Afghanen helfen Zürcher Gemüsebauern bei der Ernte

Bauern haben Schwierigkeiten, Mitarbeiter zu finden. Andrea und Martin Schärer haben drei Geflüchtete angestellt.

Abdul Aziz ist vor vier Jahren aus Afghanistan in die Schweiz geflüchtet, seit zwei Jahren arbeitet er bei den Gemüsebauern Schärer. Fotos: Dominique Meienberg

Abdul Aziz ist vor vier Jahren aus Afghanistan in die Schweiz geflüchtet, seit zwei Jahren arbeitet er bei den Gemüsebauern Schärer. Fotos: Dominique Meienberg

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Kurz vor zwölf Uhr fährt Rezayi Abdul Aziz die letzten Harasse mit Zwiebeln ins Kühlhaus. Diese hat er am Morgen auf den Feldern von Andrea und Martin Schärer in Oberweningen geerntet, zusammen mit seinen neun Kolleginnen und Kollegen aus Afghanistan, dem rumänischen Siebenbürgen und Bulgarien. Danach reinigen sie ihre Gummistiefel und gehen in die Scheune zum Mittagessen.

Abdul Aziz ist vor vier Jahren aus Afghanistan in die Schweiz geflüchtet, seit zwei Jahren arbeitet er bei den Gemüsebauern Schärer. «Nein, die Arbeit finde ich nicht sehr anstrengend, weil ich bereits in meiner alten Heimat auf dem Feld tätig war», sagt der 21-Jährige in gutem Deutsch. Er lebt hier mit dem Status als vorläufig aufgenommener Flüchtling, genau gleich wie seine beiden Kollegen aus Afghanistan. Und er ist glücklich, dass er Arbeit hat: Das Einkommen reicht ihm für ein selbstständiges Leben, er hat eine eigene Wohnung.

Ein Mittel zur Integration

Seit zwei Jahren arbeitet Abdul Aziz mit einem Kollegen aus seiner Heimat für die Gemüsegärtner Schärer, der Dritte ist kürzlich dazugekommen. «Wir sind sehr zufrieden mit ihnen, sie arbeiten alle sehr gut – obwohl wir Mentalitätsunterschiede haben», sagt Martin Schärer.

Seine Frau hatte die Idee, für die Arbeit im Betrieb Flüchtlinge anzustellen. In der Gemeinde Oberweningen engagiert sie sich in der Sozialbehörde und kennt daher das Dossier und die Problematik mit dem Asylwesen. «Wir haben mit den Flüchtlingen Leute hier, die arbeiten können und arbeiten wollen, aber oft keine Chance haben», sagt sie. Für sie ist Arbeit auch ein wichtiger Schritt hin zur Integration.

Nur noch eine Meldepflicht

Anfänglich war das Prozedere, Flüchtlinge anzustellen, aufwendig: «Es brauchte eine Vorlaufzeit von zwei Wochen, bis wir die Bewilligung hatten», sagt Andrea Schärer. Das war vor allem in Zeiten zu lang, in denen sie sehr kurzfristig Mitarbeiter benötigte, weil beispielsweise ein Grossverteiler eine Aktion plante. Unterdessen ist dieses Problem zum Glück gelöst: Seit Beginn dieses Jahres existiert ein ein­faches Meldeverfahren. An­stellungen können online gemeldet werden. Voraussetzungen sind orts-, berufs- und branchenübliche Lohn- und Arbeitsbedingungen.

Das Ehepaar Schärer kann mit dem Anstellen von anerkannten Flüchtlingen einem Problem ausweichen, mit dem Bauern und Gemüsegärtner in den letzten Monaten immer stärker konfrontiert sind: Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für kürzere oder längere Anstellungsverhältnisse aus Osteuropa zu finden.

Martin Schärer ist mit seinen neuen Arbeitern zufrieden.

Damit kämpft zum Beispiel der Obstbauer Martin Brändli aus Meilen. Er sagt: «Ich habe kapituliert.» Für die diesjährige Apfelernte muss er auf einen Helfer verzichten, er hat schlicht keinen gefunden. Da die Saison allerdings unterdurchschnittlich ist, trifft es ihn nicht allzu hart. «Es werden wohl Arbeiten darunter leiden, die ich bereits jetzt für die kommende Saison machen müsste», sagt der Bio-Bauer. Und er müsse sich nun überlegen, was er nächstes Jahr machen wolle, möglicherweise müsse er weniger ertragreiche Bäume fällen.

