Alle reden, nur Köppel muss schweigen

1.-August-Reden sind für Politiker Gratispropaganda. In Wädenswil wurde Roger Köppel (SVP) ausgeladen.

Schweizer Kreuz vor Notenbank: FDP-Nationalrat Beat Walti als Redner bei der Bundesfeier am 1. August 2018 auf dem Zürcher Bürkliplatz. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Schweizer Kreuz vor Notenbank: FDP-Nationalrat Beat Walti als Redner bei der Bundesfeier am 1. August 2018 auf dem Zürcher Bürkliplatz. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Als «Weltpremiere» bezeichnet Ständeratskandidat Roger Köppel seine Wahlkampftour durch alle 162 Zürcher Gemeinden. Gemäss Inserat tritt er am 1. August in Wädenswil auf – eingeladen von einem Wädenswiler, der nichts mit der Bundesfeier zu tun hat. Doch Köppel hatte die Rechnung ohne den Verkehrsverein gemacht, der die Bundesfeier organisiert und das Mikrofon traditionellerweise dem höchsten Wädenswiler als offiziellem Festredner überlässt. Dieses Jahr spricht Gemeinderatspräsident André Zürrer (SVP).

Zürrer war offensichtlich nicht willens, mit der Tradition zu brechen und seinem Parteikollegen Köppel das Mikrofon zu überlassen. Zudem gehört es an einem Nationalfeiertag zum guten Ton, gemeinsam zu feiern und den mit Steuergeldern bezahlten Abend nicht als Wahlkampfveranstaltung zu missbrauchen. Köppel hat Ersatz gefunden und darf nun am Vorabend im Landgasthof Halbinsel Au gegen EU-Unterwerfung, rot-grüne Klimadiktatur und masslose Zuwanderung anreden.

In Wädenswil ausgeladen: Roger Köppel bei einer Festrede am 1. August 2015 in Erlenbach. Bild: Michael Trost

Was unterscheidet eine heutige Nationalfeier von den Festivitäten vor 50 Jahren? Sehr, sehr wenig, wie eine Analyse aller Programme in fast 200 Gemeinden, Stadtkreisen und Weilern zeigt. Kulinarisch fällt auf: Risotto ist out, Bratwurst in. Neu sind Wörter wie Shuttlebus, Hamburger, DJ, Brunch oder Balkanband. Und trickreicher als früher ist gewiss auch das Feuerwerk. Die Rangliste der häufigsten Programmpunkte hat sich aber kaum geändert: Höhenfeuer, Schweizerpsalm, Alphorngruppe, Jodlerduo, Ländlertrio, Kirchenglocken, Lampionumzug, Fackelzug, Gratiswurst, Dorfmusik, Frauenriege, Turnverein, Feuerwehr, Böllerschüsse, Barbetrieb, Grill und fast überall Festredner.

Neu ist hingegen, dass es in diesem Jahr auch eine Frauenquote bei den Rednerinnen und Rednern gibt. So hat der «Zürcher Oberländer» festgestellt, dass im Bezirk Hinwil ausschliesslich Männer ans Rednerpult mit dem Schweizer Kreuz treten. In Wetzikon spricht mit FDP-Kantonsrat Stephan Weber gar zum 16. Mal hintereinander ein Mann. Prominentester Redner im ganzen Kanton ist Bundespräsident Ueli Maurer, der bei sich zu Hause in Hinwil auftritt.

Im Bezirk Pfäffikon spricht mit der ehemaligen Russiker Gemeinderätin Mäges Berlinger eine einzige Frau, im Bezirk Uster mit CVP Regierungsrätin Silvia Steiner (in Uster) und der 20-jährigen Fussball-Nati-Spielerin Naomi Mégroz (in Greifensee) immerhin zwei.

