Als die Hassliebe begann

Vor 550 Jahren wurde Winterthur an Zürich verpfändet. Die Stadt geriet damals ins Abseits – und hat sich bis heute nicht recht davon erholt.

Winterthur und Zürich waren einst fast auf Augenhöhe: Blick auf die Winterthurer Altstadt. Foto: Aura

Winterthur und Zürich waren einst fast auf Augenhöhe: Blick auf die Winterthurer Altstadt. Foto: Aura

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Als das «bessere Zürich» wurde Winterthur kürzlich in einem Beitrag der NZZ über den angeblich schlechten Ruf der Eulachstadt gewürdigt. Das Mit- und Nebeneinander dieser beiden Orte ist und war selten harmonisch. Winterthur stand oft im Schatten der Limmatstadt, sehr zum Leid­wesen des Winterthurer Lokalpatriotismus. Das mag beklagenswert sein, hat aber historische Gründe. Am 31. August 1467, also morgen vor 550 Jahren, wurde Winterthur an Zürich verpfändet und blieb danach während einer langen Zeit Untertanenort.

Dieses Datum scheint heute jedoch kein Thema mehr für eine offizielle Gedenkveranstaltung. Noch vor 50 Jahren feierte Winterthur das Jubiläum von 1467, ohne sich jedoch über den Inhalt einig zu sein. Bezeichnenderweise begann der Festakt mit einem «Loskauf»: Stadtpräsident Urs Widmer gab seinen Zürcher Gästen symbolisch die Pfandsumme zurück und «befreite» so seine Stadt von der Last der Geschichte.

Vorsichtig überschrieb der «Landbote» seine Sonderbeilage: «Winterthur seit 500 Jahren mit Zürich verbunden». Und druckte als ersten Beitrag eine Kritik an der Zürcher Herrschaft ab. Der Spagat zwischen Schweizer Freiheit und Zürcher Unfreiheit, zwischen nationaler Geschichte und lokaler Befindlichkeit bestimmte die Identität des mindermächtigen Winterthur.

Eine habsburgische Stadt

Wie viele andere historische Fixdaten ist der 31.August 1467 aber keine Zäsur, sondern der Abschnitt eines Prozesses. Mit der Expansion der eidgenössischen Orte Richtung Ostschweiz geriet das habsburgische Winterthur im 15.Jahrhundert immer mehr ins Abseits. Auf sich selbst gestellt, verteidigte sich die Stadt im Herbst 1460 wochenlang gegen jene eidgenössischen Truppen, welche den Thurgau besetzten und dabei Winterthur «wider Gott, Ehre und Recht» belagerten, wie der Stadtschreiber klagte. Der moralische Sieg nützte den Winterthurern indessen wenig. Statt künftig dem eidgenössischen Thurgau anzugehören, kam der allzu isolierte Ort als Pfand Herzog Sigismunds von Österreich an Zürich.

Die Verpfändung war nicht einfach eine Liquidation letzter habsburgischer Besitztitel. Der Grossteil der Pfandsumme ging gemäss Vertrag vom 31. August 1467 gar nicht an den Herzog, sondern diente der Schuldentilgung Winterthurs, und Zürich musste sich verpflichten, die Rechte und Freiheiten der kleinen Landstadt zu wahren. Die Kontakte zu Habsburg blieben weiterhin eng. Bis ins 16. Jahrhundert profitierte Winterthur von der fürstlichen Gunst, erhielt Geld und Privilegien und baute damit seinen Freiraum aus. Noch Mitte des 16. Jahrhunderts würdigte ein Zürcher Chronist durchaus anerkennend die habsburgtreue Haltung der Winterthurer.

Spätestens nach der Reformation warfen die Gnädigen Herren von Zürich ein scharfes Auge auf ihre Untertanen. Winterthur wahrte zwar eine gewisse Autonomie. Sobald es aber allzu erfolgreich Handel trieb oder allzu lukrative Herrschaftstitel erwerben wollte, sprach die Zürcher Obrigkeit ihr Machtwort.

Einst die wichtigste Industriestadt

Nach 1800 begann ein Wirtschaftsaufschwung, der die Stadt ab der Mitte des 19.Jahrhunderts in die wohl wichtigste Industriestadt der Schweiz verwandeln sollte. Man war um 1870 – fast – auf Augenhöhe mit der Limmatstadt und bekämpfte zusammen mit der Landschaft den Vorrang des ungeliebten Zürich, verkörpert in der Person von Alfred Escher. Der Bau des Stadthauses durch Semper drückte das neue Selbstverständnis von Winterthur aus, doch der Bankrott der Nationalbahn wies Winterthur in die Schranken. Zürich behauptete sich als politisches und wirtschaft­liches Zentrum – eingefleischten Winterthurern blieb einzig der Groll auf die vermeintlich hochnäsigen Zürcher.

Auf diese Zeit geht die sorgsam gepflegte Hassliebe zurück, die jedoch im Zeitalter der Mobilität an Bedeutung verloren hat. Ob das bessere oder andere Zürich: Winterthur ist 550 Jahre nach der Verpfändung längst Teil des Grossraums Zürich geworden.

Erstellt: 29.08.2017, 21:33 Uhr

Der Autor

Peter Niederhäuser ist freischaffender Historiker.

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