«Auf einen Kurswechsel zu hoffen, ist illusorisch»

Der Stadtzürcher Dekan Marcel von Holzen wünscht sich für Chur einen urbanen Bischof. Doch der abtretende konservative Vitus Huonder hat beste Beziehungen nach Rom.

«Bei vielen Gläubigen ist Resignation spürbar»: Pfarrer Marcel von Holzen. Foto: Urs Jaudas

«Bei vielen Gläubigen ist Resignation spürbar»: Pfarrer Marcel von Holzen. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Churer Bischofswahl steht vor der Tür: Was für einen Bischof wünschen Sie oder Katholisch-Zürich sich?
Wenn man zurückschaut auf den Konflikt zwischen Chur und Zürich, braucht es einen Bischof für alle, der nahbar ist, dialogbereit und interessiert am Gegenüber. Gerade im Wirtschaftsraum Zürich mit seiner Multikultigesellschaft brauchen wir einen urbanen Bischof. Er müsste Versöhnungsarbeit leisten: Speziell unter den Priestern sind viele tief verletzt, weil Bischof Huonder in der Vergangenheit lieber auf Denunzianten gehört hat, als mit den Kritisierten zu reden.

Das «Forum Churer Priester» hat Papst Franziskus schriftlich gebeten, für einen auf Ver­söhnung bedachten Bischof zu sorgen. Ein frommer Wunsch?
Es ist wichtig, dass dieses offene Forum aus 80 Priestern mit unterschiedlicher Ausrichtung signalisiert, dass der Frieden im Bistum ein Herzensanliegen ist.

Man fürchtet, es werde erneut ein Konservativer gewählt.
Ist man realistisch, muss man damit rechnen, dass der bisherige Kurs weitergeht. Es wäre blauäugig, zu meinen, mit unserem Signal nach Rom wären die Weichen für einen ganz anderen Kirchenkurs gestellt. Wir wissen, dass die Churer Bistumsleitung viele Verbindungen nach Rom hat. Darum ist es illusorisch, mit einem totalen Kurswechsel zu rechnen. Trotzdem wollen wir unsere Wünsche äussern. Nicht nur das Forum, sondern auch der Huonder-treue Churer Priesterkreis ist nicht glücklich über die Polarisierung im Bistum Chur.

Es heisst, Bischof Huonder habe einen direkten Draht nach Rom. Das ermögliche ihm trotz Widerstand den Generalvikar Martin Grichting zu platzieren.
Das ist naheliegend. Grichting ist in Rom gut bekannt und mit dem wichtigen Kurienbischof Georg Gänswein befreundet. Diese Beziehung wird sicher Auswirkungen haben auf die Bischofswahl. Aber es gibt ja nicht nur diesen einen Kanal. Auch unsere Leute haben Beziehungen nach Rom über die Jesuiten und andere Ordensgemeinschaften. Oder über den früheren Weihbischof in Zürich, Peter Henrici, der in Rom ganz deutlich sagt, was Sache ist.

Wäre Grichting als Bischof für Katholisch-Zürich nicht gänzlich unzumutbar?
Grichting ist ein Mann mit Eloquenz und Organisationstalent, aber auch ein Mensch, der seine Meinung strikt durchsetzen will und so kaum Vertrauen weckt. Nur zu gut ist bekannt, dass er das duale System von innerkirchlichen und staatskirchenrechtlichen Instanzen in Form der Kantonalkirchen abschaffen möchte. Ihm schwebt eine Kirche nach US-amerikanischem Vorbild vor, in der der Bischof die volle Macht hat, ohne dass die staatliche Seite korrigierend intervenieren könnte.

Der Westschweizer Weihbischof Alain de Raemy und der Lebensschützer Roland Graf sind weitere häufig genannte Kandidaten, die Huonders Kurs fortsetzen würden.
Ich äussere mich ungern über einzelne Personen. Was ich sagen kann: Roland Graf und ich gehörten zu den ersten Studenten von Bischof Haas. Graf kommt mehr vom Kirchenrechtlichen, Lehramtlichen her, während ich meine Seelsorge von der gesellschaftlichen Realität her entwickle. De Raemy kenne ich nicht. Mir ist aber nicht bekannt, dass die beiden Herren grosse Verfechter des dualen Systems wären.

Das duale System war stets Hauptstreitpunkt zwischen Zürich und Chur. Kann man daran überhaupt etwas ändern?
Nein. Das Modell ist eine Erfolgsgeschichte, es hat sich in den letzten 50 Jahren bewährt. Es war in den 60er-Jahren in einem zähen Ringen entstanden – als Zeichen des ökumenischen Miteinanders, dass Reformierte und Katholiken gleichberechtigt und gemeinsam mit Gesellschaft und Staat das Kirche-Sein gestalten wollen. Grichtings Modell, wonach sich die Kirche ganz ohne Einfluss des Staates selber organisiert, hat in den USA wegen Missmanagements zu zahlreichen Konkursen von Diözesen geführt. So etwas würde bei uns nicht passieren, weil das die staatliche Kontrolle verhindert.

