Bei Studentinnen ist der Kindergarten beliebter als die Schule

Hochschulabgängerinnen wählen bevorzugt Stellen in Kindergärten – trotz tiefer Löhne.

Kindergärtnerinnen beschweren sich immer wieder über schlechte Arbeitsbedingungen. Foto: Yvon Baumann

Kindergärtnerinnen beschweren sich immer wieder über schlechte Arbeitsbedingungen. Foto: Yvon Baumann

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In den Zürcher Schulhäusern ist Ruhe eingekehrt. Die Kinder sind in den Ferien, die meisten Lehrerinnen und Lehrer auch. In den Büros von etlichen Schulleitern herrscht aber noch Hochbetrieb, denn noch immer ist nicht überall klar, wer am ersten Schultag Mitte August vor den Klassen steht. Am prekärsten ist die Situation im den Kindergärten. Gestern wurden auf der kantonalen Stellenbörse noch immer 30 Kindergärtnerinnen gesucht.

Weshalb es besonders auf der Stufe des Kindergartens einen so grossen Mangel an Lehrpersonen gibt, liegt gemäss der Chefin des Volksschulamtes, Marion Völger, in erster Linie an den Schülerzahlen. In der Tat steigen sie im Kindergarten stark an, was nicht nur mit der Zuwanderung und dem Geburtenwachstum zu tun hat, sondern auch mit der Vorverlegung des Einschulungsdatum. In den letzten Jahren wurde es wegen der Harmonisierung der Volksschulen in der Schweiz vorverschoben, womit immer Kinder aus einem ganzen Jahrgang und einem zusätzlichen Monat für den Kindergarten aufgeboten wurden.

Für die amtierenden Kindergärtnerinnen liegt der Hauptgrund des Personalmangels allerdings in den aus ihrer Sicht miserablen Arbeitsbedingungen im Kindergarten. Denn die Kindergärtnerinnen sind nicht nur eine Lohnklasse tiefer eingereiht als Lehrerinnen und Lehrer, sie können bei einem vollen Pensum auch nur 88 Prozent eines vollen Lohnes verdienen. Kindergärtnerinnen sehen darin die Diskriminierung eines Frauenberufs, obwohl dies kürzlich vom Bundesgericht verneint wurde.

Kindergärtnerinnen müssen zwar nur 24 statt 28 Lektionen pro Woche erteilen. Für sie ist aber die Arbeit pro Lektion aufwendiger als in der Schule, weil eine Kindergärtnerin die Kinder auch in den Pausen und vor und nach der Schule nicht alleine lassen kann. Für Brigitte Fleuti, die Präsidentin des Verbandes Kindergarten Zürich, sendet der Kanton mit seiner Lohnpolitik «aus pädagogischer und gesellschaftlicher Sicht ein verheerendes Signal aus», wie sie dem Limmattaler Tagblatt sagte.

Geringere Erwartungen

Nun zeigen aber Zahlen aus der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH), dass der Ruf des Kindergartens bei jungen Frauen gar nicht so schlecht ist. Die Hochschule befragt seit vier Jahren die Abgängerinnen des Kust (Kindergarten-Unterstufe)-Lehrgangs. Wer ein Kust-Diplom hat, kann im Kindergarten und in der Unterstufe (1. bis 3. Klasse) der Primarschule unterrichten.

Die letzte Befragung fand im Mai statt und hat ein erstaunliches Resultat ergeben: 73,3 Prozent der Befragten, die zu jenem Zeitpunkt bereits eine Festanstellung hatten, werden im Kindergarten beginnen und nur 26,7 Prozent in der Primarschule. Ähnliche Resultate hätten frühere Befragungen und Umfragen in anderen Kantonen ergeben, wie Elisabeth Hardegger, Abteilungsleiterin Eingangsstufe an der PHZH, sagt.

Hardegger ist über dieses Resultat erfreut. «Die jungen Frauen erfüllen sich offensichtlich ihren Berufswunsch.» Mit der Wahl des kombinierten Lehrgangs wahren sie laut Hardegger die Chance, später an die Schule zu wechseln. Für Hardegger ist klar, weshalb sie den Kindergarten vorziehen: «Es ist attraktiv, mit Vier- bis Sechsjährigen zu arbeiten. Bei ihnen sind die Entwicklungsschritte besonders gross. Zudem sind die Leistungserwartungen an die Kinder noch nicht so riesig.»

Lehrgang vor dem Aus

Unklar ist derzeit, wie es mit dem reinen Kindergartenlehrgang an der PHZH weitergeht. Denn im Unterschied zum Kust-Lehrgang stagniert das Interesse daran, zudem wird er die Anerkennung in anderen Kantonen verlieren, weil er auch für alle Absolventinnen einer Fachmittelschule zugänglich ist. Hardegger rechnet deshalb damit, dass er mittelfristig eingestellt wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2018, 21:00 Uhr

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