Auch die EVP ist 100

«Mit Vollgas in die Zukunft»: So feierte die EVP ihr Jubiläum – und lud die Mitglieder zu einer Dampfbahnfahrt ein.

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Es ist ja schon ein bisschen gemein: Da feiert die EVP gross das 100-jährige Bestehen – und wer tat eine Woche vorher dasselbe? Die SVP. Zufall ist das nicht; die zwei Parteien sind auf den Tag genau gleich alt, beide wurden am 4. März 1917 gegründet.

Dass ihnen die SVP zuvorkam, tat der Begeisterung der EVPler am Samstag allerdings keinen Abbruch. Im Gegenteil, es bot eine gute Gelegenheit für so manchen Seitenhieb. Etwa jenen, dass die EVP keinen Polizeischutz brauche, obwohl sie mit Peter Reinhard den obersten Zürcher Kantonspolizisten in ihren Reihen hat. «Bei uns geht es eben familiär zu und her», sagte Kantonsrat Nik Gugger – ein Eindruck, den Mario Fehr, Sicherheitsdirektor und Regierungspräsident, nur bestätigen kann. Und zwar aus eigener Anschauung: Er war auch an der SVP-Feier dabei gewesen. Und an der Versammlung seiner eigenen Partei, der SP, nach dem grossen Asyl-Knatsch (aber das ist eine andere Geschichte).

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Familiär, das heisst auch: Nicht mit der grossen Kelle angerichtet. Das kann sich die EVP als ewige Kleinpartei gar nicht leisten. 200 Gäste hatten sich zum Mittagessen im Chesselhus in Pfäffikon angemeldet. Verköstigt wurden sie von einem nur gerade vierköpfigen Team, dessen Leitung in den Händen von Franziska Wisskirchen lag, der Ehefrau von Mark Wisskirchen, der demnächst neu in den Kantonsrat eintritt. Den Hauptgang mussten die Gäste selber am Buffet holen – und auch das Abräumen oblag ihnen.

Vor dem Essen sang man, aber nicht den Schweizer Psalm, sondern das Kirchenlied «Danket, danket dem Herrn». Was den gut zwei Stunden zuvor gewählten Parteipräsidenten Hanspeter Hugentobler zur Bemerkung veranlasste: «Zum Glück singen wir nicht im Kanon. Ich habe Hunger!»

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Hugentoblers Hunger war verständlich, hatten die Teilnehmer zu diesem Zeitpunkt doch bereits ein langes Programm hinter sich. Mario Fehr überbrachte ein Grusswort, in dem er die EVP als Partei lobte, die der Regierung nahe sei, ohne selbst in der Regierung zu sein. Um die EVP komme niemand herum: «Weder ich noch die Gemeinden noch der Kanton.»

Für die EVP markierte der Tag einen Generationenwechsel: Mit Johannes Zollinger, Fraktionschef Peter Reinhard und Alt-Kantonsratspräsident Gerhard Fischer treten gleich drei Urgesteine der Partei aus dem Kantonsrat zurück. Zollinger legte am Samstag auch sein Amt als Zürcher Parteipräsident nieder.

Nachfolger Hanspeter Hugentobler verabschiedete Zollinger mit warmen Worten, für die er anschliessend viele Komplimente erhielt. Zollinger sei es gewesen, der ihm vor neun Jahren den Anstoss gab, sich mehr in der Partei und in der Politik zu engagieren: «Du hast uns Mut gemacht, nicht zu jammern, sondern etwas zu wagen.» Zollingers Humor habe der Partei immer wieder gutgetan, er sei einer gewesen, der «seinen Glauben an einen guten Gott fröhlich lebt, aber nie mit unpassend frömmlerischen Worten hantiert».

Frömmlerisch zu sein, das wäre für die EVP auch für die Zukunft das falsche Rezept; diesen Rat gab der Präsident des Kirchenrats des Kantons Zürich, Michel Müller, der Partei. Sie sei vom Wähleranteil her in der Minderheit, aber doch eine Partei für das ganze Volk – im Gegensatz zur Volkspartei, die letzte Woche feierte: «Sieht man sich den Smartspider an, würden sich wohl die meisten Menschen als EVPler betrachten.» Ironie dieser Geschichte: Müller ist nicht Mitglied der EVP, «jahrelangen Bemühungen von Peter Reinhard zum Trotz».

