Zwei Öko-Pioniere geben Gas

In Spreitenbach bauen Kompogas-Erfinder Walter Schmid und Solar-Tüftler Urs Jenni die Umwelt-Arena.

Ein ungleiches Duo auf gemeinsamer Mission: Walter Schmid (l.) ist ein ökologisch denkender Ökonom, Josef Jenni ein unternehmerisch denkender Öko-Freak.

Ein ungleiches Duo auf gemeinsamer Mission: Walter Schmid (l.) ist ein ökologisch denkender Ökonom, Josef Jenni ein unternehmerisch denkender Öko-Freak. Bild: Nicola Pitaro

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Alles begann damit, dass Walter Schmid in einem Malerkessel Schnittgras, Küchenabfälle und Hühnermist mischte, den Kessel verschloss und auf seiner Terrasse in die Sonne stellte. Als sich der Kessel nach einigen Tagen blähte, hielt er ein brennendes Streichholz hinein, worauf das Gemisch explodierte, eine riesige Schweinerei anrichtete – und seine Frau sagte: «Mit dem Seich hörsch jetzt aber uf.» Er erwiderte: «Damit fange ich jetzt an.»

Das war 1988 und der Anfang von Kompogas, welches mittlerweile zu einem Unternehmen mit 125 Mitarbeitenden und weltweit 50 Anlagen wuchs, in denen aus Küchen- und Gartenabfällen Energie gewonnen wird. Ende Jahr geht Schmids Firma Kompogas zu 100 Prozent an die Axpo über.

Bessere Arbeitsplätze als Nebeneffekt

Der 61-jährige Schmid spielt längst in einem anderen Projekt die Hauptrolle: In Spreitenbach, direkt neben dem Einkaufszentrum Tivoli, entsteht zurzeit ein Informations- und Kompetenzzentrum für energieeffiziente und nachhaltige Produkte und Dienstleistungen.

Schmid spricht griffig von einer «Umwelt-Arena», denn darin sollen Brot und Spiele möglich sein: Interaktiv und lustvoll können die Leute erfahren, weshalb es Sinn macht, ein etwas teureres Biosteak zu essen: «Weil es besser schmeckt», sagt Schmid. «Schön, dass es überdies Tier und Natur schont.» Oder weshalb man Kleider aus nachhaltiger Produktion tragen soll: «Weil ich davon keine Ekzeme bekomme.» Mit dem Nebeneffekt, dass in Indien bessere Arbeitsplätze entstehen.

Schmids Pragmatismus

Diese Argumentation illustriert Walter Schmids Weltanschauung bestens: «Der Mensch ändert sein Verhalten nur, wenn ihm das selbst Vorteile bringt.» Noch zugespitzter sagt er: «Umweltschutz funktioniert grundsätzlich nur über das Portemonnaie.» Hinter dieser Haltung steckt eine Reihe von Enttäuschungen: 1985 realisierte Schmid die erste Tiefenwasserbohrung bis 500 Meter hinunter und heizte so 200 Wohnungen. Als das Erdöl billiger wurde, sattelten die Hauseigentümer wieder um.

Er entwickelte erste Elektromobile, die niemand kaufte, weil sie zu teuer waren. Er setzte bereits 1988 erstmals Fotovoltaik ein, was finanziell ein Riesenflop war, und er baute 1998 das erste Minergie-Mehrfamilienhaus und konnte die Wohnungen nur schwer verkaufen, weil sie etwas mehr kosteten als konventionell gebaute.

Der Öko-Ökonom

Leichthin wischt er solche Rückschläge weg: «Ohne Misserfolge kann man sich über Erfolge gar nicht richtig freuen.» Er kann sich solche Sprüche leisten, scheint er doch einer von den Glückspilzen zu sein, bei denen sich schliesslich alles zum Guten wendet: «Ich floppte zwar mit dem Minergie-Haus, die Nachfrage nach nachhaltigen Bauten für Genossenschaftssiedlungen und Investoren stieg danach jedoch stark an.»

Bauherr Schmid, der mit 20 Jahren klein angefangen hat, ist unterdessen gross herausgekommen. Er stellt einen neuen Unternehmertypus dar: Nennen wir ihn Öko-Ökonom.

CO2-neutrale Baustelle

In Anzug und weissem Hemd, doch ohne Berührungsängste bewegt sich Schmid auf der Baustelle. Auf einen riesigen Lastwagen zeigend, sagt er stolz: «Das Monstrum fährt mit Küchenabfällen.» Die Baustelle wird vom Spatenstich bis zur Inbetriebnahme C02-neutral betrieben. Auf dem Kran dreht ein Windrad, die Baubaracken sind mit Fotovoltaik-Anlagen bestückt; was nicht mit neuen Technologien zu machen ist, wird über Zertifikate abgegolten. Das gab es in dieser Konsequenz noch nie.

