Zwei Städte, doppelter Preis

Nach dem Debakel mit den Ikea-Modellen hat Zürich überstürzt und für viel Geld eine neue Lösung für die Asylhäuschen in der Messehalle Oerlikon finden müssen.

Die Zürcher Variante: Eine Hütte für Flüchtlinge in der Messehalle 9. Foto: Dominique Meienberg

Die Zürcher Variante: Eine Hütte für Flüchtlinge in der Messehalle 9. Foto: Dominique Meienberg

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Wie kleine Zimmer stehen die Asylhäuschen in der Kirche, es riecht nach frisch geschnittenem Holz. Besucher streifen neugierig durch die Räume, kommentieren die Holzhütten, betrachten die weiss gestrichenen Wände, die Kajütenbetten, den Vorhang, der den kleinen Raum in zwei Nischen teilt – eine fürs Essen, eine fürs Schlafen. Die Kirche Rosenberg im gleichnamigen Quartier in Winterthur hat zur Besichtigung ihrer frisch erstellten Asylunterkunft geladen. Das Hüttendorf in der leeren Kirche hat landesweit Schlagzeilen gemacht. Inzwischen beziehen es Asylsuchende aus Eritrea, ­Afghanistan und Syrien.

Die 14 Häuschen für 70 Personen in Winterthur sind eine Art Minivariante der Zürcher Messehalle. In dieser sollen 250 Flüchtlinge unterkommen. Beide Asylunterkünfte haben im Januar ihre Türen geöffnet. In Winterthur sind die Holzhäuschen liebevoller gestaltet, in Zürich-Oerlikon wirken sie genormter. In Winterthur schlafen darin bis zu fünf Flüchtlinge, in Zürich vier. Doch im Grunde sind die Hütten sehr ähnlich.

Flüchtlinge in Holzschachteln: So sieht das neue Übergangszentrum für Asylsuchende neben dem Hallenstadion aus. (Video: Lea Koch)

Dennoch gibt es einen grossen Unterschied: Die Häuschen in Zürich sind fast doppelt so teuer wie jene in Winterthur. 3800 Franken kostet ein Exemplar in ­Zürich. Für die über 60 Stück zahlt die Stadt 235 000 Franken. So hat es die Zimmerei Moser Holzbau aus Gossau ZH offeriert. Winterthur zahlt für jedes Haus 2000 Franken – knapp die Hälfte.

Teurere Hütten nach Brandtest

In beiden Städten drängte die Zeit. Ursprünglich hatten die Verantwortlichen mit den günstigeren Ikea-Häuschen gerechnet, die man gut in den Räumen hätte aufstellen können. Doch kurz vor Weihnachten machte ein Brandtest diesen Plan zunichte: Plötzlich galt das Ikea-Modell als zu gefährlich. Beide Städte mussten schnell eine Lösung finden. Mit einem Direktauftrag taten sie das im Prinzip ähnlich – jedoch mit einem völlig anderen Kostenbewusstsein.

Das Sozialdepartement Winterthur beauftragte den Architekten Markus Jedele vom Architekten-Kollektiv. Er sollte sich um Ersatz kümmern, den Auftrag beschreibt er so: «Ich sollte für möglichst geringe Kosten ein Optimum erreichen.» Über die Weihnachtstage hat er die Häuschen entworfen und so schnell als möglich das zugeschnittene Material bestellt. ­Zivildienstleistende haben die Hütten in der Kirche fertig zusammengestellt.

In Zürich hat die halb städtische Asylorganisation ebenfalls einen Architekten beauftragt, Hans B. Stutz mit Büro in Wetzikon. Er war während des Brandtests in der Messehalle und sah das Problem auf die Stadt zukommen. Stutz bot nach eigenen Angaben an, eine Lösung zu finden, und rief noch am selben Tag die Zimmerei Moser an. Gefertigt hat die Firma die Häuser zwischen Weihnachten und Neujahr. An den Festtagen haben die Mitarbeiter nicht gearbeitet, die Werkstatt hat jedoch für den Sondereinsatz die Ferien vertagt.

Geheimnis um Offerte

Das Vorgehen sorgt in der Holzbaubranche für Stirnrunzeln. Öffentlich äussern wollen sich dazu weder der Verband noch Zimmereibetriebe. Sie lassen jedoch durchblicken, dass sie erstaunt sind vom Direktauftrag. Die Asylorganisation Zürich als Auftraggeberin und die Moser AG halten sich bei Nachfragen zu den Kosten bedeckt. Zimmereichef ­Michael Widmer sagt, die Abrechnung stehe noch aus, und er habe mit Selbstkosten für einen Zimmermann pro Stunde von rund 85 Franken gerechnet. Branchenkenner schätzen diese als eher hoch. In einem Konkurrenzverfahren seien 60 Franken üblich, heisst es bei angefragten Zimmereibetrieben.

