Aufgepasst auf diese vier Neugewählten

Nur wenige hatten sie auf der Rechnung, doch wollen sie sich im Nationalrat nicht bei den Hinterbänklern einreihen.

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Der Kanton Zürich schickt sieben neue Nationalrätinnen und zwei neue Nationalräte nach Bern. Nur wenige von ihnen haben fest mit einer Wahl gerechnet. Der «Tages-Anzeiger» hat sich mit vier von ihnen unterhalten und wollte wissen, wo sie in Bern Schwerpunkte setzen wollen.

Die SachlicheBarbara Schaffner

Barbara Schaffner (GLP) wurde durch Al Gore politisiert. Bild: Urs Jaudas

Es war ein Amerikaner, der Barbara Schaffner politisiert hat: der ehemalige US-Vizepräsident und Friedensnobelpreisträger Al Gore. Als sie 2006 seinen Film «An Inconvenient Truth» im Kino sah, wurde ihr klar, dass sie ihr Leben ändern wollte. Die promovierte Physikerin und Mutter zweier damals gerade erst schulpflichtiger Kinder studierte noch einmal. Energietechnik.

«Mir war klar, dass man mit geeigneten technischen Mitteln sehr viel für die Umwelt bewirken kann.» Und noch etwas war ihr klar: Um wirklich etwas zu bewegen, braucht es die entsprechenden politischen Impulse. Schaffner ist eine GLP-Politikerin der ersten Stunde und repräsentiert diese Partei optimal. Umweltthemen sind ihr sehr wichtig, ein liberale Wirtschaftspolitik ziemlich wichtig, ein ausgebauter Sozialstaat nicht sehr wichtig.

Keine Vielsprecherin

So erlebt man auch ihr Engagement im Kantonsrat, wo sie Mitglied der Kommission für Energie, Verkehr und Umwelt ist und sich auch fast ausschliesslich zu diesen Themen äussert. Sie ist keine Vielsprecherin, aber beileibe auch keine Hinterbänklerin. Ihre Voten sind sachlich, präzis und gut belegt. Um so mehr fällt auf, wie spontan und fröhlich sie im persönlichen Umgang ist.

Barbara Schaffner (Jg. 1968) ist im aargauischen Anglikon aufgewachsen und kam durch ihr ETH-Studium nach Zürich. Dort habe sie auch gelernt, in Männergremien zu bestehen, sagt sie. Ihre politische Karriere beginnt denn auch nicht - wie so oft bei Frauen - als Schulpflegerin oder Mitglied der Sozialkommission ihrer Wohngemeinde. Sie schaffte 2011 direkt den Sprung in den Kantonsrat.

Nahe bei den Menschen

Erst danach reizte sie die Gemeindepolitik. Seit Juli 2018 ist sie Gemeindepräsidentin in ihrem Wohnort Otelfingen. Dort ist auch ihre Firma Eneba beheimatet, die auf Photovoltaik und andere erneuerbare Energien spezialisiert ist. An der Arbeit auf Gemeindeebene schätzt sie vor allem, dass sie sehr nahe bei den Menschen ist. Dieses Amt will sie auch weiterführen.

Die Nähe zum Volk wird sie in Bern noch weniger als im Kantonsrat spüren. Worauf freut sie sich denn dort? «Auf das Neue», sagt sie. Und wohl auch darauf, dass man sie dort nicht mit dem Hinweis ausbremsen kann, dass wichtige Umweltthemen nicht im Kanton, sondern in Bern oben entschieden werden.

Worauf freut sie sich nicht? Die Antwort kommt postwendend: «Auf das frühe Aufstehen, wenn Session ist.» Obwohl: So schwer sollte ihr das nicht fallen, gehört doch zu ihrem grossen Gemüse- und Wildblumengarten auch ein Hühnerhof - samt Hahn, der, wie es ihm bestimmt ist, morgens früh kräht. (net)

Der HoffnungsträgerAndri Silberschmidt

Andri Silberschmidt (FDP) muss sein Leben neu sortieren. Bild: Urs Jaudas

«Wie Geburtstag und Weihnachten zusammen», so umschreibt Andri Silberschmidt seine Gefühlslage am Tag nach seinem Überraschungscoup, der ihm 350 WhatsApp-Gratulationen bescherte. Der 25-jährige Zürcher FDP-Gemeinderat, Banker und Gastrounternehmer schaffte am Sonntag den Sprung in den Nationalrat.

Dabei machte er drei Plätze gut und liess FDP-Grössen wie Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler hinter sich. «Ich muss gerade mein Leben neu sortieren», sagt Silberschmidt.

