Zur Mutter – koste es, was es wolle

Vater und Mutter streiten sich um die Obhut ihres Kindes. Das Bezirksgericht Winterthur hat es trotz Warnungen der Mutter zugesprochen. Dem verwahrlosten Buben geht es zusehends schlechter.

Das Winterthurer Bezirksgericht beschäftigt sich seit Wochen mit dem schwierigen Obhutsfall. Foto: Thomas Egli

Das Winterthurer Bezirksgericht beschäftigt sich seit Wochen mit dem schwierigen Obhutsfall. Foto: Thomas Egli

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Am Ende wirkten die Eingaben ans Bezirksgericht Winterthur zunehmend verzweifelt. Die Kinderpsychiaterin beschied dem Gericht Anfang Dezember, es könne so nicht weitergehen, der Achtjährige habe von Suizid gesprochen, er sei «ein Häufchen Elend». Eine Woche später rief die Schulpsychologin an und berichtete, dem Buben gehe es «himmeltraurig», er sei «ernsthaft gefährdet», wenn er nur schon bis zur geplanten Verhandlung vom 25. Januar bei der Mutter bleiben müsse. Tags darauf schrieb die Kinderanwältin: «Es muss nun sofort gehandelt und eine Umteilung zum Vater vorgenommen werden.» Nur einen Tag später wandte sich die Kinderanwältin erneut ans Gericht und drängte darauf, noch gleichentags einen Entscheid zu fällen.

Hungrig, ungepflegt, müde

Es war, das zeigen die Gerichtsentscheide, die dem TA vorliegen, eine Eskalation mit Ansage. Eine Eskalation, die in dieser Ausprägung zwar ein krasser Einzelfall ist, die aber dennoch ein Licht auf eine Tendenz wirft, die viele Scheidungsväter und deren Anwälte kennen: Trotz neuem Recht sind etliche Richter noch immer kaum bereit, Vätern nach einer Trennung die Obhut oder nur schon eine abwechslungsweise Betreuung zuzugestehen, die über die klassischen Wochenendbesuche hinausgeht – selbst wenn die Mutter Erziehungsfehler macht, die einen Vater wohl das Besuchsrecht kosten würden.

Die Eltern des Buben, um den es hier geht, trennen sich, als der Kleine noch keine drei Jahre alt ist. Das Bezirksgericht Winterthur erklärt den Vater für berechtigt, seinen Sohn jedes zweite Wochenende zu sich zu nehmen. Doch schon bald deponiert der Vater bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) den Wunsch, seinen Sohn zu sich zu nehmen, da es diesem bei der Mutter nicht gut gehe. Erfolg hat er nicht – offensichtlich interpretieren die Behörden die Sorgen des Vaters als Ausdruck der konfliktbeladenen Beziehung zur Mutter. Das Kindswohl, schreibt der Beistand, sei, wenn überhaupt, «in erster Linie durch den elterlichen Konflikt in Erziehungsfragen und nicht wegen der mangelnden Erziehungsfähigkeit der Mutter gefährdet».

Sie trägt ihren Sohn noch als Zweitklässler über die Strasse. Er legt den Schulweg nie allein zurück.

Als der Junge in den Kindergarten kommt, ändert sich die Einschätzung der Fachleute allmählich. Der Kindergärtnerin fällt nicht nur auf, dass der Junge einen deutlichen Entwicklungsrückstand hat, dass er oft zu spät kommt, hungrig, ungepflegt und unausgeschlafen ist und deprimiert wirkt. Sie beobachtet auch, dass die Mutter ihren Sohn «wie ein Baby» behandelt. Gespräche mit der Mutter bringen allerdings keine Besserung.

Zum Vater – und wieder zurück

Die Situation eskaliert ein erstes Mal im Sommer 2016. Die Schule reicht bei der Kesb eine Gefährdungsmeldung ein, weil es dem Buben, der nun die erste Klasse besucht, immer schlechter geht. Wenig später erstatten Vater und Sohn Strafanzeige gegen die Mutter: Sie soll ihm Zungenküsse gegeben haben und ihn ihre Brüste berühren lassen. Und er schlafe nach wie vor in ihrem Bett. Die Kesb reagiert rasch und richtet eine Erziehungsbeistandschaft ein. Zudem prüft sie kindesrechtliche Massnahmen, übergibt dem Gericht dann aber die Federführung. Diesem bleibt nichts anderes mehr übrig, als zu handeln: Es platziert den Jungen dann superprovisorisch beim Vater.

Gegen eine superprovisorische Verfügung sind keine Rechtsmittel möglich, sie tritt sofort in Kraft. Das Gericht lädt die Parteien erst danach zu einer Verhandlung ein, in der über die Massnahme entschieden wird.