Der Stadtzürcher SVP-Gemeinderat Roger Liebi kritisiert das Vorgehen scharf – trotz des Zeitdrucks. «Die Asylorganisation hätte zwingend Gegen­offerten einholen müssen.» So mache es den Anschein, man sei bereit gewesen, jeden Preis zu zahlen. Das kritisiert auch FDP-Gemeinderätin Ursula Uttinger, die sich im Zürcher Parlament mit Sozial­themen beschäftigt. Sie sagt: «Die Stadt muss besorgt sein, ein günstiges Angebot zu erhalten.» Es handle sich ja um Steuergelder. Uttinger sieht zwar ein, dass die Häuschen unter schwierigen Umständen gefertigt werden mussten. Sie findet jedoch, es hätten zwingend zwei, drei weitere Zimmereifirmen angefragt werden müssen.

Tempo an erster Stelle

Die Verantwortlichen in Zürich rechtfertigen ihr Vorgehen mit dem Zeitdruck. Für Thomas Kunz, Direktor der Asyl­organisation (AOZ), stand das Tempo im Vordergrund. Er sagt, der Kanton habe Druck gemacht, dass die Stadt Zürich die Unterbringungsplätze Anfang Jahr habe. Justizdirektor Mario Fehr (SP) hat im November angekündigt, dass die ­Gemeinden ab Januar mehr Flüchtlinge aufnehmen müssen. Auf Nachfrage heisst es von der AOZ, es habe noch ein anderes Angebot für Häuschen gegeben. Die Koordinationsstelle für Asylbewerber aus Liestal BL habe Hütten für bis zu 5000 Franken geboten. Diese seien mit den jetzigen aber nicht vergleichbar.

Für den Zürcher Sozialvorsteher ­Raphael Golta (SP) wäre eine spätere Eröffnung nicht infrage gekommen. «Zürich musste die Plätze zum Jahresbeginn zur Verfügung stellen.» Dass das möglich wurde, sei nach dem Brand der Ikea-Häuschen eine grosse Leistung. Winterthur hatte für die Unterkunft etwas mehr Zeit. Ein Teil der neuen Plätze konnte ohne Kirche geschaffen werden.

Wie delikat die Vergabe von Aufträgen sein kann, zeigt ein aktueller Fall aus dem Aargauer Asylwesen. Dort hat die grüne Regierungsrätin Susanne Hochuli gestern eine Sonderprüfung beantragt und einen Mitarbeiter entmachtet. Grund dafür ist der direkte Kauf von Mobiliar für Asylunterkünfte im Wert von 750 000 Franken bei einer einzigen, kleinen GmbH. Der Vorwurf: Vetterliwirtschaft – der Staatsangestellte und die Chefin der Firma seien miteinander familiär verbandelt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2016, 23:26 Uhr

Die Winterthurer Variante: Ein Flüchtlingshaus in der Kirche Rosenberg wird gebaut.
Foto: Marc Dahinden (Landbote)

Asylwesen in Zürich

Ikea-Häuschen an Lager

Zürich besitzt 60 Ikea-Häuschen. Die halbstädtische Asylorganisation AOZ hatte einige bereits in der Messehalle Oerlikon aufgestellt, als sie wegen eines Brandtests für unbrauchbar eingestuft wurden. Damit hätten sie nicht rechnen können, sagte die Asylorganisation und der Zürcher SP-Sozialvorsteher Raphael Golta. Die kantonale Gebäudeversicherung hatte vorgängig zugestimmt, dass die Modelle in der Halle benützt werden dürfen. Zweifel sind laut Golta erst wegen eines Brandtests aufgekommen, der in Deutschland durch­geführt worden war. Laut Thomas Kunz, Direktor der AOZ, ist noch in Abklärung, was mit den Ikea-Häuschen geschieht und wer die entstandenen Mehrkosten tragen muss. Auch Winterthur hat solche bestellt, konnte den Auftrag jedoch stornieren.

Die Asylorganisation ist im Auftrag der Stadt Zürich für Asylunterkünfte zuständig. In den vergangenen Monaten ist sie stark gewachsen. Sie stellte 100 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an, wie Kunz im «Regionaljournal» sagte. (meg)

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