Doch Schmid findet: «Kanton und Gemeinden sollten zur Auflage machen, dass Baustellen CO2-neutral betrieben werden.» Hinter ihm schwebt eine riesige weisse Wanne in der Luft – ein Speicher, der 70'000 Liter Wasser fasst (siehe Grafik). Und damit kommt Josef Jenni ins Spiel.

Jennis Idealismus

Josef Jenni, ein Urgestein der Solartechnik, hat als Erster ein Null-Energie-Haus gebaut und ist das bare Gegenteil von Walter Schmid: Öko-Freak trifft Öko-Ökonom. Der eine kommt im 3-Liter-VW Lupo, der andere fährt einen Mercedes – mit Kompogas betrieben. Der eine gründete einst die Tour de Sol, der andere wurde 1996 Europameister im Autocross – 500 PS. Der eine sagt: «Wir Menschen müssen lernen, bescheidener zu leben.» Der andere erwidert: «Meine Kunden wollen sich nicht einschränken.»

Jenni verhilft mit seiner ausgeklügelten Energietechnik Schmid dazu, dass Schmid die Umwelt-Arena dereinst CO2- neutral betreiben kann. Er spricht von einem «Leuchtturmprojekt» und gibt neidlos zu, dass er selbst vorab Idealisten anspricht, die vielleicht etwa 5 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Schmid dagegen spielt finanziell und unternehmerisch in einer anderen Liga. «Er hat das Potenzial, die grosse Masse zu erreichen», sagt Jenni.

Umzingelt von Beratern

Die Umwelt-Arena in Spreitenbach stellt Schmid vor eine ganz neue Herausforderung. «Ich habe es mit 25 Beratern zu tun – vom Messe- über den Akustik- bis zum Wohlfühlberater.» Für einen, dessen Kernkompetenz bei der Haus- und Mobilitätstechnik liegt, sei das zumindest gewöhnungsbedürftig.

Als Ausgleich ist er daran, ein neues Gerät zu entwickeln, welches unkompliziert ermöglicht, den Energieverbrauch bereits bestehender Häuser zu halbieren. Bluff oder gar Scharlatanerie, würde man denken, sässe man nicht Walter Schmid gegenüber. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2010, 20:50 Uhr

In ca. 9 km langen Leitungen im Erdreich zirkuliert ein Wasser-Frostschutz-Gemisch, das im Sommer das Leitungssystem mit kühlem Wasser versogt und im Winter die im Erdreich vorhandene Wärme für Heizwasser nutzt. Im Sommer wird die überflüssige Wärme in den Erdspeicher eingelagert und kann so im Winter für die Heizung genutzt werden. (Bild: TA-Grafik / Quelle: Umwelt Arena AG)

Die Umwelt-Arena

Ein Öko- statt eines Verkehrshauses

Die Umwelt-Arena neben dem Shoppingcenter Tivoli in Spreitenbach soll ein Erlebnispark für energieeffiziente und nachhaltige Produkte werden. Ein Öko- statt eines Verkehrshauses. Dahinter steht Kompogas-Erfinder Walter Schmid, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Bevölkerung lustvoll, neutral und transparent mit Umweltthemen in Berührung zu bringen. «Wir haben das Wissen, wir haben die Technik. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, diese Fertigkeiten unters Volk zu bringen, wenn wir in der Welt etwas bewegen wollen.»

Schmid baut für 45 Millionen Franken nach Plänen seines Sohnes René Schmid (René Schmid Architekten, Zürich) ein architektonisch auffälliges Gebäude in Form eines Kristalls, das vollkommen CO2-neutral betrieben wird. Die landesweit grösste gebäudeintegrierte Fotovoltaikanlage überzieht die gesamte Gebäudehülle und umfasst 5300 Quadratmeter. Neben Sonnenenergie kommen Wärmeaustausch und Windenergie zum Einsatz. Auf rund 5000 Quadratmetern werden Firmen umweltschonende Technologien präsentieren, aber keine Produkte verkaufen. Fachleute und Laien sollen sich unverbindlich über die Produkte informieren können. Im Vordergrund stehen Alltagsgeräte und Dienstleistungen, die jeder beansprucht.

Das Bundesamt für Energie unterstützt das Vorhaben mit Know-how und Qualitätsangaben. Laut Schmid ist das Interesse bei den Anbietern gross. «Ich stehe bereits mit mehreren internationalen Grossunternehmen vor dem Abschluss der Verhandlungen.» Zudem finden in der Arena vierzehntäglich wechselnde Sonderwochen mit Solarmobil-Autorennen oder Degustationen von Bioprodukten statt. Die Umwelt-Arena ist auch Veranstaltungs- und Kongresszentrum für 1500 Personen. Sie wird im Frühling 2012 eröffnet. (net)

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