ABZ-Genossenschaft entledigt sich eines Ständerats

Die grösste Baugenossenschaft der Schweiz wechselt die Revisionsstelle – aus politischen Gründen.

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Die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich ist schweizweit die grösste Baugenossenschaft. Über 11'000 Menschen leben in rund 5000 Wohnungen in 59 Siedlungen in und um Zürich. An der 102. Generalversammlung am vergangenen Donnerstag im Restaurant Cube in Zürich-Albisrieden fällten die Mitglieder einen überraschenden Entscheid. Die knapp 400 anwesenden Genossenschafterinnen und Genossenschafter folgten der Empfehlung von zwei Mitgliedern, die einen Wechsel der Treuhandfirma BDO als Revisionsstelle beantragt hatten. Die beiden Initianten begründeten den Wechsel mit den politischen Ansichten eines BDO-Verwaltungsratsmitglieds. Diese seien mit der Wertehaltung der ABZ nicht vereinbar.

Konkret geht es um die politischen Vorstösse von Konrad Graber, CVP-Ständerat aus Luzern und Mitglied des vierköpfigen Verwaltungsrates der Treuhandfirma BDO Schweiz. Graber vertritt seinen Kanton seit 2007 in der kleinen Kammer und ist dort unter anderem Mitglied der politisch wichtigen Wirtschafts- und Abgabekommission. In seiner Tätigkeit als Parlamentarier hatte er im März 2016 eine parlamentarische Initiative eingereicht, die verlangt, «den Bedürfnissen des Denk- und Werkplatzes Schweiz durch eine Teilflexibilisierung des Arbeitsgesetzes Rechnung zu tragen, ohne dass dabei die Arbeitszeiten erhöht oder die Schutzbedürfnisse in der industriellen und gewerblichen Produktion tangiert werden sollen». So sollten im Arbeitsgesetz etwa die wöchentlichen Höchstarbeitszeit und die Ruhezeit flexibler gestalten werden.

Der Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber. Bild: Patrick Luethy/EQ Images

Ebenfalls kritisiert wurde an der ABZ-Generalversammlung Grabers Haltung beim Thema der Überprüfung der Lohngleichheit. Im März hatte Graber dem Ständerat erfolgreich beantragt, die Vorlage des Bundesrates mit Massnahmen gegen die Lohndiskriminierung an die Kommission zurückzuweisen.

Vorstand wollte BDO weiterhin

Laut ABZ-Präsidentin Nathanea Elte waren die beiden Initianten bereits vor der Generalversammlung beim Vorstand vorstellig geworden. Es sei keine spontane Empfehlung gewesen. Der Vorstand hatte in der Folge an der Generalversammlung den rund 400 anwesenden Genossenschaftern die Offerten dreier Treuhandgesellschaften unterbreitet, darunter auch diejenige der BDO. Die Anwesenden hätten sich als neue Revisionsstelle für die Firma OBT entschieden. Elte sagt, dass sich der Vorstand für die Weiterführung mit der bisherigen Treuhand BDO ausgesprochen habe, da man seit Jahren mit diesem Unternehmen zusammenarbeite und mit der Arbeit sehr zufrieden gewesen sei. Aber die Genossenschafter hätten sich anders entschieden, da sie ein Zeichen setzen wollten. Dies habe zur Wahl der OBT geführt. Für Elte ein Beispiel von gelebter Genossenschaftsdemokratie, denn die Wahl der Revisionsstelle sei statutarisch verankert und erfolge jedes Jahr durch die Generalversammlung.

Die ABZ hat für die jährliche Prüfung der Buchhaltung der Firma BDO rund 40'000 Franken bezahlt. In diesem Rahmen wird sich auch das Budget für die neue Firma OBT belaufen.

Gemäss Werner Schiesser, Chef von BDO Schweiz und Delegierter des Verwaltungsrates, ist ein Wechsel der Revisionsstelle legitim. Der Umsatzverlust von rund 40'000 Franken ist für BDO Schweiz mit rund 1200 Mitarbeitenden und einem Umsatz von circa 200 Millionen Franken verkraftbar. Es sei jedoch festzuhalten, dass der Entscheid zum Wechsel, entgegen der Empfehlung des Vorstandes, nicht aufgrund einer Bemängelung der Arbeit der BDO-Experten zustande kam, sondern rein politischer Natur war. Das Unternehmen sei auf dem Platz Zürich bezüglich Treuhand und Revision für Baugenossenschaften führend und ein sozialer Arbeitgeber. «BDO macht keine Vermischung der Mandatstätigkeiten und der politischen Beschäftigungen vom Volk gewählter Parlamentarier, auch wenn diese dem Verwaltungsrat angehören. Unsere Mitarbeitenden sind dem Mandat verpflichtet und führen dieses nach den Regeln der Branche aus», so Schiesser weiter.

«Aufregung auf Vorrat»

Ständerat Konrad Graber will den Entscheid der ABZ-Genossenschaft nicht kommentieren. Er sagt aber, dass sowohl die nationalrätliche als auch die ständerätliche Wirtschafts- und Abgabekommission Handlungsbedarf in der Arbeitsflexibilisierung als gegeben erachten und die von der Kommission verabschiedete Vorlage Mitte August in die Vernehmlassung gehe. Bis zur Abstimmung im Parlament sei es noch ein weiter Weg, beschlossen sei noch nichts. Die Gewerkschaften, welche gegen den Vorstoss Sturm laufen, würden «Aufregung auf Vorrat betreiben».

Erstellt: 03.07.2018, 20:35 Uhr

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