Seit Jahren Knochenarbeit

Am Sonntagabend hat er noch spontan eine Wahlkampfparty organisiert, am Tag darauf wird der 25-jährige Shootingstar des Zürcher Freisinns von Journalisten und Fotografen belagert. Silberschmidt selber hört die Bezeichnung «Shootingstar» allerdings ungern: «Schliesslich leiste ich seit acht Jahren Knochenarbeit an der Basis.»

Tatsächlich blickt Silberschmidt auf eine beachtliche politische Karriere zurück: Er war von 2013 bis 2016 Präsident der Zürcher Jungfreisinnigen, sitzt seit 2018 für die FDP im Zürcher Gemeinderat und präsidiert seit 2016 und noch bis Ende Jahr die Schweizer Jungfreisinnigen.

Stark in Social Media

Dank Dauerwahlkampf, TV-«Arena»-Auftritten und starker Social-Media-Präsenz ist Silberschmidt zu einer populären FDP-Figur aufgestiegen. Was ihm bei der Wahl ebenfalls geholfen haben dürfte: seine Bereitschaft, mit Politikerinnen und Politikern aus dem gegnerischen Lager Koalitionen einzugehen.

Hier kennt der Jungfreisinnige («Mehr Freiheit, weniger Staat») keine Berührungsängste. So hat er sich schon mit SP und GLP zusammengetan, wenn es um Start-ups ging, um ein Stellvertretungsmodell bei Absenzen im Parlament oder um verlängerte Öffnungszeiten für Zürcher Restaurants im Sommer.

Kein Berufspolitiker

«Die Leute erwarten von uns Politikern Lösungen, die ewigen Streitereien stossen viele ab», ist Silberschmidt überzeugt. Deshalb gehe es darum, mit Politikern anderer Parteien zusammenzusitzen. Er sei geradezu froh, dass die Zeit der Wahlpodien jetzt vorüber ist – «weil man dort jeweils fast schon künstlich gegeneinander antreten musste.»

Angesichts seiner bisherigen Politkarriere gilt der umtriebige Silberschmidt als Hoffnungsträger der FDP. Wie sieht er selber seine Ambitionen? «Ich hoffe, dass ich eine gute Figur im Nationalrat mache», gibt er sich diplomatisch. Sein Mandat im Stadtparlament will er vorerst behalten. «Zürich braucht eine starke Stimme in Bern.» Bereits gekündigt hat er dafür seinen Job als Banker, als Gastrounternehmer macht er weiter. Denn: «Berufspolitiker will ich nicht werden, Bodenhaftung ist wichtig.» (mth)

Die PrägnanteCéline Widmer

Céline Widmer (SP) spürt endlich Rückenwind. Bild: Urs Jaudas

Céline Widmer hat ein stürmisches Jahr hinter sich. Doch der Sturm blies für sie in die richtige Richtung. Die Kantonsratswahlen im Frühling setzten einen Schlusspunkt hinter eine Legislatur, die sie als durch und durch frustrierend empfand. «Wir rannten mit unseren linken und grünen Anliegen gegen eine Wand an.» Und der Frauenstreik war für sie «absolut befreiend». Er habe viele Kräfte freigesetzt.

Die 1978 geborene Céline Widmer ist in Winterhur aufgewachsen und hat sich dort in der linksalternativen Kulturszene zuhause gefühlt. Während sie früher vor allem Konzerte besuchte, ist sie heute auch ein Theaterfreak, die neue Intendanz am Schauspielhaus hat sie bisher begeistert.

Durch die SVP politisiert

Nach der Matura liess sie sich zur Tontechnikerin ausbilden. Und es war ausgerechnet die SVP, welche dazu führte, dass sie sich mit Politik befasste. Sie war bei einem «Buurezmorge» für die Technik zuständig und entschied danach, dass sie künftig ihre eigene Stimme stärker einbringen wolle.

Sie studierte Politologie, zog in die Stadt Zürich und traf an der Uni auf den Bündner Jon Pult, der sie überzeugte, der SP beizutreten. Auf das Wiedersehen mit ihm in Bern freut sie sich speziell, denn auch er wurde neu ins nationale Parlament gewählt. Bitter sei es allerdings, dass zwei Bisherige abgewählt wurden. «Der Verlust zweier Sitze schmerzt, und die beiden haben das wirklich nicht verdient.»

Präsidentin der Finanzkommission

Politisch ist ihr Profil prägnant rot-grün. Das dürfte mit ein Grund sein, weshalb die SP-Delegierten sie auf der Nationalratswahlen mitten in die Phalanx der Bisherigen platziert hatten. Damals habe sie realisiert, dass ihr Engagement durchaus wahrgenommen werde, obwohl sie doch eher im Hintergrund aktiv sei, sagt sie.

