Abstürzen mit Gottfried Keller

Zum 200. Geburtstag des grossen Schriftstellers kann man auf seinen Spuren durch Zürich stolpern – an Orte, wo sich nicht nur ruhmreiche Dinge zutrugen.

Machte der Wirtin seines Lieblingslokals einen Heiratsantrag: Gottfried Keller mit 53 Jahren. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Machte der Wirtin seines Lieblingslokals einen Heiratsantrag: Gottfried Keller mit 53 Jahren. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

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«Wer so nur durchreist in Zürich, bekommt alles das gar nicht zu sehen und weiss gar nicht, welche kokette Herrlichkeiten unsre Gegend in sich hat.» Dies schrieb Gottfried Keller am 21. April 1856 an die deutsche Schriftstellerin und Zeichnerin Ludmilla Assing, mit der er engen Briefkontakt pflegte.

Dass man diesen Satz auf der Startseite des Portals «Auf den Spuren von Gottfried Keller in Zürich» findet, ist nicht Zufall, sondern Programm: Absicht der Website des Vereins für eine Gottfried-Keller-App ist nämlich das Entdecken koketter Herrlichkeiten, die an die Biografie und Literatur des bekannten Schriftstellers geknüpft sind.

Insgesamt 111 Schauplätze werden mit Text, historischen Fotos oder Zeichnungen präsentiert, nach den Kriterien «Personen», «Routen», «Themen» und «Werke» gegliedert. Sie alle bringen einem auch die weniger gloriosen Facetten Kellers näher als manche bereits ins Land gezogene Jubiläumsveranstaltung. Nachfolgend eine Auswahl dieser Geschichten, der Wortlaut basiert teilweise auf der Website.

1. Der BombenzünderWeinplatz 2, 21. November 1880

Mit Stolz berichtete Keller an Marie Frisch, er sei Ehrenmitglied einer uralten Gesellschaft von Artillerieoffizieren geworden, die jeden Sommer ein feierliches Bombenschiessen abhalten. «Da muss ich auch meinen Schuss tun, den Mörser ausputzen, Pulver hinein und eine Bombe wie ein Kindskopf draufsetzen und anzünden. Das erstemal, wo sie mir das Geschütz sorgfältig richteten, gewann ich die erste Ehrengabe», das zweite Mal indes habe er einen Katzenjammer vom nachfolgenden Bankett bekommen. Dieses fand im Hotel zum Storchen statt, wo die Constaffler oder Hochlöbliche Gesellschaft der Feuerwerker jeweils ihr Sechseläutenmahl abhielten. Diese machten Keller zum Ehrenmitglied, weil er ihrer Gesellschaft in der Rahmenhandlung der «Züricher Novellen» ein literarisches Denkmal errichtet hatte.

2. Der einsame Trinker

Spiegelgasse 14, 29. November 1887

Nachts um 23.39 Uhr zeichnete der junge Arzt Jakob Horlacher den 68-jährigen Gottfried Keller im Café Weisshaar. Der damals 24-jährige Horlacher wagte den berühmten Dichter natürlich nicht von vorne zu porträtieren, er skizzierte ihn von hinten, einsam vor seinem Glas sitzend – als einsamer Trinker ist Keller in das Gedächtnis der Nachwelt eingegangen. Im Bürger-Etat der Stadt Zürich von 1885 ist Wirt August Weisshaar unter anderem an der Steingasse 19 verzeichnet, die heute Spiegelgasse heisst.

3. Streit vor dem Café Frieden

Bauschänzli, irgendwann 1840

Aus den 1840er-Jahren ist ein Dokument überliefert, das Gottfried Keller, dem Wirtshausleben sehr zugetan, sozusagen in flagranti ertappt. Das Aquarell von Johannes Ruff (1813–1886) zeigt einen Streit zwischen Keller und dem Kupferstecher Lukas Weber. Die Freunde sind auf dem Weg nach Hause – sinnigerweise bricht der Streit vor dem Café Frieden aus, das gegenüber dem Bauschänzli lag. Während Weber ruft: «Du Hägel bruchst mir nid de wolfeil Wii vorzha will du guete vergebe zsuffe überchunst», zetert Keller: «Wenn me nu na Schwerter trage thät i wett is denn scho zeige ihr Herrgottsdunner!»

4. Verliebt in die Bedienung

Schifflände 26, 13. April 1873

Obwohl es schummrig war in der Wirtschaft Bollerei, konnte Gottfried Keller die Schamesröte nicht verbergen, die ihm sein Tun an jenem Abend ins Gesicht trieb. Mitten in seinem Lieblingslokal am Hechtplatz, in dem Dozenten sowie Studenten verkehrten, preschte der 53-Jährige vor. Lina Weissert, die gute Seele des Lokals, hatte es mit ihrer zuvorkommenden Art ihm und etwa auch Gottfried Semper angetan. An besagtem Abend übergab Keller Weissert einen Brief – mit einem Heiratsantrag. Sie schickte ihm den Brief mit einer Absage zurück. Eugen Huber, NZZ-Redaktor und späterer Verfasser des Schweizerischen Zivilgesetzbuches, hatte bereits um ihre Hand angehalten. Drei Jahre später heirateten sie. Doch Lina Weissert wollte eine Erinnerung an Keller behalten: Auf der Rückseite einer Menükarte schrieb sie den Brief ab.

5. Beim Stein des Propheten

Platzspitz, 5. September 1837

Es zog ihn wieder Richtung Park, dort, wo «längs zu den beiden Flüssen, die den Park einfassen, die schönen Baumalleen stehen», wie er den Ort beschrieb. Der Platzspitz war für den jungen Keller der Inbegriff von Idylle. Dazu trug massgeblich ein Stein bei: das Denkmal für Salomon Gessner. Dieser hatte wie er eine Begabung fürs Malen und fürs Schreiben. In dieser Zeit verbrachte er viel Zeit bei der Büste, die 1793 mitten im Park errichtet worden war. Ob Keller einst wie seine teilweise autobiografisch gefärbte Romanfigur «Der grüne Heinrich» das Werk Gessners in der Bibliothek seines Onkels gefunden hat, bleibt dahingestellt. Die Romanfigur war jedenfalls derart hingerissen von Gessners Bildern und Weltanschauungen, dass er ihn zu seinem Propheten erklärte.


Website mit Karte und Smartphone-Tour: www.gottfriedkellerzuerich.ch

Erstellt: 10.09.2019, 21:38 Uhr

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