In diesem Fall hat die Massnahme keinen Bestand. Schon drei Monate später spricht derselbe Richter den Jungen wieder der Mutter zu. Und das, obwohl das Kind beim Vater bleiben will und die Kinderanwältin eine erneute Umteilung als unzumutbar erachtet. Dem Kind gehe es beim Vater besser, sagt sie.

Zwar stellt das Gericht selbst fest, dass unter der Obhut der Mutter «Anzeichen für eine Vernachlässigung des Kindes» bestünden. «Auch pflegt sie eine körperliche Nähe zu ihrem Sohn, welche als problematisch erscheint.» Das Strafverfahren sei aber eingestellt worden, es könnten der Mutter «zumindest keine sehr gravierenden sexuellen Übergriffe» vorgeworfen werden.

Flucht in die Fantasie

Den Hauptschuldigen am schlechten Zustand des Buben sieht das Gericht nach wie vor im Vater. Dieser stelle die Mutter gegenüber dem Buben permanent als unfähig und generell als schlechte Person dar, heisst es in der Verfügung: «So treibt er das Kind in einen massiven Loyalitätskonflikt.»

Immerhin ordnet das Gericht ein psychologisches Gutachten an. Dieses liegt im September 2017 vor – und es ist eindeutig. Der psychische Zustand des Jungen ist inzwischen «desolat», er verweigert den Schulunterricht und flüchtet sich in eine Fantasiewelt. Freunde hat er in der Schule keine. Oft verhält er sich wie ein Kleinkind, was die Mutter mit ihrem Verhalten sogar fördert: Sie trägt ihren Sohn noch als Zweitklässler über die Strasse. Den Schulweg legt er nie allein zurück.

Termine kann die Mutter kaum einhalten, was zur Folge hat, dass es ihr Sohn praktisch nie pünktlich in die Schule schafft. Die Wohnung ist mit Plastiksäcken voller Kleider und Spielwaren zugestellt, die Küche unbenutzbar. Mutter und Sohn ernähren sich von Fertigprodukten. Auf Hygiene achtet sie kaum, bei ihr duscht der Sohn nicht, und auch seine Zähne putzt er nur unregelmässig. Auf die Probleme angesprochen, nimmt die Mutter Ratschläge zwar dankend an oder versichert sogar, sie habe bereits eine Besserung eingeleitet – allein, es passiert nichts.

Gesundheit des Buben verschlechtert sich rasch

Der Gutachter empfiehlt, den Buben möglichst schnell beim Vater unterzubringen. Dort habe er ein strukturiertes Umfeld, der Vater und dessen Eltern kümmerten sich um ihn. Auch sei der Vater eher in der Lage und dazu bereit, fachliche Hilfe für sein Kind in Anspruch zu nehmen.

Die Kinderanwältin drängt nun auf einen raschen Entscheid. Anfang November 2017 beantragt sie dem Gericht, das Kind erneut per superprovisorische Verfügung dem Vater zuzusprechen. Seit das Gutachten vorliegt, verschlechtert sich die Gesundheit des Achtjährigen rasch. Wohl auch deshalb, weil die Mutter dem Sohn nun droht, sie nehme sich das Leben oder werde psychisch krank, wenn er sie verlasse. In der Schule ist der Junge praktisch nicht mehr tragbar; obwohl er inzwischen bei einer Kinderpsychiaterin in Therapie ist, erwägt die Schule sogar die Einweisung in eine Klinik.

Auf später vertröstet

Doch der Richter sieht nach wie vor keinen Handlungsbedarf. Stattdessen vertröstet er die Parteien am 30. November auf einen Termin Ende Januar 2018: Dann werde die Obhutsfrage geklärt. Der Entscheid wirft den Jungen vollends aus der Bahn. In den nächsten Tagen erhält das Gericht eine Flut von Meldungen mit dem anfangs geschilderten Inhalt. Mehreren Personen gegenüber äussert der Achtjährige den Gedanken, sich das Leben zu nehmen.

Jetzt endlich erkennt der Richter den Ernst der Lage. Mitte Dezember nutzt er ein Besuchswochenende für den Erlass einer superprovisorischen Verfügung: Das Kind darf vorerst bei seinem Vater bleiben. Die Mutter erhält zwar ein Besuchsrecht, aber nur begleitet. Ob der Junge nun definitiv beim Vater bleiben darf, ist aber noch nicht ganz sicher. Am 25. Januar ist die Hauptverhandlung.

Erstellt: 07.01.2018, 21:16 Uhr

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