164 km/h innerorts – jetzt will ein Raser mildes Urteil in Deutschland

Ein notorischer Autorowdy aus Deutschland erscheint nicht beim Schweizer Prozess. Der Fall erinnert an den Gotthard-Raser.

Der 53-jährige Deutsche wurde mehrmals im Kanton Zürich geblitzt. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Der 53-jährige Deutsche wurde mehrmals im Kanton Zürich geblitzt. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Es wäre nur noch eine Form­sache gewesen. Der Staatsanwalt und der 53-jährige Deutsche aus dem grenznahen Lottstetten sowie dessen Verteidiger hatten sich auf einen Prozess im abgekürzten Verfahren geeinigt: eine Strafe von 30 Monaten wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln, wovon der Beschuldigte 15 Monate absitzen soll.

Zum Prozess am Mittwoch erschien der IV-Rentner nicht, bereits zum zweiten Mal. Sein Verteidiger begründete die Absenz damit, dass sein Mandant seinen Wohnsitz in Deutschland habe. Der Verteidiger stellte den Antrag, die Staatsanwaltschaft solle das Verfahren an Deutschland abtreten, damit dem Mann dort der Prozess gemacht würde.

Der – nicht genannte – Grund liegt auf der Hand: In Deutschland werden Verkehrsrowdys bedeutend weniger hart angefasst als in der Schweiz und insbesondere im Kanton Zürich. Weil mit der Abwesenheit des Beschuldigten auch kein Geständnis vorliegt, konnte der Fall nicht im abgekürzten Verfahren durchgeführt werden. Der Fall geht zum Staatsanwalt zurück.

Ein notorischer Raser

Die Vorwürfe sind happig. So wurde dem Mann bereits Ende 2014 den Führerschein auf unbestimmte Zeit wegen massiver Delinquenz im Strassenverkehr entzogen. Dennoch war er immer wieder mit seinem Audi A6 unterwegs. 2017 wurde er dreimal in der Stadt Zürich und zweimal im Zürcher Unterland geblitzt. Im Januar 2018 fiel er einer Patrouille der Kantonspolizei in Rafz auf. Als die Polizisten den Wagen kontrollieren wollten, raste er ins nahe Lottstetten in Deutschland davon. Damit nicht genug. Er fuhr dieses Jahr noch weitere drei Male – wobei er einmal ­innerorts mit 164 km/h geblitzt wurde – dreimal so schnell wie erlaubt.

Dann gilt man als Raser: Ausschnitt aus dem Strassenverkehrsgesetz, Art. 90. Bild: admin.ch

Der Staatsanwalt verlangte für den uneinsichtigen Lenker wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln und Fahrens trotz Ausweisentzug eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten, wovon er die Hälfte absitzen soll. Zudem soll er Gerichts- und Verfahrenskosten in der Höhe von knapp 5000 Franken bezahlen.

Kein Wunder, dass sich der Mann bei dieser Strafandrohung eine Verurteilung in Deutschland wünscht. Nun muss der Staatsanwalt entscheiden, ob er ein Strafübernahmebegehren an die deutschen Behörden stellt oder ob er eine normale Anklage beim Gericht erhebt.

Sicher in Deutschland

Dass es zu einem Strafübernahmebegehren kommt, ist wenig wahrscheinlich. Der Zürcher Raser-Staatsanwalt Jürg Boll, der in diesen Fall nicht involviert ist, hatte vor Jahren schon einmal ein solches Begehren wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln gestellt. Die Antwort seines deutschen Kollegen: Das sei in Deutschland bloss eine Verkehrsordnungswidrigkeit, welche verjährt sei, weshalb das Verfahren eingestellt wurde.

Der aktuelle Fall hat Parallelen zum «Gotthard-Raser». Ein Mann aus Stuttgart bretterte vor vier Jahren mit seinem BMW mit 200 Kilometern pro Stunde über die A2. Im Gotthardtunnel, wo Gegenverkehr herrscht, überholte er zehn Autos. Der Mann wurde durch die Tessiner Justiz in Abwesenheit zu 30 Monaten Gefängnis verurteilt. 12 Monate muss er ­absitzen, 18 Monate sind auf ­Bewährung.

Der Raser trat die einjährige Strafe nicht an. Deshalb beantragten die Tessiner bei der deutschen Justiz ein Strafvollzugsverfahren. Aber auch in seinem Heimatland verweigerte er den Haftantritt, sodass ihn die Polizei zwangsweise abholen musste. Laut einem Sprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart befindet sich der Mann seit Mitte Oktober im Gefängnis.

Erstellt: 30.11.2018, 08:40 Uhr

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