Auf in die nächste Richtungswahl

Bei den Winterthurer Stadtratswahlen geht es darum, ob die Linke ihre Mehrheit wieder zurückerobern kann.

Der Winterthurer Stadtrat bewegt sich: Vorne der neu gewählte Jürg Altwegg, rechts Stadtpräsident Künzle. Foto: Sabina Bobst

Der Winterthurer Stadtrat bewegt sich: Vorne der neu gewählte Jürg Altwegg, rechts Stadtpräsident Künzle. Foto: Sabina Bobst

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Politisch schwankt Winterthur zwischen Zürich und Lugano – zwischen einer einst links regierten Stadt und einer, die im letzten März gar Lugano als bürgerlichste Schweizer Stadt rechts überholt hätte, wäre nicht ein Grüner statt eines SVP-Kandidaten gewählt worden. Im nächsten März, zeitgleich mit den Stadtzürcher Wahlen, findet der grosse Machtkampf zwischen den Blöcken erneut statt. Lautet das Verhältnis im siebenköpfigen Stadtrat weiterhin 4:3 für FDP, SVP und CVP – oder 3:4 für SP und Grüne? Das ist die klare Ausgangslage, nachdem in den letzten Tagen alle Parteien ihre Karten aufgedeckt haben.

Beutler lässt Künzle den Vortritt

Für die grösste Überraschung sorgte SP-Finanzvorsteherin Yvonne Beutler. Ihr gelang es, die Eulachstadt mit einem Fitnessprogramm vom «Griechenland der Schweiz» – ein SVP-Bonmot – mit einem 60-Millionen-Defizit zur selbstbewussten Stadt zu trimmen, die nun ein positives Budget aufweist und gar die Steuern senken will. Doch diesen Erfolg münzt sie wider Erwarten nicht zu einem Angriff aufs Stadtpräsidium um. «Ich möchte meinen Sohn aufwachsen sehen», war Beutlers Begründung auf Radio SRF 1. Sie sei stolz auf das Erreichte und wolle weiterhin «mit Leidenschaft Finanzvorsteherin bleiben».

Ein Kampf Beutler gegen Künzle – SP gegen CVP oder links gegen rechts – wäre spannend geworden. Und vor allem hätte Beutlers Kandidatur den Anspruch des linken Lagers befeuert, das die 2014 mit der Abwahl von Pearl Pedergnana (SP) verlorene Mehrheit wieder zurückholen will. Immerhin tritt mit GLP-Gemeinderätin Annetta Steiner doch noch eine Frau als Präsidentschaftskandidatin gegen Künzle an.

Die Ausgangslage:

  • SP: Nicolas Galladé (Soziales) und Yvonne Beutler (Finanzen) treten erneut an. Als dritte Kandidatin hat die SP Christa Meier nominiert, Leiterin der Klinikschule des Kantonsspitals Winterthur und bereits Kandidatin bei der Ersatzwahl im letzten Frühling, als es um die Nachfolge des grünen Stadtrats Matthias Gfeller ging. Meier hatte damals zugunsten des Grünen Jürg Altwegg auf den zweiten Wahlgang verzichtet.
  • Grüne: Jürg Altwegg (Schule und Sport) muss kurz nach seiner Wahl im März schon wieder auf Wahlkampfmodus umstellen. Sein Problem: Um nicht gleich abgewählt zu werden, muss er entweder Christa Meier (SP) schlagen oder einen der bisherigen vier bürgerlichen Stadträte. Im ersten Wahlgang um die Gfeller-Nachfolge im letzten Februar erreichte er 5336 Stimmen, Christa Meier 6209. Das linke Bündnis muss perfekt und ohne SP-Scharmützel funktionieren, damit es Altwegg wieder schafft.
  • EVP: Die Partei, 2002 bis 2010 mit Maja Ingold im Stadtrat vertreten, verzichtet auf eine Kandidatur und unterstützt voraussichtlich das linke Bündnis.
  • GLP: Annetta Steiner will Stadtpräsidentin werden. Das Problem der Winterthurer GLP, immerhin drittstärkste Partei im Parlament: Sie hat es zwischen den Blöcken schwer. Auch 2018 dürften im harten Kampf von SP/Grünen/EVP gegen FDP/SVP/CVP nur eingefleischte GLPWähler ihre Stimme «verschenken».
  • FDP: Die bisherigen Stefan Fritschi (Technische Betriebe) und Barbara Günthard-Maier (Sicherheit) sind gesetzt. Sie sind mit SVP und CVP in ein Viererbündnis eingebunden, das von den Wirtschaftsverbänden unterstützt wird.
  • SVP: Nach der deutlichen Niederlage von Daniel Oswald gegen den Grünen Jürg Altwegg im Frühling hat die SVP nur Bauvorstand Josef Lisibach nominiert und verzichtet auf den Grossangriff.
  • CVP: Obschon im 60-köpfigen Gemeinderat nur noch mit drei Sitzen vertreten, geht die CVP mit Stadtpräsident Michael Künzle sorglos in die Wahlen.
  • Piraten: Für Stadtratskandidat Marc Wäckerlin gilt wie für die GLP: Zwischen den Blöcken gibts kaum Luft.

FDP-Präsident Dieter Kläy ist überzeugt: «Unser Viererticket hält. Unter dem bürgerlichen Stadtrat steht Winterthur heute besser da als 2014.» SP-Co-Präsident Christoph Baumann hält dagegen: «Wir wollen eine Stadt, die sich der sozialen Verantwortung bewusst ist.» Dass die Bevölkerung eine linke Regierung wolle, zeigten die klaren Nein-Mehrheiten zur Privatisierung von Spital und Psychiatrie sowie das Nein zur Unternehmenssteuerreform III. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2017, 08:10 Uhr

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