Hitlers Ring und Schobingers Absage

Bernhard Schobinger, Zürcher Goldschmied von Weltrang, will den international renommierten deutschen «Goldenen Ehrenring» nicht – wegen dessen Nazi-Vergangenheit.

Verweigert einen wichtigen Preis: Bernhard Schobinger, Schmuckkünstler aus Richterswil, 2003 an einer Ausstellung in Zürich.

Verweigert einen wichtigen Preis: Bernhard Schobinger, Schmuckkünstler aus Richterswil, 2003 an einer Ausstellung in Zürich. Bild: Dorothea Müller/Keystone

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Die Nazis waren, kunsthistorisch gesehen, nicht mit viel Geschmack ausgestattet. Der Ring, den der deutsche Goldschmied Karl Berthold damals für Adolf Hitler kreierte: ein schwülstiges Unding. Aufbewahrt in einem silbernen Globus, aus Silber und Gold gefertigt, zeigt er ein Hakenkreuz, das von weiteren Hakenkreuzen und Schwertern getragen wird. In der Mitte protzt ein Rubin.

Nazischmuck: Der «Hitler-Ring». (Foto: Alexander Historical Auctions)

2013 kam der «Hitler-Ring» in die Schlagzeilen. Ein US-Auktionshaus bot das von einem amerikanischen Soldaten verschleppte und lange verschollene Stück für 100'000 Dollar feil.

Die Richti-Connection

Jetzt, drei Jahre danach, ist der Ring Teil einer Kunstkontroverse, die nach Richterswil am Zürichsee führt. Er dient als Argument dafür, dass ein dort lebender Künstler einen anderen Ring nicht annehmen will.

In Richterswil nämlich wohnt Bernhard Schobinger, Jahrgang 1946. Ein Goldschmied, der im Spannungsfeld von Kunsthandwerk und Kunst eindeutig der Kunst zuzuordnen ist. Schobinger ist mit der ebenfalls international bekannten Foto- und Videokünstlerin Annelies Strba verheiratet, die mit Grössen wie Pipilotti Rist und Nan Goldin ausstellte. Die Ausstellungsliste ihres Gatten ist genauso exquisit: Victoria & Albert Museum in London, Pinakothek der Moderne in München, Hermitage St. Petersburg.

Der Brief aus Hanau

Naheliegend, dass Schobinger als einem der wichtigsten Schmuckkünstler der Gegenwart irgendwann der Goldene Ehrenring der deutschen Gesellschaft für Goldschmiedekunst zugehen würde – jene Auszeichnung, die man salopp auch «Nobelpreis für Goldschmiede» nennt. Heuer wurde ihm dies kommuniziert, er bekam einen Brief aus Hanau nah Frankfurt, wo die Gesellschaft im schmucken «Deutschen Goldschmiedehaus» untergebracht ist.

Bloss – Schobinger will den Preis nicht. «Ich bin kein Historiker, aber mein politisches und weltanschauliches Selbstverständnis als Künstler verlangt den permanenten kritischen Diskurs mit der Vergangenheit wie der Gegenwart», antwortete er der Gesellschaft. Die Institution Ehrenring habe eine Nazi-Vergangenheit, fährt er fort und verweist darauf, dass einige Ehrenring-Träger enge Beziehungen zur Nazi-Führungsriege unterhielten. Zum Beispiel Karl Berthold, der Hitler den erwähnten «Klunker» widmete, so das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel».

Berthold, Ehrenring-Preisträger 1939, ein devoter Nazi. Er liess «kultur-bolschewistische Judenknechte» von der angesehenen Frankfurter Kunststätte Städelschule entfernen. Mit diesem Mann will Schobinger nichts zu tun haben.

Die Menschenstafette

Zu den Gepflogenheiten rund um den Preis gehört auch eine Art Stafette: Der Ausgezeichnete muss den Ring für den nächsten Preisträger schaffen. Was Schobinger in diesem Zusammenhang stört: dass der Ring, den er fertigen müsste, laut Satzung einen Adler zeigen muss. Schobinger spricht vom «Dunstkreis nationalistischer und faschistischer Ideologie». Und er fordert, dass die Gesellschaft sich ihrer braunen Vergangenheit stellen und diese aufarbeiten müsse.

«Dass man im 21. Jahrhundert noch so reagieren kann, finde ich enttäuschend», reagiert Christianne Weber-Stöber, Geschäftsführerin der Hanauer Goldschmiedekunst-Gesellschaft. Man habe nie verheimlicht, wie einzelne der Preisträger in der Nazizeit handelten: «Das ist alles bekannt und im Archiv nachzulesen.» Bisher hätten alle 41 Benannten, darunter etliche Nicht-Deutsche, den Ring angenommen. Den Adler gebe es im Übrigen als Symbol überall, seit den Römern. «Natürlich war er in der Nazizeit ein wichtiges Symbol. Aber danach auch in der neugegründeten demokratischen Bundesrepublik.»

Es werde einen nächsten Preisträger geben, selbstverständlich, sagt die Geschäftsführerin. Bloss werde die Verleihung mit einem Jahr Verspätung statt 2017 erst 2018 stattfinden. Schobingers Reaktion auf die Stellungnahme aus Hanau: «Ich habe es voraussehen können, die peinliche Vergangenheit wird unter den Teppich gekehrt und das wars.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.11.2016, 11:36 Uhr

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