Abstieg? Na und?

Ein Abstieg des FC Zürich hätte direkte Auswirkungen auf die Stadtkasse. Wirtschaftlich gesehen wäre er aber kaum relevant. Ein anderer Fussballverein ist da wichtiger.

Kehraus im Letzigrund? Das kaum, aber die Stadt bekäme wohl weniger Miete vom FCZ.

Kehraus im Letzigrund? Das kaum, aber die Stadt bekäme wohl weniger Miete vom FCZ. Bild: Steffen Schmidt/Keystone

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Sollte der FC Zürich den Ligaerhalt nicht schaffen, wäre die Stadt Zürich unmittelbar davon betroffen – und zwar finanziell. Der Verein müsste für den Letzigrund voraussichtlich weniger Miete zahlen. Der bestehende Vertrag, der bis 2018 gilt und eine Grundmiete von 500'000 Franken pro Saison vorsieht, endet bei einem Abstieg automatisch.

«Der Stadtrat würde mit dem FC Zürich wohl einen neuen Mietvertrag aufsetzen», sagt Hermann Schumacher, Leiter Sportanlagen beim städtischen Sportamt. Die neue Miete wäre ihm zufolge Verhandlungssache. Es ist aber klar, dass die Miete tiefer wäre als heute. Denn die Grundidee des laufenden Vertrags lautet: Die Clubs zahlen umso mehr, je besser es läuft, und umgekehrt.

(Die Stimmung im Stadion würde sicherlich leiden. / Foto: Urs Jaudas)

Allerdings könnte es deshalb auch dazu kommen, dass der FCZ als B-Club der Stadt nächste Saison mehr zahlen muss als bisher. Dann nämlich, wenn er am 29. Mai den Cupfinal gegen den FC Lugano gewinnt und sich so für die Europa League qualifiziert. Für jedes internationale Spiel würden zwischen 5000 und 100'000 Franken fällig – was die tiefere Grundmiete sogar wettmachen könnte.

Polizei: «Weniger zu tun rund ums Stadion»

Auswirkungen hätte der FCZ-Abstieg auch auf die Arbeit der Stadtpolizei Zürich. «Es gäbe wohl weniger zu tun rund ums Stadion», sagt Infochef Marco Cortesi. Damit meint er vor allem weniger Hochrisikospiele wie die Derbys gegen GC und die Duelle gegen den Erzrivalen FC Basel. Wie viel Personal und damit Kosten einzusparen wären, kann Cortesi nicht sagen.

(FCB-Fans auf ihrem Marsch zum Letzigrund haben die Polizei immer wieder auf Trab gehalten / Foto: Dominique Meienberg)

Zudem verweist er darauf, dass auch Challenge-League-Duelle heiss sein könnten. Je nach Konstellation, Fanfeindschaften und Tabellensituation braucht es mehr oder weniger Polizei rund um den Letzigund. Den grossen Abbau der Polizei-Überstunden könne man jedenfalls nicht erwarten, meint Cortesi. Ohnehin hoffe die Stadtpolizei «grundsätzlich», dass der FCZ in der Super League bleibt.

Ein zu unbedeutender Faktor

Ansonsten hätte ein Abstieg des FCZ aber kaum Konsequenzen, die über das Sportliche hinausgehen. Das zeigt eine Umfrage bei verschiedenen Experten. Laut dem Wirtschaftspsychologen Christian Fichter etwa, Verfasser der Studie «Zürich Image Monitoring», ist der FCZ ein zu kleiner Faktor, als dass er für die Wahrnehmung des Standorts Zürich relevant wäre. «Das ist selbst den härtesten Fans klar», ist er überzeugt. Die Selbstinszenierung des Vereins und seiner Anhänger stehe in einem Missverhältnis zu ihrer tatsächlichen Bedeutung. Insofern würde auch ein Abstieg an der Wahrnehmung Zürichs nichts Wesentliches ändern.

