Auf eigene Milchbüechli-Rechnung

Säuliämtler Milchbauern haben sich zusammengetan, um bessere Preise zu erzielen. Mit Erfolg: Konsumenten zahlen mehr für die regionale Milch.

Hat den niedrigen Milchpreisen den Kampf angesagt: Bauer Martin Haab auf seinem Hof in Mettmenstetten. Foto: Fabienne Andreoli

Hat den niedrigen Milchpreisen den Kampf angesagt: Bauer Martin Haab auf seinem Hof in Mettmenstetten. Foto: Fabienne Andreoli

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Es funktioniert besser, als sie zu hoffen wagten. Im vergangenen Dezember starteten 43 Milchbauern aus dem Knonauer Amt mit ihrem Projekt «Di fair Milch Säuliamt». Das Ziel war es, innert einem Jahr insgesamt 100'000 Liter regionale Milch zu einem Preis zu verkaufen, der für die Bauern kostendeckend ist. «Wir sind gut unterwegs», sagt Martin Haab, Milchbauer in Mettmenstetten, SVP-Kantonsrat und Vorstandsmitglied des Zürcher Bauernverbands. «Im bisher besten Monat haben wir 13'000 Liter von unserer Milch verkauft; wenn es so weitergeht, werden wir bis Ende Jahr auf 150'000 Liter kommen.»

Die Milchbüechli-Rechnung der Säuliämtler scheint aufzugehen: Es zeigt sich, dass sehr viele Menschen bereit sind, etwas mehr für Milch zu bezahlen, wenn sie dafür die Gewissheit haben, dass die Bauern dafür auf ihre Kosten kommen. «Das ist die wichtigste Botschaft, die wir Säuliämtler Milchbauern mit unserem Projekt aussenden», findet Haab.

Tatsächlich vermelden die dreizehn Volg-Verkaufsstellen, die von der Landi Albis betrieben werden und die Säuliämtler Milch im Sortiment haben, dass deren Marktanteil in ihren Läden bis zu achtzig Prozent beträgt. Das heisst: Vier von fünf Konsumentinnen und Konsumenten bezahlen 25 Rappen mehr für den Liter Vollmilch, weil sie wissen, dass dieser Aufpreis den Bauern in der Region zugutekommt. Dabei sei der Verkauf von Biomilch nicht rückläufig, betont Haab. Auch melden die Volg-­Filialen, dass der Milchverkauf durch das Anbieten dieser Milch um rund 25 Prozent gestiegen sei und neue Kundinnen und Kunden anziehe.

Anführer des Milchstreiks

Werner Locher, Milchbauer in Bonstetten, ist Präsident der Genossenschaft Faire Milch Säuliamt, Martin Haab Marketingverantwortlicher. Es ist ihr Kind, das jetzt zum Laufen kommt. Aber nicht ihr Wunschkind, denn eigentlich kämpfen die beiden seit über zehn Jahren dafür, dass die Bauern im ganzen Land mehr Geld für ihre Milch bekommen. Auch sind sie Mitbegründer des European Milk Board (EMB), in der Milchbauern aus sechzehn Ländern zusammengeschlossen sind. Haab wurde vor zehn Jahren als Anführer des Milchstreiks landesweit bekannt – und angefeindet. Damals haben Bauern – wiederum an vorderster Front ­einige aus dem Säuilamt – ihre Milch lieber ausgeschüttet, statt sie unter ihrem Wert an Emmi oder eine andere grosse Molkerei abzugeben.

Die Schweizer Milchpreise liegen bislang etwas höher als in den Vorjahren: Zum Bericht

«Diese Aktion hat einiges ausgelöst, aber den landesweiten Durchbruch haben wir nicht geschafft», sagt Haab. Das EMB habe dann vor einigen Jahren die Idee der fairen Milch lanciert, die sich mittlerweile unter anderem in Deutschland, Belgien oder Luxemburg auf dem Markt behaupten kann. «Das wollen wir in der Schweiz auch», hat sich das Duo Haab und Locher gesagt. Und sie klopften bei der Migros an. Dann bei Lidl, bei Coop, bei Volg. «Nach diesen Gesprächen glaubten wir eigentlich immer, man habe die Idee verstanden, und wir waren voller Hoffnung.» Doch nach einigen Tagen wurde ihnen jeweils höflich mitgeteilt, dass das Projekt nicht in ihr Konzept passe, dass der Konsument keinen «sichtbaren Mehrwert» davon habe und dass das nie und nimmer funktionieren könne.

«Der Milchpreis ist weit davon entfernt, fair und damit nachhaltig zu sein.»Martin Haab, Mettmenstetter Milchbauer und Gründer von «Di fair Milch».

Vor zwei Jahren ist den beiden Bauern dieses Klinkenputzen verleidet. «Wir zeigen ihnen, dass es klappt», sagten sie sich. Allerdings waren sie gewarnt. Sie wussten von manchen innovativen Projekten, die gescheitert sind. So etwa die Napfmilch, wo Milchbauern viel in eine eigene Molkerei investiert hatten, Konkurs machten und froh sein mussten, dass ihnen die Zentralschweizer Milchproduzenten AG, ZMP Invest, zu der Emmi gehört, aus der Patsche half. «Ein solches Risiko wollten wir nicht eingehen», sagt Haab. Sie suchten eine existierende Molkerei in der Nähe, die ihre Milch verarbeiten kann – und fanden sie bei der regionalen Molkerei Höhn in Hirzel. Daraufhin schrieb Haab die damals noch 117 Milchbauern im Knonauer Amt an und lud sie zu einem Treffen ein.

