«Für mich ist der Berufsauftrag ein Burn-out-Faktor»

Eigentlich sollte er Lehrer entlasten, doch die meisten sind frustriert: Der neue Berufsauftrag an Zürcher Schulen vergiftet das Arbeitsklima.

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In den Zürcher Schulen gibt es einen neuen Unruheherd. Er trägt den Namen Berufsauftrag. Mit ihm wird die Jahresarbeitszeit eingeführt, welche die Lehrerinnen und Lehrer vor Überlastung schützen soll. Doch weil nun die Arbeitszeit protokolliert werden muss und viele Unklarheiten bestehen, ist die Stimmung in den Lehrerzimmern angespannt. Das geht aus einer Umfrage hervor, die der Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband (ZLV) zusammen mit dem Verein SekZH und der Gewerkschaft VPOD durchgeführt hat und an der sich über 3500 Lehrpersonen beteiligten. Der Tenor ist eindeutig, fast die Hälfte der Befragten hat ausführliche und wütende Kommentare abgegeben. Sie füllen über 100 Seiten im Word-Format. Es sei ein Buch des Frustes geworden, sagt ZLV-Präsident Christian Hugi.

«Das ist ein grosser Betrug und eine reine Sparübung», regt sich einer auf. Eine andere Lehrperson schreibt: «Es ist ein grosses Durcheinander entstanden.» Eine dritte: «Für mich ist der Berufsauftrag ein Burn-out-Faktor und ein Motivationskiller.» Von einer «riesigen Alibiübung» ist die Rede, von «neuer Missgunst». Hugi, Primarlehrer in Zürich, sieht das etwas differenzierter. Für ihn ist die Transparenz auch eine Chance: «Erstmals haben wir es schwarz auf weiss. Das Protokoll kann uns vor neuen Aufgaben schützen.» Auch der Präsident des Vereins SekZH, Sekundarlehrer ­Daniel Kachel, ist nicht grundsätzlich dagegen, aber: «Die Willkür des Systems ist zu gross», findet er.

Überlastung ist bewiesen

Die Klagen der Überlastung gibt es an den Schulen seit Jahrzehnten. Wenn sie seriös arbeiten wollen, müssen Lehrpersonen Überstunden leisten, und der grösste Frust ist für sie, dass es ihnen niemand so recht glauben will. Wer ist schon überlastet mit 13 Wochen Ferien? Tatsache ist, es gibt viele Arbeitszeit­erhebungen, welche die Überlastung ­belegen. Die wichtigste stammt von Hermann J. Forneck aus dem Jahr 1999 und bezieht sich auf den Kanton Zürich. Die Studie räumte auf mit den alten Vorurteilen. Sie basiert zwar grösstenteils auf Selbstdeklarationen, ist aber wissenschaftlich einwandfrei, unter anderem weil über tausend extreme Antworten nicht berücksichtigt wurden.

Es gibt zwar unter den Lehrpersonen auch «faule Eier», wie einst der städtische Schulvorsteher Hans Wehrli (FDP) abschätzig feststellte, doch die durchschnittliche Arbeitszeit der Zürcher ­Lehrer liegt deutlich über dem Soll. In der Sekundarschule kamen pro Person 200 Überstunden im Jahr zusammen, was fünf Arbeitswochen entspricht. «Wer so viel arbeitet, ist in Not», sagte damals Forneck.

Unterdessen sind 20 Jahre vergangen, und mit dem Berufsauftrag liegt endlich eine neue Arbeitszeitregelung vor. Sie erfasst nicht nur die 28 Schulstunden, die eine Lehrperson jede Woche erteilen muss, sondern all ihre anderen Tätigkeiten auch. Für alles zusammen ist eine Jahresarbeitszeit von 1932 Stunden definiert, was wie bei allen Kantonsangestellten einer 42-Stunden-Woche gleichkommt.

«Die Unordnung auf meinem Pult ist grösser geworden.»Christian Hugi, ZLV-Präsident

Von dieser Anzahl von Arbeitsstunden ist seinerzeit schon Hermann J. Forneck ausgegangen. Dass Lehrerinnen und Lehrer heute immer noch überlastet sind, erstaunt daher wenig. Mit dem Berufsauftrag wurde die Art der Arbeit zwar neu definiert, aber der Umfang ist nicht reduziert worden. Noch immer müssen Lehrpersonen 28 Lektionen pro Woche unterrichten, dazu sind aber mehr Absprachen und Weiterbildung notwendig.

