«Ältere Angestellte sind für die Chefs unbequem»

Ein ganzes Berufsleben lang war Bruno Copelli Banker. Jetzt plant er ein Buch über das Innenleben der Branche. Ein Thema: Wie über 50-Jährige aussortiert werden.

Ex-Banker Bruno Copelli in seinem Garten in Rapperswil-Jona. Foto: Doris Fanconi

Ex-Banker Bruno Copelli in seinem Garten in Rapperswil-Jona. Foto: Doris Fanconi

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Bruno Copelli (65), ein schlanker, bebrillter Mann mit schlohweissem Haar, hat es geschafft: Er hat bis zu seiner Pensionierung als Banker gearbeitet. Als er seine Lehre antrat, war das normal. Heute ist es ein Kampf, den viele verlieren. «Wer über 50 ist, hat fast keine Chance mehr», sagt Copelli.

Was die Autoren einer Studie des Kantons Zürich herausgefunden haben – dass die Finanzbranche Angestellte über 50 benachteiligt und ältere Bewerber kaum mehr einstellt –, das hat Copelli x-fach miterlebt. Auch am eigenen Leib. Er war knapp 50, hatte es bis zum stellvertretenden Direktor in der Schweizer Zweigstelle einer fernöstlichen Bank gebracht, als er im Zug einer Fusion entlassen wurde. «Ich wäre sonst bis zu meiner Pensionierung in diesem Institut geblieben, die Arbeit dort gefiel mir», sagt er. Doch er wurde aussortiert. Die Begründung: Er sei leider zu teuer. Werde nicht mehr benötigt. Es war ein harter Schlag für Copelli. Noch härter war die Suche nach einem neuen Job. Anderthalb Jahre dauerte sie. Unzählige Bewerbungen hat er geschrieben, oft erhielt er nicht einmal eine Antwort. Entlassenen Berufskollegen im selben Alter ging und geht es ähnlich. Frage man nach, seien die Absagen fadenscheinig. «Die Standardausrede ist: Sie haben keinen Uni-Abschluss.»

Die Sache mit der Weiterbildung

Fragt man Personalverantwortliche in der Finanzbranche, warum über 50-Jährige überdurchschnittlich oft entlassen werden und dann kaum mehr eine Arbeit finden, so hört man immer wieder dasselbe Argument: Ältere hätten oft zu wenig Weiterbildungen besucht. Für Copelli ist das eine Floskel. «Welche Weiterbildung?», fragt er. Er habe immer wieder Kurse gemacht, oft auch im Ausland, mehr als einmal ganze neue Systeme aufgebaut, sich beruflich immer wieder neu orientiert – aber all seine Erfahrung war jenseits der 50 plötzlich nichts mehr wert.

«Wenn die Banken so viel Wert auf Weiterbildung legen», findet Copelli, «dann müssten sie den Leuten auch ­sagen, was künftig gefragt sein wird, in welche Richtung die Entwicklung geht.» Früher sei das genau so gewesen: «Man beschloss Veränderungen, und zu diesem Zweck schickte man die Leute in Kurse.» Besonders entlarvend ist aus Copellis Sicht aber dies: Von den Mitarbeitern verlangten die Banken die passende Weiterbildung, in die Chefetagen aber holten sie oft Personen, die keine Bankausbildung hätten. «Hauptsache Doktortitel», sagt der pensionierte Banker. «Ein Freund von mir bekam beispielsweise einen Chef, der war Doktor der Geografie. Und das ist kein Einzelfall.» Tatsächlich: CS-Chef Tidjane Thiam etwa ist ­Ingenieur. Bevor er zur CS kam, hatte er nie bei einer Bank gearbeitet.

Dass Copelli nach fast anderthalb Jahren Arbeitslosigkeit wieder eine Anstellung fand, verdankt er seiner Hart­näckigkeit. Immer wieder nahm er das Telefon zur Hand, hakte nach. Und bekam immer wieder dieselbe Antwort: «Tut uns leid, Sie haben keinen Uni-Abschluss.» Oder: «Sie haben wenig Weiterbildungen absolviert.» Oder schlicht: «Sie sind zu teuer.» Wenn er davon erzählt, klingt Bruno Copelli bitter. Seine Branche, mit der er sich einst stark identifizierte, hat ihn schwer enttäuscht. Dass Erfahrung und Wissen nicht mehr gefragt sind, kann er nicht nachvollziehen: «Man stellt lieber billige junge Leute ein, die tun, was man ihnen sagt – dabei wäre es effizienter, besser und dadurch letztlich auch günstiger, man gäbe auch älteren, erfahrenen Mitarbeitern mehr Verantwortung. Aber das ist für die Chefs halt unbequem.»

Seine Erfahrungen will Copelli weitergeben. Er schreibt an einem Buch: «Es ist wichtig, bekannt zu machen, was in Banken vor sich geht.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2016, 21:53 Uhr

Engagiertes Podiumsgespräch

Arbeitslosigkeit bewegt die Gemüter

Wie die Arbeitswelt mit über 50-Jährigen umgeht, beschäftigt viele Menschen stark. Das zeigte am Donnerstagabend ein Podiumsgespräch an der Zürcher Hochschule für Wirtschaft: Rund 200 Interessierte waren erschienen – viele davon selbst betroffen.

Und Betroffenheit macht emotional. Das musste vor allem Bruno Sauter spüren, der als Chef des Amtes für Wirtschaft und Arbeit – und damit auch als Chef der Arbeitsvermittlungsstellen – auf dem Podium sass.

Mehr als einmal unterbrachen Zwischenrufe seine Ausführungen. «Ich habe mehr als 700 Bewerbungen geschrieben!», enervierte sich ein Mann, das zuständige RAV habe ihm überhaupt nicht geholfen. Ein anderer sah es ähnlich. Nach mehr als 400 Bewerbungen habe er nun eine Stelle gefunden: «Das RAV konnte mir nichts Passendes empfehlen.»

Bruno Sauter räumte ein, gerade bei Hochqualifizierten müssten die RAV besser werden, verteidigte seine Mitarbeiter aber nach Kräften: «Wir sind im Kanton Zürich überdurchschnittlich erfolgreich.» So gebe es erfolgreiche Vereinbarungen mit Arbeitgebern. Valentin Vogt, Präsident des Schweizerischen Arbeit­geberverbands, gab sich überzeugt, dass ältere Mitarbeiter schon bald gesucht seien: «Heute verlassen jährlich 5000 Menschen mehr den Arbeitsmarkt, als neue dazukommen.» Wer als Firma nicht in Ältere investiere, stehe in zehn Jahren als Verlierer da.

Nicht halb so positiv sah Heidi Joos, Geschäftsführerin des Vereins «50plus outIn work», die Situation. Es brauche eine schärfere Fürsorgepflicht für Arbeitgeber. Und für Laufbahnberaterin Regula Zellweger ist es ein Unding, wenn jemand Hunderte Bewerbungen schreiben muss: «Ich weiss nicht, wie man sich so noch selbstbewusst vorstellt.» (leu)

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