Für den Regierungsrat ist die Lage «unter Kontrolle»

Sicherheitsdirektor Mario Fehr glaubt, dass der Kanton Zürich einen Flüchtlingsansturm gut bewältigen könnte. Wenn die Asylzentren voll seien, schaffe man einfach neue Plätze.

Neu geschaffene Plätze: Hier an der Dorfstrasse in Wipkingen gibt es seit Anfang Monat ein neues Asylzentrum. Foto: Doris Fanconi

Neu geschaffene Plätze: Hier an der Dorfstrasse in Wipkingen gibt es seit Anfang Monat ein neues Asylzentrum. Foto: Doris Fanconi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Flüchtlingskrise hinterlässt auch im Kanton Zürich ihre Spuren. Rund 3500 Menschen befinden sich derzeit im Asylverfahren, 6000 haben den Status «vorläufig aufgenommen» erhalten: Das sind so viele wie seit zehn Jahren nicht mehr. Die 17 kantonalen Durchgangszentren sind praktisch vollständig belegt. Das ist der Stand der Dinge gemäss ­Angaben von Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP). Er gab gestern den Medien einen Überblick über die Situation.

Fehrs Kernbotschaft: «Die Lage ist anspruchsvoll, aber unter Kontrolle.» Zwar habe man die Zahl der Plätze in den Asylzentren um etwa zehn Prozent erhöhen müssen. Aber: «Jeder Asylbewerber hat ein Dach über dem Kopf. Und wir können alle in den heutigen Zentren unterbringen.» Von einer Notlage sei der Kanton Zürich weit entfernt.

Es gebe derzeit keine Hinweise, dass sich daran in nächster Zeit etwas ändere und ein Ansturm auf die Schweiz zukomme, so Fehr. Er erwarte eher, dass die Zahl der Gesuche wie üblich im ­November und Dezember zurückgehe. Der Bund rechnet nach wie vor mit rund 29'000 Asylgesuchen bis Ende dieses Jahres – die bestehenden Strukturen reichen für rund 30 000 Menschen aus. Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt der Kosovokrise 1998 und 1999 kamen innert zwei Jahren rund 90'000 Flüchtlinge in die Schweiz.

Hohe Bleibequote

Gemäss Fehr wäre der Kanton Zürich aber auch in der Lage, eine dramatische Zuspitzung der Situation zu bewältigen: «Wir könnten, wenn es sein müsste, von einem Tag auf den anderen die kantonale Führungsorganisation einberufen, der unter anderem Polizei, Zivilschutz, Gemeinden und Fachpersonen angehören.» Ab welchen Flüchtlingszahlen die regulären Strukturen nicht mehr genügen würden, wollte Fehr nicht sagen: «Im Moment gilt: Wenn mehr Menschen kommen, schaffen wir mehr Plätze.»

Die grösste Herausforderung sei derzeit nicht die Zahl der Zuwanderer, sondern die verhältnismässig hohe Quote jener, die bleiben dürften, sagt Urs Betschart, der Chef des kantonalen Migrationsamts. Aktuell erhalten drei von fünf Asylbewerbern zumindest das vorläufige Bleiberecht. All diese Menschen brauchen eine Wohnung, sie müssen integriert werden und sich wenn möglich Arbeit suchen. Vor allem die Wohnungssuche hat sich in den letzten Wochen als schwierig erwiesen; teilweise mussten Flüchtlinge in kantonalen oder lokalen Asylunterkünften ausharren, weil sie keine eigene Wohnung fanden. «Für die Gemeinden ist die hohe Schutzquote eine grosse Herausforderung», so Betschart. «Aber sie machen das sehr gut.» Inzwischen habe sich die Lage auch hier etwas entspannt, unter anderem dank der Hilfe der Kirchen, aber auch dank privaten Vermietern. Anders als in anderen Kantonen erfüllen in Zürich alle Gemeinden ihre Pflicht, pro 200 Einwohner einen Asylbewerber aufzunehmen.

Schnellverfahren ist «gescheit»

Keine Auswirkungen hat der Zustrom von Asylsuchenden auf die Kriminalitätsrate. Derzeit sind 38 Prozent aller Flüchtlinge Eritreer, 7 Prozent stammen aus Syrien und 6 aus Afghanistan. «All diese Nationen sind in der Kriminalstatistik untervertreten», sagt Franz Bättig, Chef Regionalpolizei bei der Kantonspolizei. Anders war das 2012 während des Arabischen Frühlings: Damals kamen innert zwei Jahren rund 50'000 Asylbewerber in die Schweiz, und die Kriminalitätsrate stieg sprunghaft um 16 Prozent an.

Fehr zeigte sich gestern zufrieden mit dem Asylmanagement des Bundes. Insbesondere das Schnellverfahren, das es möglich macht, chancenlose Bewerber innert 48 Stunden wieder auszuweisen, sei «eine gescheite Sache». Im Übrigen gelte: «Jeder und jede hat das Recht, in der Schweiz um Asyl zu ersuchen. Wer das Verfahren nicht besteht, muss gehen, wer es besteht, der wird integriert.» Es gebe keinen Grund, etwas an diesem bewährten Prinzip zu ändern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.09.2015, 22:50 Uhr

Artikel zum Thema

Eine Stadt verwandelt sich

Reportage Wegen des Oktoberfestes werden Flüchtlinge derzeit um München herumgeleitet. Aber sie sind noch nicht verschwunden. Mehr...

Sommaruga zufrieden mit Flüchtlingsverteilung

Die Bundespräsidentin begrüsst den Entscheid, 120'000 Flüchtlinge aus Italien und Griechenland auf die EU-Staaten zu verteilen. Wie viel die Schweiz aufnimmt, müsse noch errechnet werden. Mehr...

Flüchtlinge sollen Zweitwohnungen belegen

Grünen-Fraktionschef Balthasar Glättli sieht in der Nutzung von leeren Wohnungen eine Möglichkeit, der steigenden Zahl Asylsuchender zu begegnen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Kommentare

Blogs

Mamablog Mütterkrieg? Wir wollen doch alle dasselbe!

Sweet Home 15 schlaue Wohnideen

Die Welt in Bildern

Einfach mal blau: Zwei Kormorane schwimmen im Morgennebel auf einem See in Kathmandu. (11. Dezember 2017)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...