Zu wenig Zeit fürs Unterrichten

Am meisten kritisieren die Verbands­präsidenten deshalb die im Berufs­auftrag «zu knapp bemessene Zeit fürs Unterrichten». Der Kanton gewährt 58 Arbeitsstunden pro Wochenlektion. Wenn man das umrechnet, bleiben pro Schulstunde rund 30 Minuten für Vor- und Nachbereitung. Das sei zu wenig.

Sowohl Kachel als auch Hugi haben ihre Unterrichtszeit länger systematisch aufgeschrieben. Hugi hat über 200 Stunden mehr gebraucht, als ihm der Kanton ­dafür zubilligt. In diesem Schuljahr hat er die Arbeitszeit wie verlangt reduziert, doch darunter hat wiederum seine Unterrichtsorganisation gelitten: «Die Unordnung auf meinem Pult ist deutlich grösser geworden.» Auch Daniel Kachel hat festgestellt, dass er fürs Unterrichten mehr Zeit brauchen würde. Für die Verbände wären deswegen mindestens 60 Arbeitsstunden pro Wochenlektion nötig. Im Vergleich mit anderen Kantonen, die die Jahresarbeitszeit für Lehrer kennen, ist Zürich knausrig. Laut dem Schweizerischen Lehrerverband (LCH) gewähren St. Gallen, Aargau und Glarus je 60 Stunden pro Lektion. In Zug sind es wie in Zürich 58. Der LCH fordert deshalb die Senkung der Lektionen.

Ältere Lehrer als Verlierer

Ein «grosses Ärgernis» ist für die Verbandspräsidenten Kachel und Hugi die Entlastung für die älteren Lehrpersonen. Bisher mussten sie ab 57 Jahren zwei Lektionen pro Woche weniger unterrichten. Mit dem Berufsauftrag ist diese Entlastung weggefallen. Neu gibt es wie für alle Staatsangestellten ab 50 Jahren eine, ab 60 zwei Ferienwochen mehr. Das ist für über 57-jährige Lehrpersonen eine klare Verschlechterung: Zwei Ferienwochen ergeben 84 Arbeitsstunden, zwei Lektionen werden aber im Berufsauftrag mit 116 Stunden verrechnet. Im Frustbuch des ZLV sind Kommentare ältere Lehrpersonen denn auch besonders häufig. Viele klagen über zu viele Unterrichtsstunden und über Lohneinbussen. Für Hugi ist diese Altersentlastung inakzeptabel.

Weiter verlangen die Verbände eine neue Absenzenregelung, mehr Stunden für die Arbeit der Klassenlehrer und dass aufwendige Aufgaben wie die Betreuung der Bibliothek wieder entschädigt werden. Viele Gemeinden integrierten diese Arbeit in den Berufsauftrag und bezahlen sie nicht mehr separat.

Aus einem anderen Blickwinkel sehen das neue Regime die Schulleiterinnen und Schulleiter, die mit dem Berufsauftrag ein neues Führungsinstrument bekommen haben. Laut der Präsidentin des Verbands der Zürcher Schulleiterinnen und Schulleiter (VSLZH), Sarah Knüsel, ist der bürokratische Aufwand teilweise zu gross. Zudem gebe es Gemeinden, die den Berufsauftrag zum Sparen nutzten: «Dort ist der Spielraum für die Schulleitungen zu klein», sagt Knüsel. Ausserdem ist für den VSLZH die Zeit für Arbeiten neben dem Unterricht zu knapp bemessen. Wenn etwas Ausser­gewöhnliches wie eine Projektwoche ­geplant sei, werde es vor allem für Schulleiterinnen und Schulleiter in kleineren Schulen schwierig, weil sie die Zusatzarbeiten nur auf wenige Köpfe verteilen könnten.

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Karin Zulliger ist Schulleiterin in Uster. Für sie steht und fällt der Erfolg des Berufsauftrags mit den Schulleitungen, die ihn umsetzen. Am wichtigsten seien die Kommunikation und eine vertrauens­volle Grundhaltung auf beiden Seiten. «Der Berufsauftrag ist nicht perfekt und braucht Verbesserungen, aber er schafft eine nie da gewesene Transparenz.»

Kanton will abwarten

Beim kantonalen Volksschulamt will man zur Kritik aus der Lehrerschaft keine Stellung nehmen und verweist auf eine externe Evaluation, die im Herbst 2019 geplant ist. Vorher werde am Berufsauftrag nichts geändert. Bei den Lehrerverbänden gibt man sich kämpferisch und startet derzeit eine zweite ­Umfrage. Noch vor den Herbstferien soll dem Volksschulamt ein definitiver Forderungskatalog übergeben werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2018, 06:45 Uhr

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