung nach der Zitterpartie denn auch anzusehen. Er sagte: «Das war knapp, aber ich bin zufrieden.»

Erstaunlich viele Stimmen hat Fehr in eher bürgerlichen Gegenden des Kantons geholt – zum Beispiel in den Gemeinden um Winterthur wie Neftenbach, in Bülach und im Zürcher Weinland. Dort erreichte sie vielerorts das absolute Mehr. Für Markus Späth, SP-Kantonsrat und Fraktionschef aus Feuerthalen, hat das vor allem einen Grund: «Jacqueline Fehr hat einen unglaublich engagierten Wahlkampf geführt», sagt er. «Sie war überall.»

Sie selbst sieht ihren Sieg als Bestätigung für ihre Politik – und jene Themen, mit denen sie in den letzten Monaten unterwegs war, an Podien, Veranstaltungen, Versammlungen, auf der Strasse. Dort sprach sie viel von der Vision, dass Zürich «mehr kann». Dass der Kanton gerade in der Forschung, Entwicklung und in der Bildung weiterkommen könne, als er es heute macht. Diese Themen seien bei vielen gut angekommen, sagt sie.

Noch wenig Verbündete

Fehr war bewusst, wie sehr sie um ihre Wahl kämpfen musste: Der Kanton Zürich wählt bürgerlich, sie gilt als äusserst linke Politikerin. Wenn immer möglich streicht sie deshalb hervor, wie erfolgreich sie darin ist, überparteiliche Allianzen zu schmieden. Bestes Beispiel dafür ist die Mutterschaftsversicherung, die sie mit dem FDP-Nationalrat und damaligen Direktor des Gewerbeverbands Pierre Triponez lancieren konnte.

Ihr Talent, Verbündete zu finden, kann sie hoffentlich auch bald im neuen Amt einsetzen. Sonst wird es für sie schwierig, ihre Wahlversprechen einzuhalten und Zürich in eine fortschrittlichere Zukunft zu führen. Denn einfach wird es für sie nicht. Der Kantonsrat ist bürgerlich, und im Regierungsrat hat sie noch wenig Verbündete. Mit Mario Fehr ist zwar ein Parteikollege Sicherheitsdirektor, aber es ist ein offenes Geheimnis, dass sich diese beiden nicht sonderlich mögen.

Vielleicht könnte sie am ehesten in Carmen Walker Späh eine ähnlich Gesinnte finden. Beide Politikerinnen sind fortschrittliche Städterinnen – und setzen sich für Frauen und Familien ein.
Marisa Eggli


Carmen Walker Späh
Wenn sich Ausdauer auszahlt

Sie müht sich ab, rackert, kämpft – und verliert dann trotzdem. Gestern Nachmittag sah es so aus, als würdeder Fluch von Carmen Walker Späh sie erneut heimsuchen. Lange sagten die Hochrechnungen ihre Nicht-Wahl voraus. Ganz im Gegensatz zu allen Umfragen, welche die 57-jährige FDP-Frau im Vorfeld als fast sichere Regierungsrätin hingestellt hatten.

Walker Späh verbrachte den Nachmittag zu Hause. Am Computer verfolgte sie, wie ihr Name in den Bereich «Nicht Gewählt» rutschte. «Es war ein extremer Krimi, Emotionen pur», sagt sie später. «Vor 12 Jahren schaffte ich es mit nur einer Stimme Vorsprung in den Kantonsrat. Ich hätte nicht gedacht, dass ich je wieder so zittern müsste.»

Das Happy End zeichnet sich ab halb vier ab. Walker Späh legt einen Endspurt hin, überholt Jacqueline Fehr (SP), lässt Martin Graf (Grüne) um 7000 Stimmen hinter sich. Rang 6, immerhin.

Nur kurze Zeit später, um 17 Uhr, darf Walker Späh als gewählte Regierungsrätin vor die Medien treten: Blitzlichtgewitter: Blumensträusse, Mikrofone. Walker Späh, der gerne «Verbissenheit» nachgesagt wird, redet mit einem unlöschbaren Lächeln im Gesicht. Sie wirkt gelöst; und überrumpelt. Zu gross scheint der Gegensatz zwischen dem verzweifelten Nachmittag und dem plötzlichen Triumph.

Über ihr Wahlergebnis will Carmen Walker Späh nicht spekulieren. Warum holte Silvia Steiner von der kleinen CVP 2400 mehr Stimmen als sie, die mit der FDP die gestrige Gewinnerpartei vertritt? «Das muss ich erst analysieren», sagt Walker Späh.

Antworten liefern Politiker und Politologen. Steiner habe dank der Dignitas-Vorwürfe alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Walker Späh, die als so gut wie gewählt galt, ging daneben fast vergessen. Als Stadtzürcherin und Frauenrechtlerin komme Walker Späh bei konservativen Männern zudem weniger gut an als die «toughe» Staatsanwältin Steiner. In den ländlichen SVP-Hochburgen holten die beiden Frauen fast gleich viele Stimmen – obwohl die CVP der SVP als unzuverlässige Partnerin gilt.

Unter städtischen Linken hat sich Walker Späh mit ihrem Einsatz für den Waidhaldetunnel unbeliebt gemacht. Trotz Heimvorteil konnte sie Steiner auch in «ihrem» Zürich nicht abhängen.

Tunnel und Tagesschulen

Rang 6 statt Rang 5. Das schien Carmen Walker Späh gestern kaum zu kümmern. Wichtiger war, dass sie es geschafft hat, das grosse Amt erreicht, nach dem sie so lange strebte. Stadträtin wollte sie schon werden, FDP-Kantonalpräsidentin, Nationalrätin, Fraktionspräsidentin. Nichts klappte, obwohl selbst politische Gegner Walker Späh als pflichtbewusst und kompetent loben. Lag es an fehlenden Allianzen? An ihrem Einsatz für Frauenquoten? Am angeblichen Charmemangel?

Die «ewig Verschmähte» schob die Niederlagen weg, machte weiter. «Ich habe immer gekämpft, jetzt hat es sich gelohnt», sagt die gebürtige Urnerin. Gross war die Erleichterung unter ihren Freunden. Eine der herzlichsten Umarmungen bekam sie gestern von der Berner FDP-Generalsekretärin Claudine Esseiva. «Als Präsidentin der FDP-Frauen war Carmen stets ein starkes Vorbild für mich. Sie hat Kanten, schlängelt sich nicht durch wie andere», sagt Esseiva.

Als Anwältin mit Schwerpunkt Baurecht würde Walker Späh am besten in die Baudirektion passen. Der Frage nach dem Wunschdepartement weicht sie aus. Sie fühle sich fähig für alle. Zwei Themen will Walker Späh voranbringen, egal welche Direktion sie bekommt: Tagesschulen im ganzen Kanton und den Waidhaldentunnel. Ländliche Konservative und städtische Linke wird sie so auch weiterhin nicht für sich begeistern.
Beat Metzler (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2015, 23:17 Uhr

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