Einen ungewöhnlichen Auftritt hat der neue grüne Regierungsrat Martin Neukom geplant. Zuerst hält er in Andelfingen die offizielle Festansprache, dann kommentiert er im Pflegezentrum Kohlfirst in Feuerthalen die eindrücklichen Bilder der Erde von der Apollo-Mission. Gleich dreimal im Einsatz sind Regierungspräsidentin Carmen Walker Späh (FDP) in Winterthur, Rümlang und Seebach, Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP) in Bauma, Freienstein-Teufen und Dürnten sowie Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP), die nach Uster auch noch in Höri und Aesch spricht. Dreimal tritt auch SP-Ständerat Daniel Jositsch auf (Geroldswil, Dänikon, Weiach) und zweimal FDP-Ständerat Ruedi Noser (Ottenbach und Affoltern am Albis).

Immer häufiger treten Nichtpolitiker ans Mikrofon: In Buchs Benjamin Veress von Amnesty International, in Dällikon der frühere Radprofi Franco Marvulli, in Dietlikon Sängerin Sarah-Jane, in Thalwil Primarlehrerin Susanna Bodmer, in Elgg Hürdenläufer Kariem Hussein oder in Marthalen Schauspielerin und Sängerin Rahel Keller-Fischer. In der Stadt Zürich schliesslich ist Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist der offizielle Festredner.


Die perfekte 1.-August-Rede

Was macht eine gute 1.-August-Rede aus, wenn am Abend die Würste auf dem Grill brutzeln, die Kinder am liebsten ihre Raketen zünden und die Erwachsenen plaudern und ihr Bier trinken, statt einem drögen Politiker zuhören möchten?

Politikberater Mark Balsiger sagt es so: «Die Rede muss persönlich gefärbt sein, Leute mögen Anekdoten und Erlebnisse.» Und der Profi weiss auch: «Die meisten Reden sind zu lang, viel zu lang. Wegen der Reden kommen die wenigsten.»

Zentral sei auch, wie man eine Rede rüberbringe, mit Rhythmus und Zäsuren. Eine Rede müsse «gelebt werden», wie es Obama immer wieder gezeigt habe. Doch die wenigsten hiesigen 1.-August-Rednerinnen und -Redner hätten das Charisma und die Rhetorik von Obama – und die wenigsten würden dem Einüben einer Rede den nötigen Stellenwert geben.

Einem guten Redner gelinge es auch immer wieder, ein neues Thema anzustossen – zum Beispiel eine Gemeindefusion oder eine kulturelle Vision. Generell würden am 1. August «Vaterland und Co.» zu oft bemüht, wenn schon, sei ein eigenständiger Ansatz nötig. «Eine Rede muss frisch sein und überraschen.»

Beliebter Gottfried Keller

Alt-SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli will in Stäfa ausdrücklich «keine Parteirede» halten, sondern vielmehr alle ansprechen, «die etwas für die Schweiz empfinden». So komme der Eritreer, der aus der Schweiz kam und in Frankfurt einen Knaben vor den Zug stiess, in seiner 1.-August-Rede nicht vor – «dafür Gottfried Keller».

Botschaft seiner 1.-August-Rede sei, an den Bundesbrief und dessen Inhalt zu erinnern: «Bürgerinnen und Bürger sind die Chefs.» Auch SVP-Nationalrat Claudio Zanetti (Mönchaltorf und Gossau) erwähnt den Fall Frankfurt nicht: «Tagespolitik gehört nicht in eine 1.-August-Rede», sagt er, «ich rede nicht mal über die EU, dafür über Gottfried Kellers ‹Fähnlein der sieben Aufrechten›.»

Für Autorin und Publizistin Julia Onken, die in Dietikon spricht, ist der 1. August eine gute Gelegenheit, sich über unser Land Gedanken zu machen und sich ein paar Fragen zu stellen, die uns in Zukunft herausfordern werden. An vorderster Front stehen bei ihr Natur und Umweltschutz, die Gleichstellung sowie «Seniorenbashing».

Ihr Ziel: Denkimpulse zu liefern, aber auch dem gemischten Publikum mit Kind und Kegel sprachlich bildhaft das Zuhören schmackhaft zu machen. (rba)

Erstellt: 31.07.2019, 09:47 Uhr

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