In einer Rede schlug Müller den Bogen vom Ursprung des Begriffs Evangelium – bei den Griechen und Römern war damit die Botschaft eines neuen Herrschers an sein Volk gemeint – über die Reformation, die vor 500 Jahren ihren Anfang nahm, bis zur Geschichte der EVP. Er verknüpfte virtuos Kirche, Glaubensgrundsätze und Politik. Und das schaffte der Pfarrer bis auf eine kurze Sequenz, ohne wie ein Prediger zu klingen.

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Thema der Delegiertenversammlung war übrigens «Mit Volldampf in die Zukunft». Weshalb sich die Partei nach der Versammlung zu einer Dampfbahnfahrt nach Bauma begab. Auf die Frage, ob eine Dampfbahnfahrt so rein von der Symbolik her nicht eher etwas rückwärtsgewandt statt in die Zukunft gerichtet sei, meinte Hugentobler: «Haben Sie nicht gesehen? Die Lok fährt rückwärts. Das hebt sich also wieder auf.»

Welche Bedeutung es für die Zukunft hat, dass ausgerechnet jener Wagen auf der Strecke heiss lief, in dem neben Hugentobler auch dessen Vorgänger Johannes Zollinger und dessen Vorvorgänger Peter Schäppi sassen, darüber wollten sich die drei lieber nicht den Kopf zerbrechen. Immerhin war der Wagen in guten EVP-Händen: Als Zugführer amtete Kurt Schreiber, Pro-Bahn-Schweiz-Präsident und Vorgänger von Peter Reinhard als Fraktionschef. Schreiber wusste genau, wie man Wagen zum Weiterfahren bringt: «Schmieren und Salben hilft allenthalben.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.03.2017, 20:26 Uhr

EVP

Klein, aber fast immer dabei

Es ist auffällig, aber kaum Zufall, dass im Kanton Zürich am 4. März 1917 gleich zwei neue Parteien ins Leben gerufen wurden: in der freien Kirche Uster die Protestantisch-christliche Partei, in der Zürcher Tonhalle die Zürcher Bauernpartei. Erstere benannte sich zwei Jahre später zur EVP um, aus Letzterer wurde 1971 die SVP.

Damals, 1917, tobte in Europa der Erste Weltkrieg. Die Schweizer Politik war geprägt durch unversöhnliche ­Lager: den liberalen und kapitalistischen Freisinn, die sozialistisch geprägten Arbeiterorganisationen und, in der Innerschweiz, die konservativ-katholische CVP. Aber viele Menschen sahen sich von keinem dieser Lager vertreten. Das begünstigte die Gründung neuer Parteien. In Zürich kam ein weiterer Umstand dazu: 1917 führte der Kanton als erster der Schweiz das Proporz­wahlrecht ein, das es auch kleinen ­Parteien ermöglichte, ins Parlament einzuziehen.

Die EVP war von jeher Nutzniesserin dieses Wahlsystems. Obwohl man sagen kann, dass sie 1917 numerisch die Mehrheit der Bevölkerung vertrat – Zürich war damals überwiegend protestantisch –, kam die Partei nie über einen Wähleranteil von rund 8 Prozent hinaus, aktuell sind es gut 4 Prozent. Dennoch ist Zürich eine Hochburg der EVP, landesweit liegt ihr Wähleranteil bei rund 2 Prozent.

Dem kleinen Wähleranteil zum Trotz war die EVP immer eine Grösse, mit der zu rechnen war. Sie war seit ihrer Gründung immer im Kantonsparlament vertreten, fast durchgehend in allen Stadtparlamenten und bis auf eine Legislatur auch immer im Bundeshaus. Umso härter traf es die Partei, als sie in der Stadt Zürich 2014 knapp an der 5-Prozent-Hürde scheiterte.

Immer wieder fiel die EVP mit originellen Köpfen in den eigenen Reihen auf. So etwa Ernst Sieber, Pfarrer der Drogenabhängigen und Obdachlosen. Legendär ist auch Ruedi Aeschbacher, der 1978 in den Zürcher Stadtrat gewählt wurde. Er trägt bis heute den Spitznamen «Schwellen-Ruedi», weil er sich in Zürich kompromisslos für Verkehrsberuhigungsmassnahmen einsetzte. (leu)

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