Spitaldirektor kritisiert Affoltemer Stadtrat scharf

Der Stadtrat von Affoltern empfiehlt den Stimmberechtigten, keine Verantwortung mehr für das Säuliämtler Spital zu übernehmen. Dessen Direktor wehrt sich.

700 Mitarbeitende sind betroffen: Die Tage des Bezirksspitals in Affoltern könnten gezählt sein. Foto: Samuel Schalch

700 Mitarbeitende sind betroffen: Die Tage des Bezirksspitals in Affoltern könnten gezählt sein. Foto: Samuel Schalch

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Die Hiobsbotschaft aus dem Stadthaus Affoltern ist gestern Morgen per Mail bei Michael Buik, Direktor des Spitals Affoltern, eingegangen: Der Stadtrat will weder fürs Spital noch fürs geplante Pflegezentrum Sonnenberg Kapital einschiessen und nimmt damit deren Schliessung in Kauf. «Das kommt für uns aus heiterem Himmel», sagt Buik konsterniert. Mit der Betriebskommission plante er in den vergangenen Monaten die Zukunft des Spitals, verstärkte die Zusammenarbeit mit den Stadtspitälern Waid und Triemli und trieb die Neubaupläne in Affoltern voran. Jetzt musste er sein Tagesprogramm umstellen und um 12 Uhr eine ausserordentliche Mitarbeiterinformation ansetzen.

Zwei Stunden zuvor hatten Clemens Grötsch, der parteilose Stadtpräsident von Affoltern, und Sozialvorsteher Martin Galluser (SP) die Medien ins Stadthaus bestellt. Thema: die Zukunft des Spitals. Und die Info hatte es in sich: «Wir sehen keine Perspektiven mehr für unser Spital», sagte Grötsch. Deshalb empfiehlt der Stadtrat den Stimmberechtigten, am 19. Mai für die Auflösung des Zweckverbands für das Spital Affoltern zu stimmen. Und vor allem spricht er sich auch gegen den Beitritt zur neuen gemeinnützigen Aktiengesellschaft fürs Akutspital aus und gegen den Beitritt zur Interkommunalen Anstalt Pflegezentrum Sonnenberg.

Der Stadtrat stützt seinen Entscheid auf einen 160 Seiten dicken Expertenbericht des Beratungsunternehmens Curanovis aus Cham. Demnach ist das Spital für die Qualität der Gesundheitsversorgung in Affoltern nicht nötig. Die Kapazitäten in den umliegenden Spitälern genügten. Es brauche einzig Investitionen in die Notfallversorgung. Diese will der Stadtrat mit einer neuen Permanence und einem Rettungsdienst im Stadtzentrum neu aufbauen.

Neue Senioren unerwünscht

Aus Sicht des Stadtrats kann Affoltern die Verantwortung für sein Spital langfristig nicht tragen. «Die Weiterführung des defizitären Spitals stellt für unsere Stadt ein zu grosses finanzielles Risiko dar», sagt Grötsch. Ohne eine grössere Steuerfusserhöhung sei der geplante Ausbau des Spitals nicht finanzierbar. Zudem müsse man im Spital auch in Zukunft mit steigenden Defiziten rechnen.

Das geplante Pflegezentrum Sonnenberg ist ebenfalls nicht im Sinn des Stadtrates. Da dort Pflegewohnungen geplant sind, müsse man mit dem Zuzug pflegebedürftiger Senioren rechnen, für die Affoltern dann zahlen müsse. Für die Zukunft der Pflege hat der Stadtrat andere Pläne als ein ­neues Pflegezentrum an bester Wohnlage. Laut Galluser will man in die Spitex investieren und ins gemeindeeigene Pflegeheim Seewadel, «wo wir alleine bestimmen können».

Der Stadtrat ist sich der Tragweite seines Entscheides bewusst. «Sollte das Volk unsere Meinung teilen, wäre das wohl das Ende des Spitals», sagte Grötsch. Damit ginge der grösste Arbeitgeber im Knonauer Amt verloren, und die rund 700 Angestellten müssten sich neu orientieren. Das bedauert der Stadtrat, aber: «Wir müssen das Wohl der Einwohnerinnen und Einwohner höher gewichten als das Wohl des Spitalpersonals.»

Abwanderung des Personals

Das Spital ist gestern in eine Art Schockstarre gefallen. Die Frau am Empfang schüttelt den Kopf: «Das ist ganz schlimm für uns.» Und im Pausenraum sitzen die Pflegenden mit leeren Blicken vor ihren Kaffeetassen. Doch Spitaldirektor Michael Buik will nicht aufgeben. Die Meinung des Stadtrats von Affoltern sei nicht die Meinung der Bevölkerung. Zuerst müsse er seine Belegschaft beruhigen und deren Abwanderung verhindern.

