Zwangsverhütung bei Behinderten ist nicht zulässig

Behindertenorganisationen kritisieren die Praxis eines Zürcher Heimes scharf. Die Heimaufsicht hat keine Kenntnis vom Fall.

Kein Zwang zur Verhütung: Behindertenorganisationen wehren sich gegen die Praxis eines Zürcher Heimes

Kein Zwang zur Verhütung: Behindertenorganisationen wehren sich gegen die Praxis eines Zürcher Heimes

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Ein Heim im Kanton Zürich fordert von behinderten Frauen, dass sie hormonell verhüten. Ansonsten kriegen sie keinen Platz in der Institution. Dies erklärte Aiha Zemp, Fachfrau für Behindertenfragen, gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Um welches Heim es sich konkret handelt, wollte Zemp mit Verweis auf die Schweigepflicht nicht sagen. Die Praxis stösst auf heftigen Widerstand.

Gegen Menschenrechte

Peter Wehrli, Geschäftsführer des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben, sieht einen krassen Eingriff in die Selbstbestimmung von Behinderten: «Die Zwangsverhütung ist absolut inakzeptabel und widerspricht den Menschenrechten.»

Oft sei die offizielle Begründung, dass man damit Behinderten Sexualität ermögliche und sie nicht ständig kontrollieren müsse. Tatsache sei aber, dass man Missbräuchen zwischen Behinderten vorgreifen und den Skandal einer ungewollten Schwangerschaft verhindern wolle.

Auch für Bruno Schmucki vom Behindertenverband Procap ist die Praxis klar widerrechtlich: «Sexuelle Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit sind Grundrechte.» Dennoch sieht die Situation für ihn in der Praxis viel komplexer aus. «Wenn die Eltern der Frau sich auf keinen Fall um ein neues Kind kümmern wollen, macht es Sinn, sie in den Entscheid einzubinden.»

Aufklärung statt Zwang

Ganz anders sieht dies Peter Wehrli: «Ärzte dürfen keine hormonelle Verhütung auf Wunsch der Eltern veranlassen, die behinderte Frau muss dies selbst entscheiden können.»

Wichtig sei, dass man frühstmöglich mit der Aufklärung von Behinderten beginne, auch wenn dies manchmal schwierig und aufwendig sei. Meist seien sie viel vernünftiger, als es die gesellschaftlichen Vorurteile vermuten liessen: «Viele Frauen, die aufgeklärt werden, können selbst einschätzen, ob sie mit einer Schwangerschaft überfordert wären.»

Handelt das Zürcher Heim also illegal? «Unsere Praxis lässt dies nicht zu. Der Eingriff in die Selbstbestimmung ist zu gross,» sagt der Amtschef des kantonalen Sozialamts Ruedi Hofstetter. «Wir würden dem Fall sofort nachgehen, wissen aber nicht, um welches Heim es sich handelt.» Er fordert Aiha Zemp dazu auf, ihn darüber zu informieren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.02.2011, 12:57 Uhr

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