Angler lassen Berufsfischer zappeln

Zwei Zürcher Fischereiverbände kritisieren die Berufsfischer vom Zürichsee, weil diese nach dem Rückgang der Felchenfänge auf die Albeli losgehen wollten.

Die Berufsfischer auf dem Zürichsee erleben schwere  Zeiten: Die Felchenfänge sind eingebrochen. Foto: Reto Oeschger

Die Berufsfischer auf dem Zürichsee erleben schwere Zeiten: Die Felchenfänge sind eingebrochen. Foto: Reto Oeschger

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Die Berufsfischer des Zürichsees sind nicht zu beneiden. 2016 haben sie im Vergleich zum Vorjahr weniger als die Hälfte an Felchen gefangen. Und das Jahr 2017 war gemäss Aussagen von Fischern nochmals deutlich schlechter als 2016; offizielle Zahlen fehlen noch. Die Felchen sind der Brotfisch der Berufs­fischer. Sie sind von der Fangzahl wirtschaftlich abhängig. Der Regionalverband der Berufsfischer Zürich- und Walensee hat auf die Situation reagiert. Er will den Einsatz engmaschigerer Netze prüfen, um vermehrt Albeli zu fangen, die sich tiefer im See, etwa 40 Meter unter dem Wasserspiegel, aufhalten. Albeli ist eine kleinere Felchenart, auch Zwergfelchen genannt.

Der Vorstoss hat wiederum die Hobbyfischer aufgeschreckt. Gestern haben der Zürcher Fischereiverband, der 1700 Sportfischer vertritt, und die IG Dä Neu Fischer mit ihren 500 Fischern in einer Mitteilung protestiert. Die Jagd auf die Albeli sei falsch, kritisieren sie. Einerseits könne es zu «ernsthaften Konflikten» zwischen Berufs- und Sportanglern kommen. Gemäss Sacha Maggi, dem Präsidenten des Fischereiverbands, wird die Schleppfischerei «bereits heute durch Schwebenetze arg behindert». Anderseits befürchten die Hobbyfischer, dass sich in den engmaschigen Albeli-netzen die selten gewordenen Seesaiblinge verfangen, die mit den Albeli denselben Lebensraum teilen.

Kritik am Besatz mit Jungfischen

Die Kritik geht noch weiter und betrifft den Felchenbesatz. Jedes Jahr werden in den Zürcher Gewässern 60 Millionen Brütlinge eingesetzt, ohne dass dies wissenschaftlich begleitet werde. «Das ist ein unverantwortlicher Eingriff ins Ökosystem der Seen», kritisiert Rolf Schatz, Präsident der IG Dä Neu Fischer. «Man stelle sich einen derartigen Eingriff in die Landwirtschaft vor – das würde nie bewilligt.» Gemäss Schatz sind die Bedingungen im Zürichsee heute so gut, dass man ihn der Naturverlaichung übergeben kann. Man solle aufhören, am See herumzuexperimentieren. Der Rückgang der Felchenfänge bedeute nicht unbedingt, dass es weniger Felchen gebe, meint Schatz. «Sie halten sich vielleicht in tieferen Lagen auf, weil mehr Sauerstoff dorthin gelangt.» Ausserdem gebe es in der Tierwelt oft Zyklen mit mal mehr und mal weniger Beständen. «Aber offenbar genügt der natürliche Kreislauf den Ansprüchen der Berufsfischer nicht», stichelt Schatz, der am liebsten die Anzahl Berufsfischer reduzieren würde. Die zehn auf dem unteren Seebecken und die zwölf auf dem Obersee sollen nicht ersetzt werden, wenn sie aufhören und deren Nachwuchs keine Lust auf die Berufsfischerei hat.

Berufsfischer: «Panikmache»

Die Kritik kommt bei den Berufsfischern nicht gut an. Adrian Gerny, der eine Fischerei in Zürich-Wollishofen betreibt und den Regionalverband der Berufsfischer präsidiert, spricht von «Panikmache von Leuten, die sich zu wenig mit der Berufsfischerei befasst haben». Es gebe kein Gesuch und noch viel weniger eine Bewilligung für die neuen Albeli-netze. «Ich verstehe die Vorwürfe nicht, da es noch gar keine Diskussionsgrundlage gibt.» Gegenwärtig wird im Auftrag der Kantone mittels Spezialbefischungen mehrmals im Jahr Datenmaterial gesammelt, wie der Zürcher Fischereiadjunkt Andreas Hertig erläutert. Bei dieser Untersuchung gehe es nicht um neue Netze, sondern darum, mehr Wissen über die Zusammensetzung der Felchen- und Albelibestände im Zürichsee zu generieren. Nach den schwachen Felchenfängen der letzten zwei Jahre will man die Bestände genauer überwachen und bessere Grundlagen für deren Management erhalten.

Es werde auch im Falle einer Bewil­ligung für die neuen Netze nicht mehr Netze geben, versichert Gerny. Die Gesamtnetzfläche und die Anzahl Netze würden gleich bleiben. Ausserdem seien die neuen Netze so konzipiert, dass nur Fische in einem Alter gefangen würden, in dem sie schon ein- oder zweimal abgelaicht hätten.

Tatsache sei aber auch, so Gerny, dass heute ein Grossteil der älteren Albeli einfach wegsterbe. Das sei schade in einer Zeit, in welcher der Konsument vermehrt regionale Produkte verlange.

Die Kritik an der Besatzungspolitik lässt Gerny ebenfalls nicht gelten. Er betont, dass nur mit gewässereigenen Fischen gearbeitet wird. Das heisst, die Berufsfischer holen in der Schonzeit Felchen aus dem See, und die Larven, die sich aus dem Laich entwickeln, werden erst ausgesetzt, wenn sie geschlüpft sind. Das sei gerade in einem Winter wie dem letzten wichtig. Die Januarstürme hätten den See bis in eine Tiefe von zehn Metern durcheinandergewirbelt, worauf der «natürliche» Felchenlaich zugeschüttet worden und abgestorben sei.

«Wir sind doch nicht blöd»

Die Forderung nach einer Reduktion der Berufsfischerpatente findet Gerny müssig. Deren Anzahl sei seit Jahren stabil, vor zwei Jahren sei jene auf dem unteren Seebecken gar von zwölf auf zehn gesenkt worden. Den Vorwurf, dass die Berufsfischer den See leerfischten, kontert er so: «Wir sind doch nicht so blöd, unsere Lebensgrundlage zu zerstören.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2018, 22:17 Uhr

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