Harsche Kritik äussert Buik am Stadtrat. Es habe keine Vorgespräche, seit Monaten keinen Austausch mehr gegeben: «Das ist für mich kein partnerschaftlicher Umgang.» Buik widerspricht dem Stadtrat, was das finanzielle Risiko betrifft. Von den anstehenden Investitionen müssten die Gemeinden nur 10 Prozent aufbringen: «Dafür ist keine Steuerfusserhöhung nötig.» Der Stadtrat politisiere an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbei, die eine nahe Gesundheitsversorgung wünsche. Zudem sei der Spitalbetrieb weniger defizitär als vom Stadtrat dargestellt. So sei für 2018 ein Defizit von 1,7 Millionen budgetiert, voraussichtlich liege es aber unter einer Million Franken.

Die Gewerkschaft VPOD kritisierte den Stadtrat ebenfalls. Er lasse die anderen Gemeinden im Regen stehen. Allerdings wiederholt die Gewerkschaft ihre Kritik an den Plänen des Spitals. Es sei von Anfang an unrealistisch gewesen, mit der strategischen Neuausrichtung des Spitals gleich noch einen Neubau für 110 Millionen Franken zu planen.

Ob die Bevölkerung noch so geschlossen hinter dem Spital steht wie vor 20 Jahren, ist ungewiss. So hat der Affoltemer Alt-Nationalrat Toni Bortoluzzi (SVP) kürzlich zu den Plänen des Spitals Zweifel geäussert. Ende der 90er-Jahre hatte das Spital Affoltern die Schliessungswelle unter den Zürcher Regionalspitälern noch überstanden. Zu stark hatte sich die Bevölkerung für ihr Spital eingesetzt.

Erstellt: 13.02.2019, 07:06 Uhr

«Die lokale Verwurzelung fehlt»

Herr Oggier*, das Spital Affoltern muss vielleicht schliessen. Überrascht Sie das?
Nein. Es handelt sich um jenes Spital im Kanton Zürich, das sich wohl mit Abstand in der heikelsten Situation befindet.

Wäre die Schliessung schlimm?
Aus Versorgungssicht nicht. Je rund eine Viertelstunde entfernt von Affoltern liegen die Spitäler Limmattal, Triemli und das Zuger Kantonsspital. Das ist ein gutes Angebot für die Bevölkerung. Aus Sicht des Spitals wäre ein solches Ende bedauerlich. Es betätigte sich früh in den Bereichen der Komplementär- und der Palliativmedizin. Mit innovativen Ansätzen beeinflusste es andere Häuser. Das hat sich jedoch nicht wirklich gelohnt. Denn mit diesen zwei Bereichen lässt sich nicht sehr viel Geld verdienen.

Wie sieht die Situation für das Personal aus?
Allgemein gibt es genügend offene Stellen im Gesundheitswesen. Die meisten müssen sich keine allzu grossen Sorgen machen um ihre Zukunft. Wobei sich für manche wohl die Anfahrtszeit zum Arbeitsplatz verlängern wird.

Werden auch weitere kleinere Spitäler ins Schlingern geraten, Uster, Bülach, Männedorf?
Ich rechne nicht damit, dass in nächster Zeit ein anderes Spital im Kanton schliessen muss. Alle anderen haben sich besser positioniert. Vor ein paar Jahren befand sich Männedorf in einer vergleichbaren Lage wie Affoltern. Aber Männedorf hat einen Ausweg gefunden und konnte verbindliche Kooperationen eingehen mit anderen Spitälern.

Das Spital Affoltern doch auch. In der Radiologie und der Onkologie arbeitete es mit dem Zürcher Stadtspital Triemli zusammen. Gerade wurde eine Vertiefung der Partnerschaft angekündet.
Bisher war die Kooperation lose und punktuell. Das reicht oft nicht. Die Zusammenarbeit mit grösseren Häusern muss verbindlicher ausfallen. Als guten Partner hätte ich das Kantonsspital Zug gesehen, da hat sich Affoltern wohl zu wenig bemüht.

Hätte sich der Betrieb mit besseren Kooperationen retten lassen?
Vielleicht. Aber das Spital hat auch andere Fehler gemacht. Es wehrte sich zu lange gegen die Finanzierung über Fallpauschalen. Im Spitalwettbewerb überleben jene, die schnell reagieren. Ihm fehlt wahrscheinlich auch die lokale Verwurzelung. Weder die Gemeinde noch die Ärzte in der Region stehen zu 100 Prozent hinter dem Betrieb. Nicht alle ­lokalen Zuweiser schicken ihre Patienten dorthin. Ein Regionalspital wie Affoltern sollte sich aber auf eine starke Verbundenheit verlassen können.

Affoltern befürchtet finanzielle Verluste durch das Spital. Dieses hält die Angst für ­unbegründet. Was stimmt?
Ein Risiko bleibt. So könnte es passieren, dass der Kanton Affoltern von der Spitalliste streicht. Ich kann nachvollziehen, dass kleinere Gemeinden ein solches Wagnis nicht eingehen wollen. Ein schnelles Ende ist in diesem Fall wohl besser als ein langsames Abserbeln.

Beat Metzler

* Willy Oggier ist Gesundheits­ökonom und berät Akteure aus dem Gesundheitswesen.

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