Antreten!

Die Schweizer Armee muss jedes Jahr 18'000 neue Mitglieder rekrutieren. Was beschäftigt junge Männer beim ersten möglichen Schritt ins Soldatenleben?

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Bus 880 ist gut besetzt, als er den Bahnhof Rüti verlässt. Manche fahren zur Arbeit, andere in die Schule, dazwischen sitzen bleiche, junge Männer. Sie kennen sich nicht, und doch steht für sie das Gleiche an: Aushebung. Oder mili­tärisch korrekt: Rekrutierung. Alle 19-jährigen Zürcher mit Schweizer Pass müssen zu dieser Leibesvisitation im ehemaligen Spital Rüti antreten. Es sind zwei Tage, die keinem erspart bleiben.

Am Dorfrand steigen die Männer mit ihren Sporttaschen aus und mit ihnen ein grauhaariger Mann mit Brille, der ­unauffällig mitgefahren ist. Als der Bus weg ist, gibt er sich zu erkennen: «Guten Morgen, ich bin Felix Hof, Chefpsychologe im Rekrutierungszentrum, mit mir werden Sie es heute und morgen zu tun bekommen.»

Diesen Auftritt hat er an der Bus­haltestelle alle zwei Tage, und zwar aus zwei Gründen: Ohne Hof rücken erfahrungsgemäss viele der Männer im benachbarten Schulhaus ein: «Das dauert, bis wir alle am richtigen Ort beisammenhaben.» Der zweite Grund: Im Bus reden die Männer ungeschminkt übers Militär, und manchmal verhandeln sie ihre Strategien fürs Wegkommen. Das interessiert den Chefpsychologen. Einmal hat er sich im Bus eingemischt, als ein schmächtiger Mann von einem Vierschröter dumm angemacht wurde: ­«Solche Dinge dürfen nicht unwidersprochen bleiben», sagt Hof.

Alles kommt hier zur Sprache

An der Loge im Rekrutierungszentrum nimmt Kommandant und Oberst Andreas Münchbach die Stellungspflichtigen in Empfang. Auf den Bildschirmen schiessen Kampfpanzer durch Kies­gruben, Soldaten kontrollieren mit ­gezückten Gewehren verdächtige Subjekte. Die Kandidaten stehen unschlüssig da, keiner provoziert, keiner pro­testiert, als er sein Nummernschild ­bekommt. «Die Nummern erleichtern uns die Organisation. Wir wissen, dass das unpersönlich ist, aber wir werden Sie nicht als Nummern behandeln», sagt Oberst Münchbach.

Es fühlt sich an wie im Pfadilager. Die Männer erhalten sieben Minuten, um ihre nummerierten Betten zu suchen und die Wertsachen in den nummerierten Safes zu verstauen. Wortlos schwärmen sie aus. «Noch drei Minuten», ruft der WK-Soldat in den Flur. «Noch zwei Minuten.» Dann stehen alle wieder im Kreis, Hände hinter dem Rücken.

Im alten Spital Rüti stellen sich jede Woche zwei Gruppen mit je rund 120 Männern. Die meisten kommen aus dem Kanton Zürich, angeschlossen sind aber auch Schaffhausen, Zug und der Thurgau, manchmal ist eine Gruppe mit dienstwilligen Frauen dabei. Auch sie müssen durch die Rekrutierung, ­obwohl sie freiwillig kommen: Medizincheck, Psychologietest, Sporttest. Es geht auch um Persönliches. Elternhaus, Freunde, Schule, Drogen, alles kommt zur Sprache.

Die Sache mit der Waffe

«Wir wollen wissen, wann und wie viel Sie trinken», kündigt Felix Hof an. Wer in einer Krise steckt, kann das an der Rekrutierung nicht verbergen. Wer schon mit der Polizei zu tun hatte, wird genauer überprüft.

Seit dem Mordfall in Höngg, wo ein Soldat mit dem Sturmgewehr eine junge Frau erschossen hat, wird nicht mehr ­jedem Stellungspflichtigen eine Waffe in die Hand gedrückt. «Wir investieren viel in Sie, und wir investieren viel in unser Land», fährt Hof fort und fordert die Männer auf: «Zeigen Sie, was Sie können und wer Sie sind, dann macht Ihnen der Militärdienst Spass.» Für diese Ansprache gibts spontan Applaus.

In der Aula, in der früher zwei Operationssäle untergebracht waren, sitzen diesmal 82 Männer. An den Wänden hängen Schweizer Fahnen und 250 Blätter, auf denen je eine militärische Funktion beschrieben ist, inklusive der Punktzahl, die man dazu im Sporttest erreichen muss. Für den Grenadier brauchts 90 Punkte, was an diesen zwei Tagen nur von wenigen erreicht wird.

«Privat sind Sie Superhelden»

Auch Kommandant Andreas Münchbach versucht die Kandidaten für die ­Armee zu begeistern: «Privat sind Sie schon Superhelden. Nun machen wir Sie auch im Militär dazu.» In der Turnhalle bleibt den Männern die Blamage an der Kletterstange erspart.

Neben Medizinballstossen, Weitsprung und Ausdauerlauf kommen heute der Einbeinstand und der Rumpfkrafttest dazu. Maximal gibt es 25 Punkte pro Disziplin, maximal 125. 2016 erreichten die Kandidaten in Rüti im Schnitt 68,7 Punkte, das ist im Vergleich mit den anderen Regionen in der Schweiz unterdurchschnittlich; im Welschen und im Bernbiet schafften sie zwischen 71 und 72 Punkten. Ob die ­Zürcher unsportlicher sind? Vielleicht strengen sie sich einfach weniger an.

An diesem Morgen ist keiner aus­zumachen, der sich absichtlich zurückhält. Es tropft der Schweiss, die Köpfe sind rot. Aber es gibt auch einige, die draussen sitzen, IT-Fachmann Claudio zum Beispiel. Er ist wegen Knie­beschwerden dispensiert, und Sven hats im Rücken. Dazu hat er familiäre Probleme. Er hat seine Lehre abgebrochen und ist in psychiatrischer Behandlung.

Nach Hause geschickt

Im Rekrutierungszentrum Rüti arbeiten fünf Berufsoffiziere. Dazu kommen 75 zivile Angestellte, Ärzte, Psychologen, Sporttrainer und Büroangestellte. Es ist ein willkommener Arbeitgeber, der dem Zürcher Oberland noch länger erhalten bleibt, obwohl die Armee von 220'000 auf 100'000 Mann verkleinert wird. Laut Münchbach hat sich insbesondere der Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) beim Bund für den Erhalt des Zentrums Rüti eingesetzt.

Am zweiten Tag ist die Stimmung ­heiter. Alle Tests sind überstanden, alle Entscheide gefallen. Die Untauglichen sitzen vor der Loge und warten, bis die Tauglichen im Untergeschoss ihre Stiefel geholt haben. IT-Fachmann Claudio ist als Anlagewart im Zivilschutz ein­geteilt, Sven ist vom Psychologen schon am Vorabend nach Hause geschickt worden. Er wird keinen Dienst leisten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2018, 20:34 Uhr

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