Als es auf dem Spielplatz noch den Lozziwurm gab

Wo man im Kanton Zürich noch heute Spielgeräte aus früheren Zeiten findet und welche Erinnerungen unsere Autoren an sie haben.

Heimelig gruselig: Ein Lozziwurm aus einer Ausstellung in der Kunsthalle Zürich. Foto: Florian Niedermann

Heimelig gruselig: Ein Lozziwurm aus einer Ausstellung in der Kunsthalle Zürich. Foto: Florian Niedermann Bild: Dominique Meienberg

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Spielgeräte, für die Ewigkeit gebaut

Für die Grossen eine Bank, für die Kleinen Spielgerät: Spielplatz in Etzwilen, gebaut für die Ewigkeit. Foto: Dominique Meienberg

Es gibt sie noch, die Spielplatzrelikte. Nebst dem fast schon antiken Rundlauf, der in der Badi Rickenbach ZH noch immer in Betrieb ist, findet sich gleich hinter der Zürcher Nordgrenze eine weitere Trouvaille: ein Spielplatz in Etzwilen TG, aus den 70er-Jahren, der praktisch im Originalzustand erhalten geblieben ist.

Auf einer grossen Wiese gleich neben dem Bahnhof stehen Spielplatzraritäten, die womöglich bald einmal die Denkmalpflege interessieren könnten: Gebilde aus Eisen wie ein gewölbtes Klettergerüst und ein Klettergerüst mit Ringen, das an eine Skulptur erinnert. Daneben sind ein dreiteiliges Kletterreck und ein Eisenkarussell zu sehen.

Alles reglementiert ... Foto: Dominique Meienberg

Nicht fehlen dürfen die Rutschbahn, eine Schaukel, ein Sandhaufen sowie Ruhebänke für die Eltern unter den Bäumen. Und dann ist da noch die Betonröhre, die etwas verloren mitten in der Wiese liegt und zum Versteckspiel einladen soll. Im Jargon der Spielpädagogik wird so etwas «Kriechgerät» genannt. Das ganze Ensemble wirkt wie ein Abbild aus einem Spielplatzkatalog aus den 60er- oder 70er-Jahren – und ist ein Zeitzeuge für einen bestimmten Trend im Spielplatzbau, bevor die Robinson-Spielplätze populär wurden. (mth)

Sonnenpfeil und ich durchreiten die Spielprärie

Das ist nicht Sonnenpfeil, sondern sein langsamer Nachfolger. Foto: Keystone

Ich war wohl bereits elf Jahre alt, als ich immer noch regelmässig Stunden auf diesen hölzernen Schaukelpferden verbrachte. Immer wieder ging es vor und zurück, während ich mich in Gedanken als Ann Morrison aus De Cescos «Der rote Seidenschal» mit meinem Sonnenpfeil durch die Prärien reiten sah. Dann die Idee: Das Wipp-Pferd würde sich noch mehr wie ein Hengst anfühlen, wenn sich auch die Zügel imitieren liessen. So band ich mein pinkes Gummitwist um die roten Henkel des Schaukeltiers. Vor und zurück, wir galoppierten weiter. Doch mein Holzhengst blieb nicht lange ruhig. Er stemmte sich in die Höhe. Da konnte mir auch mein Gummitwist die Balance nicht mehr zurückgeben. Sonnenpfeil warf mich ab.

Doch wer von einem Indianerstamm träumt, lässt sich den Schmerz eines angeknacksten Knöchels nicht anmerken – Ann Morrison hätte schliesslich auch die Zähne zusammengebissen. Inzwischen sind die Schienenpferde leider von den Spielplätzen verschwunden: Ersatz bieten sollen so schnuckelige Tierchen wie Elefäntchen oder Schnecklein mit einer Feder für das sanfte Wippen – nichts für starke Mädchen, sage ich Ihnen! (saf)

Der Lozziwurm bringt die Kindheit zurück

Sie waren alle knallbunt: Der Lozziwurm, fotografiert 1976. Foto: PD

Er kam in den 70er-Jahren auf und stand meist auf den Spielplätzen von grösseren Siedlungen für nicht so reiche Leute. Er hiess wegen seines Erfinders, des Schweizer Plastikers Ivan Pestalozzi, Lozziwurm. Derjenige auf dem Spielplatz meiner Freundin war orange und gelb und bestand aus etwa 20 Polyesterteilen mit kreisrunden Löchern, die zu einem sich kringelnden Gefüge zusammengesetzt waren. Und in ihm wars so richtig heimelig gruselig. Etwas dunkel und etwas muffig. Im Sommer etwas sehr warm, im Herbst feucht.