«Dann könnten die Zürcher irgendwann zur Überzeugung gelangen, dass das etwas mit ihrer Identität zu tun hat.» Christian Fichter, Wirtschaftspsychologe

Es gibt laut Fichter zwar einen fussballbezogenen Faktor, der in Befragungen oft genug genannt wird, um als imagerelevant zu gelten: Das ist aber keiner der beiden lokalen Spitzenclubs, sondern der Weltfussballverband Fifa. Daran könnte sich laut Fichter allenfalls dann etwas ändern, wenn sich in den kommenden Monaten und Jahren ein medial stark beachtetes Drama um den FCZ entspinnen würde. «Dann könnten die Zürcher irgendwann zur Überzeugung gelangen, dass das etwas mit ihrer Identität zu tun hat.»

Bedauerlich wegen der Stadionfrage

FDP-Nationalrätin Regine Sauter, die Direktorin der Zürcher Handelskammer, sagt, dass für die Standortattraktivität ein gutes Freizeitangebot wichtig sei, und dazu gehöre auch der Sport. In Zürich sei ein solches Angebot heute aber gegeben. Es sei schwer zu beurteilen, ob die Ligazugehörigkeit des FCZ dabei eine zentrale Rolle spiele, sagt Sauter. «Ich wage es aber zu bezweifeln.»

Bedauerlich wäre ein Abstieg des Vereins ihrer Ansicht nach aus einem anderen Grund: Er würde den Gegnern eines neuen Fussballstadions zusätzliche Argumente in die Hände spielen. Der Bau wäre dadurch noch schwieriger zu realisieren als ohnehin schon. Darunter würden auch jene Privatunternehmen leiden, die das gerne machen würden.

Fans trinken ihr eigenes Bier

Wenig Sorgen machen sich die Wirte. Der Zürcher Verbandspräsident Ernst Bachmann hat in seinem eigenen Restaurant nahe der Trainingsplätze des FCZ zwar oft Mitglieder des Clubs bei sich zu Gast. Für seine Branche hätte ein Abstieg des Vereins ihm zufolge aber kaum Konsequenzen. Bachmann spricht aus Erfahrung, denn er hat als langjähriger Supporter des Vereins schon das letzte Gastspiel in der Zweitklassigkeit Ende der Achtzigerjahre hautnah miterlebt.

(Die Gastronomie würde ein Abstieg kaum berühren. / Foto: Esther Michel)

Bemerkbar machen würde sich ein neuerlicher Abstieg allenfalls für Gastrobetriebe in unmittelbarer Nähe des Stadions. Wenn wegen unattraktiver Spielpaarungen weniger Fans auftauchen, können sie weniger verkaufen. Allerdings machen diese Betriebe an Matchtagen laut Bachmann schon heute nicht das grosse Geschäft, weil viele Fans ihr Bier im Laden kaufen und selbst mitbringen.

Optimismus von höchster Stelle

Noch gar nicht mit Worst-Case-Szenarien beschäftigen mag sich der Zürcher Regierungspräsident Mario Fehr (SP). Er hat als Vorsteher der Sicherheitsdirektion oft mit Problemen rund um den Fussball zu tun, ist privat aber ein leidenschaftlicher Fan. «Ich unterstütze die Mannschaft bis zur 93. Minute des letzten Spiels», sagt Fehr. «Der FCZ schafft den Ligaerhalt.»

Auch Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) glaubt an den baldigen Aufstieg des FCZ in der Tabelle. «Der 13. Mai vor genau 10 Jahren zeigt, dass es erst vorbei ist, wenn definitiv abgepfiffen wurde», sagt Mauch. Dies sei in der Abstiegsfrage noch nicht der Fall. «Ich drücke dem FCZ bis zum Schluss die Daumen.»

Ihr Stadtratskollege und Sportminister Gerold Lauber (CVP) hingegen ist «in grosser Sorge um den FCZ», wie er sagt. Gleichzeitig bleibt er aber auch zuversichtlich und blickt gar hoffnungsvoll in die Zukunft: «Wenn der Stadtrat die Mannschaft des FCZ im September im Muraltengut als Cup-Sieger feiern kann, wäre dies eines der Zürcher Highlights 2016.»

Erstellt: 13.05.2016, 13:26 Uhr

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