Die Bistumsleitung versucht im Vatikan, das duale System zu diskreditieren. Sie hat Rom eingeschaltet, weil das Bundesgericht deren Klage gegen die Bündner Kantonalkirche abgelehnt hat, die den Verein Adebar und dessen Beratungsarbeit bei Abtreibungen finanziell unterstützt. Dürfte das nicht selbst dem Papst einleuchten?
Das könnte ihm auf den ersten Blick einleuchten. Ich kann mir aber in der aktuellen Krisensituation, wo die Kirche haarsträubende Missbrauchsfälle deckt, nicht vorstellen, dass sie eine für Menschen in Not so wichtige Beratungsstelle auflöst, weil angeblich unvereinbar mit der Lehre der Kirche. Damit würde diese jede Glaubwürdigkeit verspielen. Zudem zweifle ich daran, dass es sich Rom nur wegen dieses Urteils mit der schweizerischen Politik und Justiz verderben will.

Der grösste Teil der Katholiken des Bistums Chur wohnt im Kanton Zürich. Müsste nicht auch der Bischof hier wohnen?
Das ist es ja, was wir monieren. Dem Zweiten Vatikanischen Konzil zufolge müssen Bischöfe in der modernen Welt dort ihren Sitz haben, wo das Gros der Katholiken lebt. Der Churer Bischof müsste also in der Metropole Zürich mit ihren urbanen Menschen residieren und nicht an einem historischen Bischofssitz weit weg vom Zentrum.

Im Kanton leben 130'000 Katholiken mit Migrations­hintergrund. Wäre ein Secondo-Bischof vorstellbar?
Das wäre möglich, sofern er unsere Kultur nicht nur kennt, sondern auch lebt. Er muss auch das duale System und dessen demokratische Grundstruktur anerkennen. Oft meinen ja Migrantenseelsorger, als Pfarrer tun und lassen zu können, was sie wollen. Sie sind aber in unser demokratisches System eingebunden. Zu diesem bekennt sich etwa der neue Synodalrat Luis Varandas, ein gebürtiger Portugiese und zugleich Zürcher durch und durch. Ihn könnte ich mir als Bischof vorstellen. Trotzdem wäre es traurig, wenn wir keinen geeigneten Schweizer Kandidaten finden könnten.

Und ein Secondo-Generalvikar? Der Kanton Zürich wird ja mit dem Rücktritt Huonders einen neuen Generalvikar erhalten.
Auch das wäre möglich. Der Generalvikar ist der Stellvertreter des Bischofs. Ich sähe für Zürich zwei Möglichkeiten: Entweder der neue Bischof in Chur tritt so überzeugend auf, dass er auch in Zürich willkommen wäre und von einem jungen, dynamischen Generalvikar unterstützt würde. Oder aber der neue Zürcher Generalvikar müsste auch Weihbischof mit grösseren Kompetenzen sein.

Bei Bischof Haas waren Protestmärsche üblich. Ist der Widerstand heute gänzlich eingeschlafen?
Eingeschlafen hiesse ja, dass sich niemand mehr für das Bistum interessiert, das ist nicht der Fall. Aber die Enttäuschung, die Trauer ist so gross, dass bei vielen Gläubigen und dem Personal die Resignation wirklich spürbar ist. Das führt zu einem Rückzug. Umso mehr, als das Personal das Gefühl hat, dass in der heutigen Situation Papst und Kirchenleitung nicht genügend konsequent gegen den sexuellen Missbrauch vorgehen. Einige Seelsorger sagten mir, sie würden am liebsten davonlaufen, weil ihrer Kirche die Glaubwürdigkeit fehle. Darum müssen von der Kirchenleitung klare Zeichen kommen, dass sie aufräumen will.

Erstellt: 21.03.2019, 23:15 Uhr

Marcel von Holzen

Der 48-Jährige ist Pfarrer in Höngg und als Dekan der Stadt Zürich Bindeglied zwischen Generalvikar und Kirchenpersonal.(mm)

Baldige Bischofswahl

Papst Franziskus hat auf Vitus Huonders 77. Geburtstag vom 21. April hin dessen Rücktritt als Bischof von Chur formell angenommen. Davor oder kurz danach werden die 24 Priester des Churer Domkapitels den neuen Bischof aus einem römischen Dreiervorschlag wählen. Organisatorisch gehört der Kanton Zürich seit 200 Jahren «provisorisch» zum Bistum Chur. (mm)

Artikel zum Thema

Ein Romand könnte Bischof von Chur werden

Gut möglich, dass ein Huonder-Treuer neuer Bischof von Chur wird: Etwa der Westschweizer Weihbischof Alain de Raemy oder gar der ungeliebte Generalvikar Martin Grichting. Mehr...

Gläubige SVPler zahlen lieber direkt an Bischof Huonder

Natalie Rickli und weitere Zürcher SVPler sind aus der katholischen Kirche ausgetreten – aus politischen Gründen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Genuss und Freude schenken

Schenken Sie Ihren Freunden Hochgenuss in Form eines FINE TO DINE Gutscheins für über 130 Schweizer Restaurants.

Kommentare

Blogs

Beruf + Berufung «Der Unfall schärfte meinen Blick aufs Leben»

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Nichts wie weg: Ein Känguru flieht vor den Flammen in Colo Heights, Australien, die bereits 80'000 Hektaren Wald zerstört haben (15. November 2019).
(Bild: Hemmings/Getty Images) Mehr...