Auf dem christlich-praktischen Weg

In Bäretswil ist die EVP viel stärker als anderswo im Kanton. Denn diese Partei nahm dort ihren Anfang.

Gerhard Fischer erklärt den Erfolg der EVP in Bäretswil.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die reformierte Kirche von Bäretswil ist imposant. 1827 gebaut, sehr gross, mit einem massiven Glockenturm. Und sie ist sonntags immer noch sehr gut ­besucht, wie Gerhard Fischer, EVP-Kantons­rat und Biobauer, erzählt. Überhaupt ist die Kirchgemeinde im Dorf aktiv: «Chilekafi», Männertreff, Gospel-Chor, Frauenvortragsmorgen, «Fiire mit de Chliine». Das wirkt sich auf das Wahlverhalten aus: 10,83 Prozent der Wahlberechtigten entschieden sich in den Nationalratswahlen 2011 für die EVP. Fast viermal mehr als im kantonalen Schnitt.

Fischer steht vor dem Schulhaus, es ist gerade Pause. Zwei seiner Enkel­kinder gehen hier zur Schule. Es werden gewiss noch mehr werden – der 64-Jährige ist Vater von zehn Kindern. Natürlich sei auch im ländlichen Bäretswil die SVP die Hausmacht. Dann aber kommt bald schon einmal die EVP. Worauf führt Fischer das zurück? Als Erstes nennt er einen Namen: Arnold Muggli, der Begründer der EVP, er war ein Bäretswiler.

Der Sohn des Malers und Fotografen Muggli wurde am 19. Juli 1877 als fünftes von zehn Kindern an der Baumastrasse in Bäretswil geboren und gründete im März 1919 die Schweizerische Evangelische Volkspartei. Es müsse eine Politik zwischen Kapitalismus und Sozialismus geben, fand er. Er suchte den «christlich-praktischen Weg». Mit diesem kann sich Gerhard Fischer bestens identifizieren. Er sagt auch: «Wir sind die Mitte, und bei uns in Bäretswil gibt es neben der Mitte nur ein Rechts der Mitte.» So könne die EVP all jene Wähler mobilisieren, denen grüne und soziale Anliegen stark am Herzen liegen.

Fischer selbst wird zwar wegen seiner biologisch-organischen Landwirtschaft im Dorf als «Öko-Geri» gehänselt, reagiert darauf aber gelassen. Er weiss, man nimmt ihn trotzdem ernst. So sass er zwölf Jahre im Gemeinderat, und als er 2010 zum Kantonsratspräsidenten ­gewählt wurde, feierte das ganze Dorf.

Zürichs Bibelgürtel

Die reformierte Kirche in Bäretswil ist gross, aber sie liegt nicht in der Dorfmitte. Denn eine solche findet sich eigentlich nicht. Die Gemeinde hat ohnehin wenig Struktur, kaum eindrückliche historische Häuser. Ein hölzerner Bär vor dem Gemeindehaus ist wohl das Erste, was Aussenstehenden auffällt. Alt und neu stehen unverbindlich nebeneinander: eine moderne Mehrzweckhalle neben dem Schulhaus aus älterer, nicht alter Zeit. Es gibt einen Thai-Take-away, aber auch die alte Dorfbeiz.

Hier verschwimmen Stadt und Land. Das liegt möglicherweise daran, dass Bäretswil mit seinen doch rund 5000 Einwohnern nicht im Dorfkern allein lebt, sondern ebenso in den vielen Aussen­wachten. Und diese wiederum führen – in gewisser Weise – zum zweiten Grund für die Stärke der EVP: Das Oberland ist wegen seiner Topografie seit je ein Rückzugsgebiet für Andersdenkende, also auch für Menschen, die in der Ausübung ihrer Religion anderswo eingeschränkt würden.

Gleich oberhalb von Bäretswil be­finden sich Höhlen, in denen sich in der Reformationszeit die Täufer vor Verfolgung versteckten. In den Bezirken Hinwil, zu dem Bäretswil gehört, Pfäffikon und Uster gibt es rund 80 freikirchliche Gemeinden. Das Oberland gilt deshalb als Zürichs Bibelgürtel.

Auch Gerhard Fischer ist Mitglied einer Freikirche, gleichzeitig aber aktives und zahlendes Mitglied der reformierten Landeskirche. «Das ist kein Widerspruch», sagt er. «Bei uns im Oberland hat lebendiges Christentum verschiedene Schattierungen.» Und führe deshalb auch nicht zum Sektiererischen. Wie sagte der Bäretswiler Muggli? «Wir gehen den christlich-praktischen Weg.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.10.2015, 22:08 Uhr

Artikel zum Thema

Ein urbanes Dorf

Serie Der Winterthurer Stadtteil Veltheim tickt grün. Denn vielen dort gilt Solidarität mehr als ihre Karriere. Mehr...

Der ZVV als Wahlhelfer

Serie In Bonstetten sind die Grünliberalen so stark wie nirgendwo sonst im Kanton. Auch dank der vielen Pendler. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Ein Riecher für allerbeste Qualität

Wenn es darum geht, ausgezeichneten Kaffee herzustellen, wird bei Nespresso nichts dem Zufall überlassen.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Wo die Toten ruhen: Anlässlich des Feiertags Eid al-Fitr besuchen Muslime den Friedhof von Nadschaf im Irak, der mit 5 Millionen begrabenen Menschen als grösster der Welt gilt. (16. Juni 2017)
(Bild: Alaa Al-Marjani ) Mehr...