Widmer war bis dahin tatsächlich keine jener Figuren im Kantonsrat, die Aussenstehenden sofort auffielen. Allerdings hat sie seither als Präsidentin der Finanzkommission deutlich an Profil gewonnen, farblos war sie aber bereits zuvor nicht.

Unverkrampft und kämpferisch

Sie gehört zu jenen Politikerinnen, die sich unverkrampft, aber durchaus kämpferisch in Diskussionen einbringt. Nicht so schnell aufzugeben, auch mal durchzubeissen, das liegt ihr. Nicht nur mit dem Rennvelo am Berg. Diese Eigenschaft wird ihr zugute kommen, denn Widmer ist eine berufstätige Mutter zweier schulpflichtiger Kinder. Sie arbeitet im Stab der Stadtpräsidentin unter anderem als Leiterin von Nexpo, einem Projekt, das die nächste Expo auf die Beine stellen will.

Bei der Arbeit will sie die Stellenprozente zugunsten der Politik reduzieren. In der Familie wird sie von ihrer Mutter stark unterstützt. «Sie hat sich über meine Wahl fast noch mehr gefreut als ich», erzählt sie. Am meisten aber freuten sich ihre beiden Buben. Die hatten sich nämlich ausbedungen, dass sie bei einer Wahl ein «Nintendo Switch»- Spiel bekommen. (net)

Die AktivistinMeret Schneider

Meret Schneider (Grüne) kämpft für Tierschutz und gegen Foodwaste. Bild: Urs Jaudas

«Meret Schneider rettet die Welt»: So lautete der Titel eines SRF-Reporter-Films, den die 27-jährige Grünen-Politikerin aus Uster letztes Jahr über den Kanton hinaus bekannt machte. Der Dok-Film präsentierte Schneider als ebenso unermüdliche wie entschlossene Tierschützerin, Klimaaktivistin und Kämpferin gegen Lebensmittelverschwendung.

Jetzt ist Meret Schneider auf ihrer politischen Mission einen Schritt weiter gekommen. Am Sonntag hat sie überraschend den Sprung in den Nationalrat geschafft. «Ich bin noch immer überwältigt, aber langsam realisiere ich die Wahl, es ist einfach cool und ich bin glücklich», sagte Schneider am Montag.

Mit siebzehn eine Partei gegründet

Der Wahlerfolg der Grünen zeigt ihrer Ansicht nach klar, «dass das Thema Klimawandel in den Köpfen der Bevölkerung angekommen ist.» Viele Leute und gerade auch viele Bauern spürten die Probleme inzwischen am eigenen Leib und fänden, es sei höchste Zeit, dass Massnahmen ergriffen werden.

Meret Schneider kämpft seit ihrer Jugend für einen konsequenten Tier- und Umweltschutz. Mit 17 Jahren gründete sie die Grüne Partei Zürcher Oberland, später wurde sie ins Stadtparlament Uster gewählt, seit diesem Frühling ist sie auch Kantonsrätin. Schneider ist zudem Co-Geschäftsleiterin der Tierschutzorganisation Sentience Politics, die hinter der Initiative für die Abschaffung der Massentierhaltung steht.

Es braucht radikale Lösungen

Auch als Nationalrätin will sich Schneider, die ihr Kantonsratsmandat abgibt, für eine ökologischere und tierfreundlichere Landwirtschaft einsetzen. Weitere Schwerpunkte will sie bei den Themen Foodwaste, nachhaltige Ernährung und Konsumverhalten setzen. Die Einfuhr von ausländischem Fleisch etwa möchte die Veganerin am liebsten unterbinden.

Die Grüne, die über einen Abschluss in Linguistik, Publizistik und Umweltwissenschaften verfügt, gilt als selbstbewusst, pointiert und eloquent. Dass ihr da und dort das Etikett der Radikalen anhaftet, stört sie nicht. «Radikal ist kein schlechter Begriff», sagt sie.

Der Begriff leite sich vom lateinischen Wort «radix» für Wurzel ab. Und darum gehe es auch: ein Problem an der Wurzel zu packen. Zudem seien wir «an einem Punkt, an dem wir radikale Lösungen brauchen». Schneider betont, sie wolle nicht einfach «jemandem den Schwarzen Peter zuschieben». Es gehe ihr nicht darum, Bauern und Grossverteiler an den Pranger zu stellen. Vielmehr gelte es, Fehlanreize im System zu korrigieren und mit gewissen Regeln zu einem Umdenken beizutragen. (mth)

Erstellt: 21.10.2019, 18:35 Uhr

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