Bauer Peter Menzi aus Nürensdorf spricht von Zufall und Glück, dass er noch eine Mitarbeiterin aus Rumänien gefunden hat. Im Frühling war er für drei Monate allein und musste seine Familie und einen pensionierten Mann aus dem Dorf einspannen. Die Rumänin wird Ende Oktober in ihre Heimat zurückfahren. Was dann ist, weiss Menzi noch nicht.

Wie Menzi sprechen Bauern vor allem von kleinen und grossen Betrieben, mit denen der TA gesprochen hat, von Glück und Zufall, dass sie noch Angestellte aus Osteuropa gefunden haben. In die Zukunft blicken sie aber ungern. Denn es ist nicht nur ein Gerücht, dass es immer schwieriger wird, Leute für ihre Branche zu finden, sondern bereits eine Tatsache.

«In den letzten Jahren konnten wir immer zwischen 70 und 120 Leute aus Osteuropa an Landwirte vermitteln, die Zahl ist auf 10 bis 20 gesunken.»Stefan Brandenburger, Agroverde

So hat die Firma Agroverde in Bergdietikon im März dieses Jahres aufgehört, osteuropäische Arbeiterinnen und Arbeiter bei hiesigen Bauern unterzubringen. Agroverde ist unter anderem darauf spezialisiert, Schweizern Arbeits- und Praktikumsstellen sowie Aufenthalte in der Landwirtschaft beispielsweise in Kanada oder Südafrika zu vermitteln. Trotz guter Kontakte und Büros vor Ort fand Agroverde selber kaum mehr Interessenten, sagt Firmenleiter Stefan Brandenburger. «In den letzten Jahren konnten wir immer zwischen 70 und 120 Leute aus Osteuropa an Landwirte vermitteln, die Zahl ist auf 10 bis 20 gesunken.»

Für den Rückgang gibt es verschiedene Gründe. Einer ist der geringe Minimallohn von 3260 Franken und die langen Arbeitstage. In der Landwirtschaft dürfen Angestellte bis maximal 55 Stunden arbeiten, in der Hauptsaison sind Sechstagewochen keine Ausnahme. «Wer kann, sucht sich einen besser bezahlten Job mit weniger Arbeitsstunden in einer anderen Branche», sagt Brandenburger. Alternativen finden diese Leute auf dem Bau oder in der Gastronomie.

Das Problem ist auch dem Zürcher Bauernverband bekannt. Markus Inderbitzin, der dort für Versicherungen zuständig ist, sieht zwei weitere Gründe. «Die polnische Wirtschaft läuft dank Unterstützungsmassnahmen der EU besser, die Leute verdienen unterdessen im eigenen Land genug und müssen nicht mehr in die Schweiz kommen.» Zudem seien die Löhne in der Landwirtschaft in Ländern wie zum Beispiel Holland gestiegen, Osteuropäer würden daher vermehrt dort arbeiten.

Nur 61 Flüchtlinge

Statistisch lassen sich die Sorgen der Bauern und Gemüsegärtner noch wenig erhärten: Die Zahl der Erntehelfer ist bis im vergangenen Jahr stark angestiegen – von 1277 im Jahr 2014 auf 2402 im vergangenen Jahr. Sie könnte in diesem Jahr allerdings rückläufig sein: Bis Ende Juli wurden dem Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) 1314 Arbeitnehmende gemeldet. Im einfachen Meldeverfahren können Bauern ihre Erntehelfer, die sie maximal 90 Tage beschäftigen dürfen, online ­anmelden. Sie müssen aus dem EU-Raum stammen.

Massiv kleiner dagegen ist die Zahl der Flüchtlinge, die in der Landwirtschaft eine Anstellung finden. Dieses Jahr sind beim AWA 61 Meldungen für einen Arbeitseinsatz von vorübergehend aufgenommenen Flüchtlingen in der Landwirtschaft im Kanton Zürich eingegangen.

Rezayi Abdul Aziz hat als anerkannter Flüchtling nicht nur Arbeit in der Schweiz gefunden. Er spielt auch in der vierten Liga Fussball. Fürs Training darf er seine Arbeit zweimal die Woche früher verlassen.

Erstellt: 15.08.2019, 22:12 Uhr

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