An der Goldküste zanken sie sich um zwei Bäume

Ein Streit um Seesicht bei einem luxuriösen Neubau beschäftigt die Gerichte. Die zentrale Frage: Sind zwei alte Ahornbäume schutzwürdig oder bloss Gehölz?

Die umstrittenen Ahornbäume hoch über Küsnacht. Foto: Andrea Zahler

Die umstrittenen Ahornbäume hoch über Küsnacht. Foto: Andrea Zahler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Panorama von der «Perle des Zürichsees» aus – die Rede ist von Küsnacht – sei «unvergleichlich schön», heisst es im Prospekt für die 15 neuen luxuriösen Wohnungen 150 Meter hoch über dem Zürichsee. Doch in Nachbars ­Garten stehen zwei Ahornbäume, 60 Jahre alt, 13 Meter hoch mit einer gemeinsamen, 13 Meter breiten, buschigen Krone.

Der Nachbar, ein Einfamilienhausbesitzer, hat eine Grundlast auf seinem Grundstück, also eine Pflicht, die Bäume zu stutzen. Gemäss Planungs- und Baugesetz kann ein Eigentümer jedoch wertvolle Park- und Gartenanlagen und Bäume unter Schutz stellen lassen.

Kampf um Baubestand

Also hatte der Einfamilienhausbesitzer bei der Gemeinde 2015 die Unterschutzstellung seiner zwei geliebten Ahornbäume beantragt. Es sei ihm, so argumentierte er, «ein persönliches Anliegen, den Baumbestand im Quartier wenigstens teilweise zu erhalten; dieser sei mit Blick auf diverse pendente Bauvorhaben im Quartier von Fällung bedroht». Ein Fachgutachten sowie die Natur- und Denkmalschutzkommission Küsnacht bejahten die Schutzwürdigkeit, der Gemeinderat stellte die beiden Bäume am 23. August 2017 unter Schutz und sprach vom «ortsbaulichen Wert» der Bäume.

Dagegen erhoben die Investoren, eine Immobilienfirma und eine Einzelperson, Rekurs beim kantonalen Baurekursgericht. Dieses wies den Rekurs 2018 ab, gab also Gemeinde und Baumbesitzer recht. Die Bauherren gelangten darauf ans Verwaltungsgericht. Nun begann der Streit um den biologischen und ökologischen Wert der beiden Ahorne. Und damit auch ein Seilziehen um die Frage, ob eine Gemeinde selber entscheiden darf, was die Schönheit ihres Ortsbilds ausmacht – oder ob Verwaltungsrichter in Zürich bestimmen.

Immobilienfirma und Investor liessen ebenfalls je ein Gutachten anfertigen. Unbestritten ist: Bei den Bäumen, gepflanzt 1960, handelt es sich um Kolchische Ahorne (ähnlich dem ­Spitzahorn), eine fremde Ahornart. Die Lebenserwartung wird auf «wahrscheinlich noch mehrere Jahrzehnte» geschätzt. Die beiden in ihrer Krone zusammengewachsenen Bäume seien keine botanische Besonderheit, ihr ökologischer Wert sei geringer als einheimische Ahornarten, Eichen oder Buchen.

Der Fachgutachter des Besitzers schwärmt trotzdem. Die fremden Ahorne seien zeit­typisch für die 60er-Jahre und würden den historischen Charakter des Quartiers mitprägen. Die Ahorne würden die Strassenkreuzung «wohltuend prägen», einen markanten Punkt schaffen und sich mit Föhren, Blutbuchen und Trauerweiden «in den Kanon der Gehölze einfügen».

Weniger poetisch äussern sich die Gutachter des Investors: Die beiden Ahorne würden als ­«Gehölz unter vielen wahrgenommen», die Gegend sei auch ohne sie genügend durchgrünt. In einem von Nadelhölzern geprägten Quartier seien sie «mehr Fremdkörper als Bindeglied». Von einer dank der Ahorne ­markanten Kreuzung könne keine Rede sein – diese sei verkehrstechnisch unbedeutend und liege fern einer Busstation.

Wohnungen bereits verkauft

In seinem Urteil hat das Verwaltungsgericht die Beschwerde kürzlich gutgeheissen und die Unterschutzstellung der Ahorne als rechtsverletzend aufgehoben. Bäume oder Baumgruppen seien nur dann schutzwürdig, wenn sie aufgrund des Standorts und ihrer Erscheinung in markanter Weise einen aussergewöhnlichen Akzent setzen und damit das Quartierbild wesentlich mitprägen würden. Ahornbesitzer und Gemeinde müssen je zur Hälfte für Rekurs, Beschwerde und ­Parteienentschädigung knapp 15000 Franken ausrichten.

Der Einfamilienhausbesitzer hat das Urteil laut «Zürichsee-Zeitung» ans Bundesgericht weitergezogen, die Gemeinde beteiligt sich nicht mehr am Rechtsstreit. Die 15 Wohnungen sind fast fertig und allesamt verkauft – Kolchische Ahorne vor der Nase hin oder her.

Erstellt: 29.07.2019, 07:48 Uhr

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Paid Post

Mit CallDoc clever und flexibel versichert

Lassen Sie sich rund um die Uhr medizinisch beraten – und sparen Sie dabei! Profitieren Sie vom Prämienrabatt der Grundversicherung. Jetzt Offerte anfordern.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...