70 kamen und hörten sich an, was Haab und Locher zu sagen hatten. Die einen hatten schon resigniert, andere warfen ihnen Profilierungssucht vor, wiederum andere wollten schlicht und einfach kein Risiko eingehen. Doch 43 Bauern stiegen ein. Sie bezahlten tausend Franken Genossenschaftsbeitrag auf Zusehen hin. Das kantonale Landwirtschaftsamt und das Bundesamt für Landwirtschaft leisteten mit einem Beitrag von je 10'000 Franken Starthilfe, die regionale Standortförderung Knonauer Amt ist auch mit im Boot – deshalb prangt ihr Logo, der Schmetterling, auf den Milchpackungen.

Alle erhalten gleich viel

Damit möglichst wenig Fahrten und auch wenig Bürokratie nötig sind, hat sich die Genossenschaft auf folgendes Vorgehen geeinigt: Die ZMP holt jeweils am Morgen früh mit leeren Tanks bei vier Bauern in Ebertswil, die Mitglieder der Genossenschaft sind, die vereinbarte Menge Milch ab und liefert sie an Höhn in Hirzel. Dann macht sie ihre normale Tour. Höhn pasteurisiert diese Säuliämtler Milch, packt sie ab und liefert sie der Landi Albis. Diese kauft die Milch der Genossenschaft ab und liefert sie an ihre Volg-Filialen. Auch einige Hofläden in der Region verkaufen die regionale Milch. Ende des Jahres wird dann der Mehrerlös an die Genossenschafter zu gleichen Teilen ausbezahlt – unabhängig von der jeweiligen Hofgrösse.

Haab gehört mit seinen 60 Milchkühen und noch einmal so vielen Stück Jungvieh zu den Grossen. Dass er in gewisser Weise die Kleinen unterstützt, stört ihn nicht im Geringsten: «Bei uns sind die Produktionskosten dafür kleiner.» Wenn die Genossenschaft also Ende Jahr, wie es der Businessplan vorsieht, 100'000 Liter Milch verkauft hat, kann sie 25'000 Franken an die Mitglieder auszahlen. Konkret heisst das, für die 100'000 Liter Milch erhalten die Bauern einen kostendeckenden Preis. Insgesamt produzieren die Genossenschaftsmitglieder allerdings etwa zwölf Millionen Liter Milch pro Jahr. «Wir können also noch ausbauen», sagt Haab. «Doch ist das wenigstens ein Anfang.»

Das Finanzielle ist das eine, doch wie steht es mit der Qualität? Die Milch wird nicht, wie üblich, zuerst in Rahm und Magermilch zerlegt, in der Form pasteurisiert und dann so gemischt, dass sie einen standardisierten Fettgehalt von 3,5 Prozent aufweist. Sie wird naturbelassen, was zur Folge hat, dass der Fettgehalt über das Jahr hinweg schwankt und generell etwas höher ist. Die Milch ist also cremiger – «und damit besser», sagt Martin Haab im Brustton der Überzeugung und strahlt. Ab Ende August will die Genossenschaft auch einen fettarmen Milchdrink anbieten. Dass die Milch gut ankommt, haben unterdessen auch andere gemerkt. Einige Bauern, die vorerst nichts von dem Projekt wissen wollten, haben unterdessen bei Haab angeklopft. Und bereits hat er diverse Anfragen von weiteren Lebensmittelverkäufern bekommen, ob sie die Milch in ihr Sortiment aufnehmen dürften. Auch aus der Stadt Zürich.

Besser als Grossisten

Das Säuliämtler Modell könnte Schule machen, so haben sich bereits verschiedene Regionalverbände bei Haab erkundigt, ob das wohl auch bei ihnen funktionieren würde. Wichtig sei, dass man eine regionale Molkerei als Partner habe, sagt er. Auch gebe es andere Modelle, welche die Situation der Milchbauern verbesserten. Er nennt etwa «Natürli Zürioberland» – doch hätten dort nicht die Bauern das Heft in der Hand.

In Dietikon gibt es die kooperative Käserei Basimilch, welche die Milch vor Ort verarbeitet und an die Genossenschafter ausliefert, und der Hof Arbach auf dem Pfannenstiel setzt voll auf Direktvermarktung. Auch scheint das Thema mittlerweile bei den Grossisten angekommen zu sein, vermarkten doch Migros, Coop oder Aldi mittlerweile eigene regionale Labels mit dem Zusatz «nachhaltig». Martin Haab nennt diese Bezeichnungen allerdings Augenwischerei: «Mit ein paar Rappen mehr für den Bauern ist der Milchpreis noch weit davon entfernt, fair und damit nachhaltig zu sein. Der Produzent bezahlt immer noch drauf.»

www.di-fair-milch.ch

Erstellt: 30.07.2018, 07:03 Uhr

Der Bauer zahlt drauf

Zwar ist der jammernde Bauer schon fast sprichwörtlich, doch lässt es sich in Zahlen zeigen, dass die Rechnung für die Schweizer Milchbauern nicht aufgeht: Gemäss einer Vollkostenrechnung des Berufsbildungszentrums Natur und Ernährung im luzernischen Hohenrain liegen im Talgebiet die Produktionskosten für einen Liter Milch bei rund einem Franken. Darin enthalten ist ein Stundenlohn für den Bauern von 28 Franken. Rund 20 Rappen werden durch Direktzahlungen abgegolten, 80 Rappen müssen gemäss dieser Rechnung über den Verkauf reinkommen. Nur: Die Milchwirtschaft bezahlt dem Bauern zwischen 56 und 58 Rappen pro Liter. Das heisst, der Schweizer Milchbauer bezahlt gegen 25 Rappen pro produziertem Liter Milch drauf. (net)

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