Bei Anruf Sex

Ein Zürcher Gericht hat einen 25-Jährigen vom Vorwurf der zweifachen Vergewaltigung freigesprochen. Eine Richterin protestiert.

Der 25-Jährige wurde freigesprochen: Aussenansicht des Zürcher Bezirksgebäudes.

Der 25-Jährige wurde freigesprochen: Aussenansicht des Zürcher Bezirksgebäudes. Bild: Urs Jaudas

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Man kann sich nur wundern, mit welch engagierter Gleichgültigkeit der 25-Jährige vor dem Bezirksgericht Zürich steht – vor einem Gericht, dem diese Haltung nicht verborgen bleibt. Ist ihm nicht bewusst, was für ihn auf dem Spiel steht? Oder versteht er nicht, was die ganze Aufregung soll? Eine Aufregung, die in der Erkenntnis zu gipfeln scheint: «Wahrscheinlich hätte ich besser die Finger von ihr gelassen.»

«Mir ging es nur um Sex»

Dabei habe er es «so offensichtlich wie möglich gemacht». Offensichtlich gemacht? «Sie wusste, dass ich keine Beziehung will. Mir ging es nur um den Sex.» Was man darunter genau zu verstehen hat, lässt er das Gericht in kurzen Sätzen wissen. Telefonieren nur, wenn man (Sex) will. Man kommt schnell zu Sache. Und man verabschiedet sich dann ebenso schnell wieder. «So ging das mehrere Male.»

Nachfragen des Gerichts mag er nicht. An Details – beispielsweise wer wen ausgezogen hat – kann er sich, auch nach längerem Überlegen, nicht mehr erinnern. Dass man sich nicht küsste beim Zugangesein, das allerdings weiss er noch. Ob sie das eventuell gemocht hätte? «Vielleicht», sagt er nach einer Pause.

Zum Ende der Verhandlung, als bereits klar ist, dass der 25-Jährige vom Vorwurf der zweifachen Vergewaltigung freigesprochen wird, wendet sich der Gerichtsvorsitzende mit Worten an den Mann, die nicht im Strafgesetzbuch stehen. «Egoistisch, rücksichtslos und kaltherzig» sei das gewesen, sagt er. Und: «Mit Frauen geht man so nicht um.»

«Sie hat sich ganz normal verhalten»

Zweimal soll es zwischen dem Türken und der gut vier Jahre jüngeren Frau zu sexuellen Kontakten gekommen sein, die gegen ihren Willen geschahen: einmal in der Garderobe einer Autowerkstatt und einmal mitten in der Nacht auf offener Strasse in der Nähe des Bahnhofs Stadelhofen.

«Wir hatten Sex in der Garderobe, und dann ging sie wieder», sagte der 25-Jährige, der die Vergewaltigung natürlich bestritt. Sie habe sich «ganz normal verhalten». Und beim Fall Stadelhofen sei die Initiative sogar von ihr ausgegangen. Anschliessend ging sie mit seinem Cousin nach Hause, wo sie und der Cousin noch einmal Sex miteinander hatten.

Er ist auch nicht unglaubhaft

Das Gericht hatte bei der Beurteilung des Falles ein Problem: So sparsam der Beschuldigte gegenüber dem Gericht seine Sprache fand, so detailliert hatte er gegenüber der Polizei in der Untersuchung Auskunft gegeben. Und was er sagte, so das Gericht, war «in sich logisch, stimmig und mit einer gewissen Selbstbelastung versehen».

Beim Vorfall in der Garderobe sei die Frau gemäss ihren eigenen Angaben «wie gelähmt gewesen». Beim Vorfall Stadelhofen liessen ihre Angaben vermissen, «welche Handlungen sie unternahm», um dem Mann ihren Widerwillen zu signalisieren. Damit sei in keiner Weise gesagt, dass die Frau unglaubhaft sei. Aber das sei er eben auch nicht.

Glaubhaftigkeitsgutachten gefordert

In kurzen Worten: Das Gericht hatte unüberwindbare Zweifel, ob der Beschuldigte überhaupt erkennen konnte, dass die Frau in der konkreten Situation keinen Sex wollte. Denn unbestritten war, und auch von der Frau so bestätigt, dass man nur zusammenkam, wenn es um Sex ging. Das heisst: Bereits der Umstand, dass man sich traf, signalisierte die Bereitschaft zu Sex. Unter diesen Umständen müsse der Türke nach dem Grundsatz «Im Zweifel für den Angeklagten» freigesprochen werden.

Eine Richterin des Gerichts hatte Zweifel anderer Art: Die junge Frau, die in ihrer Jugend ohne Zweifel Opfer sexueller und gewalttätiger Übergriffe geworden war, ist eine psychisch geschwächte Person, «kraftlos, depressiv, verängstigt», wie ihre Rechtsvertreterin vor Gericht sagte. In einer psychiatrischen Beurteilung heisst es über die junge Frau, aufgrund ihrer Störungen komme es vor, dass sie den Bezug zur Realität verliere.

Die Richterin sagte, die Schilderungen der Frau über die Vorgänge beim Bahnhof Stadelhofen seien glaubhaft. Welchen Wert diese Aussagen auf dem Hintergrund ihrer Störungen hätten, könne erst ein Glaubhaftigkeitsgutachten zeigen. Solange ein solches Gutachten nicht vorliege, dürfe über den Fall nicht entschieden werden.

Abstimmung offengelegt

Wie oft Urteile einstimmig gefällt werden, ist nicht bekannt, weil das Abstimmungsergebnis in aller Regel nicht bekannt gegeben wird. Können sich jene Richter, die in der Abstimmung in der Minderheit geblieben sind, mit dem Mehrheitsentscheid aber überhaupt nicht anfreunden, haben sie das Recht, eine sogenannte Minderheitenmeinung zu Protokoll zu geben.

Die Minderheitenmeinung wird auch den Prozessparteien bekannt gegeben. Nicht selten motiviert dies die unterlegene Prozesspartei, den Fall der nächsthöheren Gerichtsinstanz zur Beurteilung vorzulegen.

Der Türke, übrigens, kassierte doch noch eine bedingte Gefängnisstrafe von vierzehn Monaten und eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen. Grund: Verbrechen und Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz, mehrfaches Fahren ohne Berechtigung und mehrfaches Vergehen gegen das Waffengesetz. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.01.2018, 14:41 Uhr

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