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Er war die Reizfigur für die Achtziger-Bewegung

Alfred Gilgen war ein geradliniger Magistrat alter Schule, der sich unzimperlich gegen die Verpolitisierung der Uni wehrte. Jetzt ist er gestorben.

Starb im Alter von 87 Jahren: Alfred Gilgen in seinem Haus in Affoltern im Jahr 2015.
Starb im Alter von 87 Jahren: Alfred Gilgen in seinem Haus in Affoltern im Jahr 2015.
Sabina Bobst
Ehre für Nachfolger: Alfred Gilgen (links) an der Abschiedsfeier von Regierungsrat Ernst Buschor (CVP) im Bernhard Theater.
Ehre für Nachfolger: Alfred Gilgen (links) an der Abschiedsfeier von Regierungsrat Ernst Buschor (CVP) im Bernhard Theater.
Peter Lauth
Als frisch gewählter Bildungsdirektor schloss Gilgen die Uni Zürich wegen einer antifaschistischen Woche: Die Eröffnungsveranstaltung in der Aula der Universität Zürich im Juli 1971.
Als frisch gewählter Bildungsdirektor schloss Gilgen die Uni Zürich wegen einer antifaschistischen Woche: Die Eröffnungsveranstaltung in der Aula der Universität Zürich im Juli 1971.
Keystone
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Alfred Gilgen ist am Montagabend im Alter von 87 Jahren friedlich eingeschlafen, wie seine Angehörigen gestern Abend bestätigten. Als Regierungsrat war Gilgen nicht einer von vielen. Er war einer, der wirklich regierte, und zwar vom ersten Tag an. Als er 1971 Erziehungs­direktor wurde, schloss er als Erstes die Universität – wegen einer antifaschistischen Woche von linken Studenten. Damit war der Grundstein dazu gelegt, dass Gilgen für eine ganze Generation von Jugendlichen zur Hassfigur wurde: «Gilgen an den Galgen», «Gilgen vertilgen», «Gilgen, hau ab». So fuhren sie ihm an den Karren. Beeindruckt hat dies den kleinen, hageren Mann aus Zürich-Nord wenig. Alfred Gilgen ging als Regierungsrat seinen Weg, er blieb unbeugsam.

Alfred Gilgen war ein glasklarer Analysierer und brillanter Redner. Die bürgerlichen Parteien beneideten den Landesring (LdU) insgeheim um diesen gradlinigen Regierungsrat. Gilgen ist in Zürich-Affoltern als Sohn eines Trämlers in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Der studierte Mediziner arbeitete zuerst als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent am Institut für Hygiene und Arbeitsphysiologie der ETH Zürich. Bereits als 29-Jähriger wurde er in den Kantonsrat gewählt, 1969/70 war er dessen Präsident, und bereits ein Jahr später wurde er Regierungsrat. In der Armee bekleidete Gilgen den Rang eines Obersten – seinen Offizierston hat man ihm bis ins hohe Alter angehört.

Mitten im Opernhauskrawall

Als am 30. Mai 1980 beim Opernhaus die Jugendunruhen ausbrachen, war Gilgen Erziehungsdirektor. Auf dem Heimweg von den Junifestwochen gerieten er und seine Frau mitten in die Strassenschlacht. «Wir wollten schauen, ob beim Opernhaus tatsächlich etwas los ist», erzählte er vor zweieinhalb Jahren in seinem letzten Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Am Bellevue brannten an jenem Tag bereits Container, und Gilgen wurde im Auto von den Demonstranten prompt erkannt. «Wir haben die Scheiben raufgedreht, die Türen verschlossen und sind so schnell wie möglich davongefahren», erzählte er.

Gilgen hat seinen guten Regierungsratslohn öfters als «Schafseckelzulage» bezeichnet. Er sei eine Weile wohl der «bestgehasste Mann des Kantons» gewesen. Manchmal habe er die Zeitungen vor seiner Frau und den zwei Töchtern verstecken müssen, um sie nicht zu belasten mit dem, was über ihn geschrieben wurde. Einmal hatte Gilgen für 300 Franken eine Langhaarperücke gekauft, sich einen saloppen Rollkragenpullover angezogen und sich unerkannt unter die Demonstranten gemischt. «Seither konnte ich mir den Solidarisierungseffekt besser vorstellen», erzählte er im TA-Interview.

Keine Altersmilde

Nur eine Woche nach den Ausschreitungen vor dem Opernhaus hatte Erziehungsdirektor Gilgen einen Film über die Krawalle verboten, der an der ersten Vollversammlung der Bewegung im Volkshaus hätte gezeigt werden sollen. Seine Begründung: «Ich konnte es nicht zulassen, dass man mit öffentlichen Mitteln Krawalle anheizt.» Gilgen und die Filmer haben sich dann 35 Jahre später ausgesprochen. Von Altersmilde war bei Gilgen allerdings nichts zu spüren. «Ich würde wieder gleich handeln.» Von der heutigen Jugend hatte Gilgen 2015 «ein mehrheitlich positives Bild», auch wenn sie zahm und wenig politisiert sei. Der Anteil der Studenten, «die das Chalb machen wollen», sei zu seiner Zeit in den Siebzigerjahren deutlich grösser gewesen.

Der Knatsch mit dem LdU

In die Schlagzeilen geriet Alfred Gilgen auch im Zusammenhang mit den Regierungsratswahlen 1991. Im Landesring kam es zu Streitigkeiten über die politische Ausrichtung, nachdem die einstige Konsumentenschutz-Partei einen links-grünen Kurs eingeschlagen hatte. Der damalige Präsident Franz Jaeger (SG) sprach offen von einer «Entgilgung» des Landesrings. Gilgen, der für Atomkraftwerke und gegen die EU war, wurde für die Regierungsratswahlen nicht mehr nominiert und trat aus der Partei aus. Der LdU schickte Roland Wiederkehr ins Rennen, der aber klar nicht gewählt wurde. Gilgen blieb als Parteiloser noch eine sechste Amtsperiode und war insgesamt 24 Jahre lang Regierungsrat.

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