Abstimmen ist ganz schön anstrengend

Das mag die deutsche Korrespondentin an der Schweiz: Jeder Bürger weiss, dass nichts (oder fast nichts) über seinen Kopf entschieden wird.

Das Volk als letzte Instanz – das gibt Sicherheit.

Das Volk als letzte Instanz – das gibt Sicherheit. Bild: Urs Jaudas

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Wer in den letzten zwanzig Jahren Zeitung gelesen hat, weiss, dass das Geld, das man mit gedruckten Texten verdient, eher nicht mehr wird. Dass Journalisten weit weg von der Redaktion leben, ihre Kinder dort zur Schule schicken und mit den Nachbarn über die Regeln im Waschkeller diskutieren, wird immer seltener. Es ist erstens teuer – zweitens kann man auch von München aus japanische Zeitungen lesen, Livebilder aus der Wüste Sahara anschauen und indonesische Bergbauern per Videochat interviewen. Kurzum: Korrespondenten könnte man eigentlich einsparen.

Was dagegen spricht? In meiner Erfahrung der letzten vier Jahre in Zürich sind das vor allem zwei Arten von Geschichten. Zum einen die schnellen, unerwarteten Themen, die einem einfach so begegnen. Zum Beispiel der dauerkiffende Kumpel, der stolz erzählt, er und die meisten seiner Freunde seien gerade dabei, auf CBD umzusteigen. Die Prostituierten auf der Langstrasse, bei denen man sich jeden Tag fragt, wie sie wohnen, leben, sich organisieren. Eine Freundin, die von einem Start-up für natürliche Verhütung aus Zürich erzählt. Überraschungshits, zu denen ein bisschen Glück gehört – und die man aus der Ferne wohl nicht sehen würde.

Die zweite Art von Geschichten ist dagegen langsam. Es dauert, bis man sie bemerkt. Ich zum Beispiel hätte als Auslandschweizerin seit meinem 18. Geburtstag im Kanton Neuenburg abstimmen können. Am Anfang habe ich es auch versucht. Die Unterlagen übersetzt, mit meinen Eltern diskutiert, Schweizer Zeitungen gelesen. Eine ziemliche Arbeit, bei der ich mich vor allem ärgerte, dass mir der Schulunterricht die französischen Vokabeln für Kreisverkehr und Leitplanke vorenthalten hatte. Ich habe dann nicht mehr oft abgestimmt.

Vorbildlich? Gefährlich?

Wenn später, im Politikstudium, über direkte Demokratie diskutiert wurde, dachte ich, wie alle anderen, an die privilegierten Eltern in Hamburg, die mit Unterschriftenlisten dafür kämpften, dass ihr Maximilian weiterhin aufs Gymnasium gehen konnte.

Erst in Zürich habe ich wieder angefangen, abzustimmen. Das rote Abstimmungsbüchlein war eine meiner zuverlässigsten Quellen in der Berichterstattung, die Abstimmungssonntage auf das ganze Jahr blockiert. Obwohl ich jetzt normalerweise verstehen konnte, worum es ging, fand ich es anfangs ganz schön aufwendig. Ich bewunderte meine Freunde in Zürich, die diese Anstrengung selbstverständlich auf sich nahmen – und schämte mich, wenn ich eine lokale Abstimmung leer einwarf. Mit der Zeit gewöhnte ich mich daran, abendelang über lokalen Bauvorhaben zu brüten und stundenlang die Gemeinderatskandidaten aus meiner Nachbarschaft zu googeln.

Wenn ich mit meinen Kollegen in München über direkte Demokratie sprach, waren wir immer seltener einer Meinung. Was ich faszinierend, lebensnah und überaus vorbildlich fand, erschien ihnen trocken und bürokratisch – und andererseits: gefährlich. Das Volk als letzte Instanz ist für viele Deutsche eine schwierige Vorstellung. Dass die Schweizer die Möglichkeit, die Todesstrafe einzuführen und der Welt den Krieg zu erklären, seit dem 19. Jahrhundert nicht genutzt haben, überzeugt viele nicht so richtig.

Paradoxe Situation

Für das Buch über die Schweiz als Vorbild der AfD (Rotpunktverlag, 2017) habe ich mit denen gesprochen, die von dieser Auffassung profitieren. Die deutschen Rechten haben es geschafft, direkte Demokratie zu ihrem Thema zu machen. Viele Deutsche glauben heute, Volksabstimmungen seien ein rechtes Anliegen, ein Mittel, um die bestehende Ordnung aus den Angeln zu heben, die Regierung dem Stammtisch zu überlassen. Der AfD ist das vermutlich recht so, schliesslich hat sie ein populäres Anliegen für sich besetzt.

Für eine kleine Gruppe von Bürgerrechtlern, von denen viele schon seit dem Fall der Mauer für mehr direkte Beteiligung kämpfen, ist das bitter. Denn während die «gefährliche» Seite der direkten Demokratie zumindest leidenschaftliche Ablehnung hervorruft, hat die Praxis, auf die sich die Aktivisten beziehen, eher einschläfernde Wirkung.

So entsteht in Deutschland eine paradoxe Situation: Obwohl eine Mehrheit der Deutschen für Volksabstimmungen ist, setzt sich keine grosse Partei dafür ein. Die AfD profitiert von Unwissenheit und Desinteresse. Denn genau wie es mir mit dem Abstimmen ging, geht es auch vielen anderen: Direkte Demokratie wird erst spannend, wenn man mitentscheiden kann. Dann aber verändert sich einiges.

Anders als die meisten anderen Völker sind die Schweizer daran gewöhnt, gefragt zu werden, wenn sich in ihrer Umgebung etwas verändert. Sie entscheiden mit, ob ein Kornspeicher ihnen künftig in der Nachmittagssonne stehen darf. Das Gefühl, das daraus entsteht, ist ein langfristiges. Es gibt Sicherheit, Stabilität und eine grosse Selbstverständlichkeit: Jeder Bürger weiss, dass nichts (oder doch fast nichts) über seinen Kopf entschieden wird.

Dieses Lebensgefühl zum Text machen? Ist mir nie gelungen. Dafür tauchen in sehr vielen Artikeln Sätze auf, die diese Schweizer Normalität beschreiben, versuchen, das schweizerische Selbstverständnis zu illustrieren. Das sind zwar selten die Texte, die weit vorne im Blatt stehen. Beim Schreiben hatte ich aber immer wieder das Gefühl, sie seien die wichtigsten.

Erstellt: 28.02.2019, 10:29 Uhr

Der Blick von aussen (8/9)

Nach vier Jahren als Schweiz-Korrespondentin der «Süddeutschen Zeitung» zieht Charlotte Theile weiter. Sie wird künftig für die «Zeit» in Leipzig arbeiten. Im «Tages-Anzeiger» berichtet sie in einer losen Serie über ihre Zeit in der Schweiz. Neun kleinere und grössere Texte, in denen die 31-Jährige einen persönlichen Blick auf unser Land wirft – und auf dessen Bewohner. (bra)

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