Meist purzelten wir kopfüber hinein, dann ging das «Verschreckerlis» los. Das war ein Kreischen und Lachen und Kichern. Nur manchmal war das Gruselige wirklich «grusig». Dann, wenn jemand nachts sein Geschäft darin verrichtet hatte. Das waren aber nicht wir Kinder. Viele Lozziwürmer sind mittlerweile verschwunden, weil sie Opfer von Vandalen wurden oder nicht mehr so in Mode waren. Meiner aber steht noch. Aufgefrischt und schön gesetzt auf diesem Spielplatz vor einer grösseren Siedlung für nicht so reiche Leute. Als ich gestern dort vorbeifuhr, tönte aus den kreisrunden Löchern ein Kreischen und Lachen und Kichern nach draussen. (net)

Wie Aushebung, aber freiwillig

Dort oben muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Foto: TA

Wirklich gross war unser Reich nicht, aber es hatte etwas Erhabenes. Auf der Querstange zuoberst auf dem Klettergerüst zuhinterst auf dem Schulareal verbrachte ich mit meinen Freundinnen in der Unterstufe der Primarschule jede grosse Pause. Über die Schrägstange ging es hoch, auf den Füssen laufend oder auf den Knien, die Füsse um die Stange geschlungen. Den Znüni hatten wir selbstverständlich auch dabei – in einer Tasche verstaut oder in einer Hand. Oben, auf 15 Zentimeter Breite, 2,5 Meter Länge und 5 Meter über dem Boden, hatten wir unseren Frieden. Wir konnten eine Pause lang ungestört plaudern, mampfen und blödeln. Fiel was runter, sausten wir die gerade Stange hinunter und kraxelten über die Schrägstange wieder hoch.

Da oben zu sein, fühlte sich für uns so selbstverständlich an. Der Platz gehörte nur uns, gab uns eine gewisse Macht. Falls sich einmal ein Bub in unsere Nähe verirrte, bestand kaum Gefahr. Selten schaffte es einer bis auf den Querbalken. Er war in unseren Augen ein Versager und Angsthase. Dabei hätten die Buben das Stangenklettern eigentlich beherrschen sollen, es gehörte bis 2002 zu einer der fünf Sportdisziplinen an der militärischen Aushebung. Auch von den Lehrern hatten wir nichts zu befürchten. Sie verirrten sich nie in unsere Ecke. Sie wussten gar nichts von unserem Tun, passiert ist zum Glück nie etwas. Nur einmal im Jahr, wenn wir am Gerüst unser Kletterkönnen unter Beweis stellen mussten, staunten sie über uns.

Auch wenn mich allein die Erinnerung an diese Pausen schaudern lässt (und ich heute keine Sekunde mehr da oben sitzen könnte), wünschte ich mir, die Kinder von heute würden noch einige dieser Freiheiten kennen, könnten zumindest versuchen, einmal ganz auf ein Klettergerüst zu steigen. Täglich 20 Minuten in 5 Meter Höhe machen auch stark, weil man selber lernt, achtzugeben.

Doch das ist nicht mehr möglich. Die letzten Klettergerüste wurden in den 2000er-Jahren abmontiert. Sie genügen der Euronorm für Sicherheit auf Spielplätzen nicht mehr. Es gibt sie nur noch in Turnhallen. Und wenn sich da einer auf den Querbalken setzt, setzt es was vom Lehrer. (ema)

Der Hintergrund für jedes zweite Klassenfoto

So sah die perfekte Zukunft einmal (circa 1990) aus. Foto: Keystone

Gibt es den Brutalismus als Stilmittel eigentlich auch im Spielplatzbau? Wenn ja, dann gehört das Klettergerüst unserer Kindheit dazu. Aus lauter gleich langen, verzinkten Stahlrohren zusammengeschweisst, nur rechte Winkel, ohne jeden Schnörkel und absolut unzerstörbar stand es damals auf fast allen Spiel- und Pausenplätzen, und es diente auf gefühlt jedem zweiten Klassenfoto als Bühne und Hintergrund.

Heute wirkt das Gerät, das als eines der letzten Exemplare seiner Art noch immer in einer Siedlung an meinem Wohnort steht, in seiner Nüchternheit fantasielos, vor allem verglichen mit den bunten Gebilden, die heute so auf Spielplätzen herumstehen. Kein Dächli, keine Rutsche, keine Kletterseile, nur Stahlrohr.

Und doch gerade deswegen regte das Gerüst damals unsere Fantasie an. Es war für uns wahlweise Zookäfig, Piratenschiff, Gefängnis, Puppenhütte oder, mit Leintüchern verhängt, Räuberhöhle. Was braucht man mehr als Kind? (leu)

Erstellt: 04.07.2019, 13:59 Uhr

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