Als «Herr Nationalrat» ist man wer

Ein Sitz im Nationalrat ist für viele Politikerinnen und Politiker die Krönung der Karriere. Was ist an diesem Amt eigentlich so attraktiv?

Nationalräte reisen 1. Klasse (v. l.): Beat Walti, Thomas Matter und Jacqueline Badran.<br />Foto: Manuela Matt (ZSZ)

Nationalräte reisen 1. Klasse (v. l.): Beat Walti, Thomas Matter und Jacqueline Badran.
Foto: Manuela Matt (ZSZ)

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Ihre Ausgangslage ist schlecht: Julia Gerber Rüegg steigt vom 18. Listenplatz aus ins Rennen um einen Sitz im Nationalrat; die Zürcher SP hat derzeit 7 Sitze. Die Parteileitung hätte Gerber am liebsten gar nicht aufgestellt, obwohl die langjährige engagierte Politikerin aus Wädenswil vor vier Jahren ein gutes Resultat erzielt hatte und diesen Frühling nachgerückt wäre, hätte Jacqueline Fehr nach der Wahl in die Zürcher Regierung ihren Platz in Bern geräumt. Doch Fehr bleibt bis zum Wahltag auch National­rätin und verhindert so, dass Gerber am 18. Oktober als Bisherige antreten kann. Trotzdem gibt diese nicht auf, und dank Unterstützung von der Parteibasis kann sie erneut zur Wahl antreten.

Allerdings sieht sich Gerber (58) nun dem Vorwurf ausgesetzt, sie sei von persönlichem Ehrgeiz getrieben, weil sie nach 30 Jahren Politik nicht aufhören könne. Sie kontert: «Ich sage aus persönlicher Leidenschaft: Das kann ich, und das will ich. Warum soll das falsch sein?» Für sie ist es ein konsequenter Weg, von der Gemeinde über den Kanton nach Bern zu gehen. Dort will sie Verantwortung übernehmen und vorab bei vier Themen mitgestalten: Gewerkschafts­anliegen, Menschenrechten, Zugang zum Wasser und Suizidprävention bzw. Selbstbestimmung am Lebensende.

Türen öffnen sich

Auch die Grüne Katharina Prelicz Huber (56) bekommt zu hören, sie sollte doch lieber nicht mehr kandidieren. Die Zürcher Politikerin war von 2008 bis 2011 schon einmal Nationalrätin, wurde dann abgewählt und kehrte zurück in die Lokalpolitik. Sie sei mit Freude wieder im Gemeinderat Zürich, sagt sie. «Es ist spannend, dort zu politisieren, wo man daheim ist.» Aber eben doch nicht so spannend wie in Bern. Als Gewerkschafterin und Minderheitenpolitikerin könne sie national mehr erreichen, sagt Prelicz. Einerseits durch die Gesetzgebung und anderseits durch die Lobbyarbeit. Der Titel «Nationalrätin» öffne Türen: «Man wird interessant für verschiedene Leute.» Die Wahlchancen von Prelicz sind nicht schlecht, falls die Grünen ihre 3 Zürcher Sitze halten können. Sie kandidiert auf dem 3. Platz. Und hat ein Wahlkomitee mit 500 Leuten.

Schon zum dritten Mal versucht Bruno Walliser (49) den Sprung nach Bern. Der SVP-Kantonsrat und Gemeindepräsident von Volketswil startet auf Listenplatz 14. Aktuell hat die Zürcher SVP im Nationalrat 11 Sitze. Um es zu schaffen, muss Walliser einen überdurchschnittlichen Wahlkampf bestreiten – zumal mit SVP-Jungstar Roger Köppel auf Listenplatz 17 auch von hinten gefährliche Konkurrenz droht. Walliser ist sich der Schwierigkeit bewusst: «Der Kanton Zürich ist ein grosser Wahlkreis, da ist es hart, in den Nationalrat zu kommen. Ein Kandidat aus dem Mittelfeld muss sehr präsent sein.» Am Wochenende gehts richtig los, die Sommerferien sind zu Ende. Zolliker Chilbi, Open Air Harmonie Volketswil, ZKB-Eröffnung in Zürich, Gentlemen Grand Prix Dübendorf, 120 Jahre Dampfschiff Greif, Züri-Oberland-Mäss: Fast täglich zeigt sich Kaminfegermeister Bruno Walliser an ­einer Veranstaltung und sucht das Gespräch mit dem Volk.

Warum nimmt er das auf sich? Walliser will in Bern die Stimme der Gemeinden sein. «Wir haben viele Vorgaben, die wir nicht beeinflussen, sondern nur umsetzen können.» Das stört den SVP-Politiker. Als Beispiele erwähnt er die Einführung der Kesb und die Verteilung der Asylbewerber.

Ehre und Einfluss

Bestimmte Interessen vertreten, die Politik an entscheidender Stelle mitgestalten, Ansehen haben, eine öffentliche Person sein: Darum wollen so viele Politikerinnen und Politiker ihre Karriere mit einem Mandat in Bern krönen.

«Als Nationalrat gewählt zu werden, ist auch eine Ehre», sagt der Grüne Daniel Vischer, der nun aufhört. Max Binder, der 24 Jahre lang für die SVP im ­Nationalrat sass und diesen 2004 präsidierte, wird noch heute manchmal als «Herr Nationalratspräsident» angesprochen. Das ist natürlich schmeichelhaft.

Die Attraktivität des Bundesparlaments liegt für Binder aber weniger im Prestige als in der politischen Bedeutung: «Es ist das Gremium, das im Wesentlichen die politische Richtung unseres Landes bestimmt. Hier dabei zu sein, ist interessant.» Binder verstand sich als Vertreter der Zürcher Bauern. Sein Motto war: «Ein freier Bauer auf freier Scholle.» Leider sei die Landwirtschaftspolitik in eine andere Richtung gegangen. Mehr Erfolg habe er in der Verkehrspolitik gehabt. Binder zählt auf: Brüttenertunnel, Oberlandautobahn, zweite Gotthardröhre.

Geld spielt keine Rolle

Die Interessen der Wirtschaft werden traditionell von der FDP vertreten. Doch selbst in dieser Partei scheinen altruistische Motive ebenso wichtig zu sein, wie Parteipräsident Beat Walti sagt: «Voraussetzung für ein Nationalratsmandat ist, dass einem das Gemeinwesen nicht egal ist. Die Leute interessieren sich für Systemfragen und wollen gestalten.» In der FDP drängen Regine Sauter, die Direktorin der Zürcher Handelskammer, und Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler neu nach Bern.

Alle vom TA Befragten sind sich einig, dass das Geld keine Rolle spielt bei der Kandidatur. Allenfalls wird es zum Thema, wenn jemand aufhört oder abgewählt wird. Gerade junge Leute, die ihre Karriere voll auf die Politik ausrichten, können dann finanzielle Probleme bekommen. Ein Nationalrat erhält für Vorbereitung, vier Sessionen sowie Personal- und Sachausgaben 85'000 Franken jährlich. Diverse Zulagen – unter anderem ein Erstklass-Bahnabo – hinzugerechnet, resultiert ein Bruttoeinkommen von über 100'000 Franken.

Erstellt: 12.08.2015, 00:05 Uhr

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